Neu im Kino/Filmkritik: Wie war „Die wilde Zeit“?

Mai 31, 2013

 

Nach seinem grandiosen „Carlos – Der Schakal“ bleibt Olivier Assayas auch mit seinem neuesten Film „Die wilde Zeit“, der im Original „Après Mai“ heißt und auf die Nachwirkungen des revolutionären Mai 1968 anspielt und bei uns ursprünglich als „Something in the Air“ (was auch ein treffender Titel gewesen wäre) anlaufen sollte, den Siebzigern treu und erzählt von einigen Jugendlichen, die zwischen Schulabschluss und Studienbeginn bei der Revolte mitmachen wollen. Sie wollen eine andere, eine bessere Gesellschaft und versuchen ihren eigenen Weg zwischen Liebe, Kunst und Politik zu finden.

 

Die Jugend meiner Generation war ganz besonders entflammbar. Die heutige Jugend ist eher vernünftig. Jeder ist radikal, steht aber für nichts ein. In den 1970er wurden wir permanent gefordert, uns zu rechtfertigen: ‚Was hast du für die Arbeiterklasse getan?‘ (…) Wir hassten Unternehmen jeglicher Form und näherten uns ihnen nur, um sie von innen zu sabotieren. Wir lebten in Kommunen, wir weigerten uns Familien zu gründen, hatten keine Altersvorsorge im Kopf (…) Die „Nach-Mai“-Generation wurde in das Chaos hineingeboren und wuchs im Chaos auf. Sie hatte keine anderen symbolischen Werte als die Ablehnung der Welt, die Marginalisierung, die Verpflichtung auf das Endergebnis. Ein sehr zerstörerisches Endergebnis, wie sich herausstellt. Diese Generation zahlt einen hohen Tribut.“ (Olivier Assayas)

 

Der Film beginnt unmittelbar nach der vom Polizeipräsidium verbotenen Demonstration vom 9. Februar 1971 in Paris. „Le Secours Rouge“, eine maostisch-kommunistische Organisation, rief zu einer Demonstration gegen die Inhaftierung einiger proletarischer Linker auf. Die neu gegründeten „Brigades Spéciales d’Intervention“ (Sondereinheiten für Interventionsmaßnahmen) wendeten hemmungslos Gewalt gegen die Demonstranten an. Ein Demonstrant, der 24-jährige Richard Deshayes, wird von einer Rauchgranate getroffen und verliert ein Auge, das andere wird schwer verletzt. Der unpolitische Gymnasiast Gilles Guiot wird auf seinem Heimweg verhaftet und zu einer sechsmonatigen Gefängnisstrafe mit drei Monaten Bewährung wegen des nicht nachweisbaren Angriffs auf einen Offizier im Dienst verurteilt. Die Studentenbewegung schöpfte aus diesen Ereignissen neue Kraft.

 

Auch Gilles und seine linken Freunde in der Pariser Vorstadt beschäftigt dieses grundlos harte Durchgreifen der Staatsmacht, die wild um sich prügelt und, wie auch kurz darauf in „Die wilde Zeit“, mit Rauchgranaten und Schlagstöcken Demonstrationen auflöst und hemmungslos Jugendliche verfolgt, die einfach nur das Pech haben, in der Nähe der Demonstration zu sein. Sie wollen ein Zeichen setzen. Dabei werden ihre Aktionen, die juxhaft mit dem nächtlichen Bemalen der Schule beginnen, zunehmend gefährlicher. Auch weil das Gebäude von einigen Wachleuten bewacht wird.

 

Nachdem sie einen Wachmann schwer verletzen und der Sommer naht, begeben Gilles und seine Freunde, teils zusammen, teils getrennt, sich auf Reise. Nach England und Italien, zu Künstlern, Musikern und radikalen Filmemachern. Und sie müssen sich entscheiden, welchen Weg sie gehen wollen: ob sie wirklich Terroristen werden wollen oder sich irgendwie mit dem System arrangieren, es versuchen von innen heraus zu verändern.

 

Das ist, wie der 1955 in Paris geborene Regisseur und Drehbuchautor Olivier Assayas zugibt, autobiographisch gefärbt, aber auch ein Porträt einer Generation, die nach dem großen Aufbruch von 1968 ihren Weg suchte.

 

Assayas zeichnet diese Irrungen und Wirrungen feinfühlig und mit mehr als einem Augenzwinkern in Richtung Nouvelle Vague nach. Da fallen die darstellerischen Mängel der Jungschauspieler – Debütanten und Laienschauspieler – umso stärker auf. Denn zu oft sind sie nicht auf der Höhe des Buchs und der Regie.

 

Die wilde Zeit - Plakat

 

Die wilde Zeit (Après Mai, Frankreich 2012)

 

Regie: Olivier Assayas

 

Drehbuch: Olivier Assayas

 

mit Clément Métayer, Lola Créton, Félix Armand, Carole Combes, India Salvor Menuez, Hugo Conzelmann

 

Länge: 122 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

 

 

Hinweise

 

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Die wilde Zeit“

Metacritic über „Die wilde Zeit“

Rotten Tomatoes über „Die wilde Zeit“

 

Wikipedia über „Die wilde Zeit“ (englisch, französisch)

 

Meine Besprechung der Kinofassung von „Carlos – Der Schakal“

 

Meine Besprechung von „Carlos – Der Schakal“ (Director’s Cut – bzw. die dreiteilige TV-Fassung)

 

 

Advertisements

Neu im Kino/Filmkritik: Terrence Malick geht „To the Wonder“

Mai 31, 2013

Schon in seinen ersten Filmen „Badlands“ und „Days of Heaven“ waren die Bilder aufregender als die von Terrence Malick erzählte Geschichte. In seinen späteren Filmen – wobei eine lange Schaffenspause ihm einen quasi gottgleichen Ruf verschaffte, den er durch seine Weigerung, sich über seine Filme und sich zu äußern, noch steigerte – vernachlässigte er die Geschichte, verstanden als eine irgendwie nacherzählbare, logisch aufeinanderfolgende Kette von Ereignissen, immer mehr. So war sein Kriegsfilm „The Thin Red Line“ vor allem eine Meditation über den Krieg. In „The New World“, seiner Version der Geschichte von Pocahontas, erzählte er zwar die Geschichte chronologisch, aber er ließ so vieles aus, dass es am Ende nur eine bildgewältige Meditation über zwei verschiedene Kulturen und die Natur war. „The Tree of Life“ erzählte irgendwie eine problematische Familiengeschichte, war aber eine Meditation über die Beziehungen von Kindern zu ihren Eltern und über das Leben. Alles irgendwie alles.

In seinem neuesten Film „To the Wonder“ geht es um die Liebe und, auch wenn der Verleih eine Geschichte herausdestillierte, ist der gesamte Film eine Verneinung einer auch nur halbwegs schlüssigen Geschichte. Es ist wieder eine Meditation, die anhand der Geschichte des US-Amerikaners Neil und der Französin Marina, die in Frankreich glückliche Tage verbringen, sie ihm in die USA folgt und ihre Liebe erlischt, einem zum Nachdenken über sein eigenes Verhältnis zur Liebe inspirieren soll. Und wer empfänglich dafür ist, wird sicher auch einiges für sich in diesem Bilderrausch und den kryptischen, eher monoton geflüsterten Gedanken von Neil, Marina und Pater Quintana entdecken.

Für alle anderen – wozu auch ich gehöre – ist „To the Wonder“ nur „The Tree of Life“, ohne Dinosaurier und mit einer kürzeren Laufzeit. Denn wieder dürfen die Frauen, verfolgt von der Kamera beschwingt über Wiesen und Äcker laufen. Olga Kurylenko kann das sehr gut. Die Männer dürfen eher vor sich hinbrüten. Ben Affleck und Javier Bardem gelingt dieses griesgrämig vor sich hin starren und durch das Bild laufen ebenfalls sehr gut. Aus dem Off gibt es bedeutungsschwangere Texte, wie: „Irgendwann wirst du lieben, ob du es willst oder nicht. Gefühle ziehen vorüber wie Wolken. Liebe ist nicht nur ein Gefühl. (…) Vielleicht wartet sie nur darauf in etwas Höheres verwandelt zu werden. Erwache in der göttlichen Gegenwart, die jedem Mann, jeder Frau innewohnt. Erkennt einander in dieser Liebe, die niemals endet.“. Das fühlt sich wie ein religiöses Erweckungsgebet für das Heartland und die einfachen Menschen an – und kann wahrscheinlich auch nur voll erfasst werden, wenn man sich bedingungslos auf diese geistigen Sphären einlässt.

To the Wonder“ ist nur noch öder, pathetischer Malick-Manierismus, der auf Trailerlänge gefällt, auf Spielfilmlänge als prätentiöser Quark langweilt.

Und die Bilder? Naja. Einige sind wirklich wie Gemälde, die meisten gehorchen, der Anbetung des Augenblicks, wenn die Schauspieler vor sich hin improvisieren dürfen (wird ja eh mit einem Voice-Over abgeschmeckt) und Olga, ihre Arme himmelwärts gereckt, über die Wiese läuft.

To the Wonder - Plakat

To the Wonder (To the Wonder, USA 2012)

Regie: Terrence Malick

Drehbuch: Terrence Malick

mit Ben Affleck, Olga Kurylenko, Rachel McAdams, Javier Bardem

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „To the Wonder“

Metacritic über „To the Wonder“

Rotten Tomatoes über „To the Wonder“

Wikipedia über „To the Wonder“

Genug Film, es gibt auch Bücher.

Zum Beispiel über Regisseure.

Kamalzadeh - Pekler - Terrence Malick - 4

Die beiden Filmjournalisten Dominik Kamalzadeh und Michael Pekler haben jetzt ein Buch über Terrence Malick geschrieben, das einfach nur „Terrence Malick“ heißt, alle Filme des Regisseurs vorstellt (sind ja nur sechs in vierzig Jahren) und sich ihnen in mehreren, etwas spröde geschriebenen, thematischen Essays nähert. Dabei haben sie das Problem, dass Malick keine Interviews gibt und auch seine Mitarbeiter und die Schauspieler eher wenig über die Intention des Regisseurs verraten können. So sind die beiden Autoren bei ihren Interpretationen doch etwas auf sich selbst zurückgeworfen.

Aber das ändert nichts daran, dass dieses erstedeutschsprachige, reichhaltig bebilderte und sehr informative Buch über Malick eine sehr lohnenswerte Lektüre ist und etliche Einblicke in Malicks Werk, Stil und Themen gewährt.

Dominik Kamalzadeh/Michael Pekler: Terrence Malick

Schüren, 2013

208 Seiten

19,90 Euro

Die Filme von Terrence Malick

Badlands, USA 1973 (Badlands – Zerschossene Träume), mit Martin Sheen, Sissy Spacek, Warren Oates

Days of Heaven, USA 1978 (In der Glut des Südens), mit Richard Gere, Brooke Adams, Sam Shepard

The Thin Red Line, USA 1998 (Der schmale Grad), mit Sean Penn, Adrien Brody, Jim Caviezel, Ben Chaplin, George Clooney, John Cusack, Woody Harrelson, Elias Koteas, Jared Leto, Nick Nolte, John Savage, John Travolta

The New World, USA 2005, mit Colin Farrell, Q’orianka Kilcher, Christopher Plummer, Christian Bale, Wes Studi, David Thewlis

The Tree of Life, USA 2011, mit Brad Pitt, Sean Penn, Jessica Chastain,

To the Wonder, USA 2012, mit Ben Affleck, Olga Kurylenko, Rachel McAdams, Javier Bardem

Noch mehr Hinweise

AllMovie über Terrence Malick

Rotten Tomatoes über Terrence Malick

Wikipedia über Terrence Malick (deutsch, englisch)

 


TV-Tipp für den 31. Mai: Payback – Zahltag

Mai 31, 2013

RTL II, 22.40

 

Payback – Zahltag (USA 1999, R.: Brian Helgeland)

 

Drehbuch: Brian Helgeland, Terry Hayes

 

LV: Richard Stark: The hunter, 1962 (später wurde das Buch wegen der Verfilmungen unter den Titeln „Point Blank“ und „Payback“, in Deutschland unter „Jetzt sind wir quitt“ und „Payback“, verlegt)

 

Porter will seine 70 Riesen zurückhaben. Nur sein Kumpel Val, der ihn einige Kugeln in den Rücken verpasste und mit Porters Frau verschwand, und die Mafia haben etwas dagegen.

 

Ziemlich missratene, zwischen allen Stühlen sitzende, brutale Neuverfilmung von Richard Starks (ein Pseudonym von Donald Westlake) erstem Parker-Roman, die nie auch nur annähernd die Qualität von John Boormans „Point Blank“ (mit Lee Marvin) erreicht. Die Gründe sind u. a. verschiedene Auffassungen über die Hauptrolle zwischen Helgeland und Gibson (der deshalb Teile neu drehen lies), die Scherze sind nicht witzig und der Action-Overkill ist für einen einen kleinen, düsteren Gangsterfilm zu viel, aber für einen Action-Film zu wenig.

 

Jahre später gab es den “Director’s Cut”, der sich sehr vom Kinofilm unterscheidet.

 

Mit Mel Gibson, Gregg Henry, Lucy Liu, Kris Kristofferson, William Devane, Deborah Kara Unger

 

Wiederholung: Samstag, 1. Juni, 00.30 Uhr (Taggenau!)

 

Hinweise

 

Homepage von Donald E. Westlake

 

Kriminalakte: Nachruf auf Donald E. Westlake

 

Kriminalakte: Covergalerie Donald E. Westlake

 

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „Get Real“

 

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „What’s so funny?“

 

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „Watch your back!“

 

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Kurzroman „Die Geldmacher“ (Walking around money; erschienen in „Die hohe Kunst des Mordens“ [Transgressions])

 

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes „Mafiatod“ (361, 1962)

 

Meine Vorstellung von Westlakes als Richard Stark geschriebener Parker-Serie (mit „Nobody runs forever“)

 

Meine Besprechung von Richard Starks Parker-Romans „Ask the Parrot“

 

Meine Doppelbesprechung von Richard Starks Parker-Romanen „Fragen Sie den Papagei“ (Ask the Parrot) und „Dirty Money“

 

Meine Besprechung des Films “The Stepfather”, nach einem Drehbuch von Donald E. Westlake

 

Meine Besprechung von Lax/Donald Westlakes „Hot Rock“ (Pierre qui roule, 2008, Comic)

Meine Besprechung von Taylor Hackfords Richard-Stark-Verfilmung „Parker“ (Parker, USA 2013)


Neu im Kino/Filmkritik: Die sehenswerte Dokumentation „Haus Tugendhat“

Mai 30, 2013

 

Ein Film über ein Haus? Geht’s noch? Auch wenn das Haus zwischen 1928 und 1930 im tschechischen Brno von Mies van der Rohe gebaut wurde und 2001 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Wegen seiner universellen Bedeutung als architektonisches Kunstwerk.

So etwas dürfte doch wirklich nur angehende Architekten interessieren.

Aber dann beginnt Dieter Reifarth seinen Film „Haus Tugendhat“ mit ruhigen Kamerafahrten durch das leere Haus und im Off hören wir Zitate, in denen Architekturkritiker darüber nachdenken, ob man in so einem Haus überhaupt leben könne oder sich wie in einem Museum fühle – und in den folgenden gut zwei Stunden erzählt Reifarth vor allem von den Menschen, die seit 1930 in dem Haus lebten: die Tugendhats, die 1938, nachdem die Tschechoslowakei Teil von Nazi-Deutschland wurde, aus Brünn flüchteten; die Nazis, die in dem Haus lebten und es sich erst einmal, inclusive einer „Bauernstube“ gemütlicher einrichteten; nach dem Krieg die Kommunisten, zuerst mit einer privaten Schule für Rhythmik- und Ausdruckstanz, später dreißig Jahre lang als physiotherapeutisches Zentrum für skoliose- und kyphosekranke Kinder, ab 1981 als Gästehaus für horchrangige Besucher; und, nach dem Ende des Ostblocks, als Verhandlungsort für die Auflösung der Tschechoslowakei in zwei Staaten, ehe es in den kommenden Jahren zunehmend verfiel, bevor es ab 2010 aufwendig und originalgetreu restauriert wurde. Seit Februar 2012 steht das Haus wieder der Öffentlichkeit zur Verfügung.

Während die Menschen von ihrem Leben in dem Haus erzählen, oft ergänzt durch historische Aufnahmen, entsteht auch ein Bild eines bewegten Jahrhunderts anhand eines Gebäudes, in dem man sehr wohl Leben konnte. Gleichzeitig hat Reifarth auch die Familie Tugendhat porträtiert, die sich an ihre Jahre in dem Haus erinnern und, wobei hier auch die Differenzen zwischen den Tugendhats gezeigt werden, verschiedene Ansichten zu dem Haus und den jahrelangen Bemühungen von einigen Familienmitgliedern für die Restaurierung haben.

Außerdem gibt es, vor allem am Anfang, eine satte Portion Architekturgeschichte. Denn Mies van der Rohe und die anderen Bauhaus-Architekten glaubten, dass sie mit ihren Gebäuden die Menschen zum Besseren beeinflussen können. Ein utopischer, aber durchaus sympathischer Glaube, der damals zu einem vollkommen neuen Baustil führte, der noch immer Bestand hat.

Doch, ein Film über ein Haus kann von der ersten bis zur letzten Minute auch für Nicht-Architekten interessant sein und es spricht für Dieter Reifarth, dass man sich niemals von den vielen Informationen erschlagen fühlt.

Haus Tugendhat - Plakat

Haus Tugendhat (Deutschland 2013)

Regie: Dieter Reifarth

Drehbuch: Dieter Reifarth

mit Daniela Hammer-Tugendhat, Ruth Guggenheim-Tugendhat, Ernst Tugendhat, Ivo Hammer, Lukas Hammer, Josef Guggenheim, Michael Guggenheim, Irene Kalkofen

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film (dort kann auch das sehr informative und schön gelayoutete Presseheft heruntergeladen werden)

Film-Zeit über „Haus Tugendhat“

Wikipedia über die Villa Tugendhat und Mies van der Rohe

 

 


Neu im Kino/Filmkritik: Viele Stars machen noch keine „The Big Wedding“

Mai 30, 2013

 

Die Zeiten, in denen man gespannt auf den neuen Film mit Robert de Niro wartete, sind schon lange vorbei. Als er sich für Rollen den Kopf kahl schor („Taxi Driver“), Pfunde anfrass („Raging Bull“), mit Method Acting in „New York, New York“ (inclusive Saxophonspiel) „Der Pate 2“, „Die durch die Hölle gehen“, „Es war einmal in Amerika“ hinter seinen Rollen verschwand und er anscheinend einen Klassiker nach dem nächsten drehte, sind vorbei. Die Zeit, als man wegen ihm in einen Film ging, endete ungefähr 1997 mit „Jackie Brown“. Danach war zwar nicht alles schlecht. „The Score“ ist ein unterhaltsames Caper-Movie, bei dem das Trio Edward Norton, Robert De Niro und Marlon Brando gefiel. Aber der Rest: Cameo-hafte Auftritte, Ensemblestücke und Komödien.

Sein neuester Film „The Big Wedding“ ist ein Ensemblestück, eine Komödie und ein Remake eines bei uns ziemlich unbekannten französischen Films, der wahrscheinlich gelungener ist. Denn „The Big Wedding“ ist eine zwar unterhaltsame, aber vernachlässigbare Familienkomödie mit vorhersehbaren Witzen und einer hoffnungslos unterforderten Besetzung, die den Film besser aussehen lässt, als er ist und gleichzeitig mehr als eine belanglose Rom-Com verspricht. Denn neben De Niro, der hier gerne den Dude geben würde, aber niemals auch nur ansatzweise die Grandezza von Jeff Bridges in „The Big Lebowski“ oder „The Door in the Floor“/“Die Tür der Versuchung“ erreicht, spielen Diane Keaton, Susan Sarandon, Robin Williams, Katherine Heigl, Topher Grace, Ben Barnes, Amanda Seyfried und „Sledge Hammer“ David Rasche mit.

Die Story: der Adoptivsohn von Ellen und Don Griffin, Alejandro, heiratet Missy. Die Griffins richten die Hochzeitsfeier aus, zu der natürlich auch ihre beiden Kinder Lyla (hat Beziehungsprobleme) und Jared (hat keine Beziehung) kommen und Missys Mutter Madonna Soto kommt aus Südamerika. Sie spricht kein Englisch, ist tiefgläubig und katholischer als der Papst. Und sie hat eine wunderschöne, des Englischen mächtige Tochter, die in den USA endlich alles tun will, was sie in ihrer Heimat nicht tun darf.

Madonnas Glaube wäre kein großes Problem, wenn Don und Ellen nicht geschieden wären. Der Bildhauer lebt inzwischen mit Bebe, Ellens bester Freundin (jedenfalls bis Don mit ihr ins Bett hüpfte), zusammen und er ist so ziemlich das Gegenteil eines guten Katholiken.

Damit ist dann genug Konflikt- und Versöhnungspotential für neunzig vorhersehbare Minuten vorhanden, in denen Schlüpfrigkeit permanent mit Erotik verwechselt wird. Denn natürlich drehen sich fast alle Problemchen und Witze um Sex und das auf eine so biedere Art, dass man die französische Leichtigkeit schmerzhaft vermisst.

Letztendlich ist „The Big Wedding“ nur eine hübsch verpackte Verschwendung von Talent; wobei Diane Keaton und Susan Sarandon sich noch am achtbarsten aus der Affäre ziehen. Fans von Robert De Niro, solange sie nicht zu den Komplettisten gehören, können den Film ignorieren.

The Big Wedding - Plakat

The Big Wedding (Big Wedding, USA 2013)

Regie: Justin Zackham

Drehbuch: Justin Zackham (basierend auf dem Film „Mon frère se marie“ [Wie eine richtige Familie] von Jean-Stéphane Bron)

mit Diane Keaton, Robert De Niro, Susan Sarandon, Robin Williams, Katherine Heigl, Topher Grace, Ben Barnes, Amanda Seyfried, Christine Ebersole, David Rasche, Patricia Rae, Ana Ayora

Länge: 90 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „The Big Wedding“

Metacritic über „The Big Wedding“

Rotten Tomatoes über „The Big Wedding“

Wikipedia über „The Big Wedding“

Arte über „Wie eine richtige Familie“ (das Original)

 

 


TV-Tipp für den 30. Mai: Tatort: Passion

Mai 30, 2013

 

HR, 21.45

Tatort: Passion (D/A 2000, R.: Ilse Hofmann)

Drehbuch: Felix Mitterer

Eigentlich will Kommissar Moritz Eisner in Tirol nur einen zünftigen Wanderurlaub verbringen. Aber als der Jesus-Darsteller eines Passionsspiel ans Kreuz genagelt wird, lässt er – widerwillig – Urlaub Urlaub sein und sucht mit seiner Kollegin Aschenwald den Mörder.

Erster Eisner-Tatort von Felix Mitterer und gleich ein voller Erfolg. Denn lustvoller und treffender wurde sich selten im prallen Provinzleben gesuhlt.

mit Harald Krassnitzer, Sophie Rois, Dietmar Schönherr, Nina Proll, Simon Schwarz, Reinhard Simonischek

Hinweise

Tatort-Fundus über Kommissar Moritz Eisner

Wikipedia über Felix Mitterer


Ian Rankin lässt John Rebus ein „Mädchengrab“ suchen

Mai 29, 2013

 

Rankin - Mädchengrab - 2

John Rebus ist nach einer sechsjährigen Pause zurück. Damals musste Ian Rankin seinen allseits beliebten Detective Inspector mit „Ein Rest von Schuld“ (Exit Music) in Rente schickten, weil er die Pensionsgrenze erreichte. Rankin hatte Rebus in seinen ersten Romanen vor über zwanzig Jahren ein präzises Alter verpasst und ihn in Echtzeit altern gelassen. Anfangs war das noch kein Problem, aber als die Romane Bestseller wurden und Rankin ein Buch nach dem nächsten schrieb, wurde aus dem vierzigjährigen ein sechzigjähriger Mann. Nach „Ein Rest von Schuld“ schrieb er den Einzelroman „Der Mackenzie-Coup“ (Doors Open), einen netten Heist-Roman, und die Romane „Ein reines Gewissen“ (The Complaints) und „Die Sünden der Gerechten“ (The Impossible Dead) mit dem internen Ermittler Malcolm Fox, den er als Gegenteil von John Rebus entwarf und die nicht wirklich überzeugten.

 

Währenddessen konnten in der Wirklichkeit – und die Rebus-Romane leben gerade von ihrem Bezug zur Realität – pensionierte Polizisten in Cold Case Units alte Fälle noch einmal bearbeiten und es gibt auch, weil das Rentenalter geändert wurde, die Möglichkeit einer Wiedereinstellung. So hat Rebus jetzt einen Antrag auf Wiedereinstellung gestellt und Malcolm Fox, der in „Mädchengrab“ noch mehr als humorloser Paragraphenreiter erscheint als in den Fox-Romanen, überprüft John Rebus, der sich inzwischen alle zwei Wochen auf ein Bier mit dem stadtbekannten Gangsterboss Big Ger Cafferty, seinem alten Intimfeind, trifft.

 

Außerdem arbeitet Rebus in der Serious Crime Review Unit (SCRU), die sich alte Fälle noch einmal vornimmt. Als die fünfzehnjährige Annette McKie an der A 9 verschwindet kommt Nina Hazlitt zu ihm. Ihre Tochter Sally verschwand Silvester 1999 fast an der gleichen Stelle und seitdem verschwanden in dieser Gegend, immer an der A 9, mehrere Mädchen. Sie glaubt, dass ein Serientäter am Werk ist – und Rebus glaubt ihr. Er kann seine alte Partnerin Shioban Clarke, die in dem neuen Fall ermittelt, überzeugen, dass die Fälle miteinander zusammen hängen.

 

Es ist schön, dass John Rebus wieder zurück ist, auch wenn der Fall eher schwach ist und der Subplot mit Malcolm Fox nervt. Denn Fox wird hier von Ian Rankin als biederer Paragraphenreiter porträtiert, für den ein Leben nur innerhalb der Paragraphen existiert, die er buchstabengetreu und ohne Gefühle anwendet, und der Rebus manisch verfolgt, weil dieser einem Verbrecher die Tür aufhält. Das liest sich dann schon wie eine Parodie auf den Biedermann, der in jedem System seine Arbeit verrichtet, aber nicht wie ein Charakter aus einer anderen Serie; – wobei die Fox-Romane daran leiden, dass Fox zu sehr ein Anti-Rebus sein soll.

 

Das lässt für den nächsten Rebus-Roman „Saints of the Shadow Bible“, der im November in England erscheint, das Schlimmste befürchten. Denn dann ist – so die Ankündigung – Rebus wieder zurück im Polizeidienst und Malcolm Fox will ihn wegen eines alten Falles zur Rechenschaft ziehen; vulgo als korrupten Polizisten überführen. Das könnte ein spannender Ausflug in die Vergangenheit von Rebus und ein Sittenbild der Polizei werden, der einem durch Fox versalzen wird.

 

Der Fall selbst in „Mädchengrab“, das spurlose Verschwinden von mehreren Mädchen, leidet daran, dass es um die Suche nach einem Einzeltäter geht, der eigentlich nur zufällig oder durch langwierige, kleinteilige Ermittlerarbeit gefunden werden kann. Das ist für die Rebus-Methode, die gerne für Unruhe bei den Verdächtigen sorgt und dann abwartet, was geschieht, denkbar ungünstig.

 

Aber am Ende fügen sich die verschiedenen Teile der Ermittlungen und die Nebenstränge mit den Edinburgher Gangsterclans fein zusammen und „Mädchengrab“ ist eine mehr als willkommene Rückkehr von John Rebus. 

 

 

Ian Rankin: Mädchengrab

 

(übersetzt von Conny Lösch)

 

Manhattan, 2013

 

512 Seiten

 

19,99 Euro

 

 

Originaltitel

 

Standing in another Man’s Grave

 

Orion Books, 2012

 

 

Hinweise

 

 

 

Homepage von Ian Rankin

 

Deutsche Homepage von Ian Rankin (Goldmann-Verlag)

 

Ian Rankin: The very last drop (16. – 18. Februar 2010; – eine neue Inspector-Rebus-Geschichte)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Ein reines Gewissen“ (The Complaints, 2009)

 

Meine Besprechung von Ian Rankins „Der Mackenzie Coup“ (Doors Open, 2008)

 

Meine Besprechung von Ian Rankins „Rebus’s Scotland – A personal journey“ (2005)

 

Meine Besprechung von Ian Rankins „Eindeutig Mord – Zwölf Fälle für John Rebus“ (A good hanging, 1992)

 

Meine Besprechung von Ian Rankins “Ein Rest von Schuld“ (Exit Music, 2007)

 

Meine Besprechung von Ian Rankins „Im Namen der Toten” (The Naming of the Dead, 2006)

 

Meine Besprechung von Ian Rankins „Die Seelen der Toten“ (Dead Souls, 1999)

 

Meine Besprechung von Ian Rankins „Der diskrete Mr. Flint“ (Watchman, 1988)

 

Ian Rankin in der Kriminalakte

 

 

 

 

 

 


%d Bloggern gefällt das: