Neu im Kino/Filmkritik: Terrence Malick geht „To the Wonder“

Schon in seinen ersten Filmen „Badlands“ und „Days of Heaven“ waren die Bilder aufregender als die von Terrence Malick erzählte Geschichte. In seinen späteren Filmen – wobei eine lange Schaffenspause ihm einen quasi gottgleichen Ruf verschaffte, den er durch seine Weigerung, sich über seine Filme und sich zu äußern, noch steigerte – vernachlässigte er die Geschichte, verstanden als eine irgendwie nacherzählbare, logisch aufeinanderfolgende Kette von Ereignissen, immer mehr. So war sein Kriegsfilm „The Thin Red Line“ vor allem eine Meditation über den Krieg. In „The New World“, seiner Version der Geschichte von Pocahontas, erzählte er zwar die Geschichte chronologisch, aber er ließ so vieles aus, dass es am Ende nur eine bildgewältige Meditation über zwei verschiedene Kulturen und die Natur war. „The Tree of Life“ erzählte irgendwie eine problematische Familiengeschichte, war aber eine Meditation über die Beziehungen von Kindern zu ihren Eltern und über das Leben. Alles irgendwie alles.

In seinem neuesten Film „To the Wonder“ geht es um die Liebe und, auch wenn der Verleih eine Geschichte herausdestillierte, ist der gesamte Film eine Verneinung einer auch nur halbwegs schlüssigen Geschichte. Es ist wieder eine Meditation, die anhand der Geschichte des US-Amerikaners Neil und der Französin Marina, die in Frankreich glückliche Tage verbringen, sie ihm in die USA folgt und ihre Liebe erlischt, einem zum Nachdenken über sein eigenes Verhältnis zur Liebe inspirieren soll. Und wer empfänglich dafür ist, wird sicher auch einiges für sich in diesem Bilderrausch und den kryptischen, eher monoton geflüsterten Gedanken von Neil, Marina und Pater Quintana entdecken.

Für alle anderen – wozu auch ich gehöre – ist „To the Wonder“ nur „The Tree of Life“, ohne Dinosaurier und mit einer kürzeren Laufzeit. Denn wieder dürfen die Frauen, verfolgt von der Kamera beschwingt über Wiesen und Äcker laufen. Olga Kurylenko kann das sehr gut. Die Männer dürfen eher vor sich hinbrüten. Ben Affleck und Javier Bardem gelingt dieses griesgrämig vor sich hin starren und durch das Bild laufen ebenfalls sehr gut. Aus dem Off gibt es bedeutungsschwangere Texte, wie: „Irgendwann wirst du lieben, ob du es willst oder nicht. Gefühle ziehen vorüber wie Wolken. Liebe ist nicht nur ein Gefühl. (…) Vielleicht wartet sie nur darauf in etwas Höheres verwandelt zu werden. Erwache in der göttlichen Gegenwart, die jedem Mann, jeder Frau innewohnt. Erkennt einander in dieser Liebe, die niemals endet.“. Das fühlt sich wie ein religiöses Erweckungsgebet für das Heartland und die einfachen Menschen an – und kann wahrscheinlich auch nur voll erfasst werden, wenn man sich bedingungslos auf diese geistigen Sphären einlässt.

To the Wonder“ ist nur noch öder, pathetischer Malick-Manierismus, der auf Trailerlänge gefällt, auf Spielfilmlänge als prätentiöser Quark langweilt.

Und die Bilder? Naja. Einige sind wirklich wie Gemälde, die meisten gehorchen, der Anbetung des Augenblicks, wenn die Schauspieler vor sich hin improvisieren dürfen (wird ja eh mit einem Voice-Over abgeschmeckt) und Olga, ihre Arme himmelwärts gereckt, über die Wiese läuft.

To the Wonder - Plakat

To the Wonder (To the Wonder, USA 2012)

Regie: Terrence Malick

Drehbuch: Terrence Malick

mit Ben Affleck, Olga Kurylenko, Rachel McAdams, Javier Bardem

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „To the Wonder“

Metacritic über „To the Wonder“

Rotten Tomatoes über „To the Wonder“

Wikipedia über „To the Wonder“

Genug Film, es gibt auch Bücher.

Zum Beispiel über Regisseure.

Kamalzadeh - Pekler - Terrence Malick - 4

Die beiden Filmjournalisten Dominik Kamalzadeh und Michael Pekler haben jetzt ein Buch über Terrence Malick geschrieben, das einfach nur „Terrence Malick“ heißt, alle Filme des Regisseurs vorstellt (sind ja nur sechs in vierzig Jahren) und sich ihnen in mehreren, etwas spröde geschriebenen, thematischen Essays nähert. Dabei haben sie das Problem, dass Malick keine Interviews gibt und auch seine Mitarbeiter und die Schauspieler eher wenig über die Intention des Regisseurs verraten können. So sind die beiden Autoren bei ihren Interpretationen doch etwas auf sich selbst zurückgeworfen.

Aber das ändert nichts daran, dass dieses erstedeutschsprachige, reichhaltig bebilderte und sehr informative Buch über Malick eine sehr lohnenswerte Lektüre ist und etliche Einblicke in Malicks Werk, Stil und Themen gewährt.

Dominik Kamalzadeh/Michael Pekler: Terrence Malick

Schüren, 2013

208 Seiten

19,90 Euro

Die Filme von Terrence Malick

Badlands, USA 1973 (Badlands – Zerschossene Träume), mit Martin Sheen, Sissy Spacek, Warren Oates

Days of Heaven, USA 1978 (In der Glut des Südens), mit Richard Gere, Brooke Adams, Sam Shepard

The Thin Red Line, USA 1998 (Der schmale Grad), mit Sean Penn, Adrien Brody, Jim Caviezel, Ben Chaplin, George Clooney, John Cusack, Woody Harrelson, Elias Koteas, Jared Leto, Nick Nolte, John Savage, John Travolta

The New World, USA 2005, mit Colin Farrell, Q’orianka Kilcher, Christopher Plummer, Christian Bale, Wes Studi, David Thewlis

The Tree of Life, USA 2011, mit Brad Pitt, Sean Penn, Jessica Chastain,

To the Wonder, USA 2012, mit Ben Affleck, Olga Kurylenko, Rachel McAdams, Javier Bardem

Noch mehr Hinweise

AllMovie über Terrence Malick

Rotten Tomatoes über Terrence Malick

Wikipedia über Terrence Malick (deutsch, englisch)

 

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