Kurzkritik: die Comicversion von Jerome Charyns „Marilyn the Wild“

Charyn - Rebena - Marilyn the WildCharyn - Das Isaac-Quartett

Als ich vor vielen Jahren „Marilyn the Wild“, den zweiten Isaac-Sidel-Roman von Jerome Charyn, gelesen habe, fand ich die Geschichte eher chaotisch und kryptisch als wirklich befriedigend oder auch spannend. Dabei wusste ich nicht, ob dieses Chaos eine bewusste Entscheidung des Autors war, weil er eine chaotische, irrationale, vom Zufall bestimmte Welt in seinem Roman reflektieren wollte oder mir einfach viele Informationen aus seinem ersten Isaac-Sidel-Roman „Blue Eyes“ fehlten und ich die Dummheit begangen hatte, einfach Mitten in eine Geschichte einzusteigen.

Jetzt, mit der Graphic Novel „Marilyn the Wild“, gezeichnet von Frederic Rebena nach einem Szenario von Jerome Charyn, konnte ich mein damaliges Urteil überprüfen – und kann es teilweise revidieren. Denn auch in dem Comic gibt es eigentlich keine wirklich nacherzählbare Geschichte, sondern nur Schlaglichter aus dem Leben von Deputy Chief Isaac Sidel, dem Herrscher der Lower East Side, der sich mit seiner liebestollen Tochter Marilyn, die im Moment eine von ihm abgelehnte Affäre mit seinem Untergebenen Manfred „Blue Eyes“ Coen hat, Kleingangstern und rivalisierenden Gangs in einem gewalttätig-chaotischem Stadtteil in einer korrupten Gesellschaft auseinandersetzen muss. Und alle Charaktere sind in verschiedenen Schattierungen Arschlöcher.

Als Vision einer Gesellschaft hat das was. Als Comic ist das auch gelungen. Als Roman – nun, da müsste ich mich vielleicht mal einige Stunde mit dem Sammelband „Das Isaac-Quartett“, der die vier ersten Sidel-Romane enthält, auf die Couch legen. Charyn schrieb nach einer zwölfjährigen Pause in den Neunzigern sechs weitere Sidel-Romane und, wieder nach einer, diesmal über zwölfjährigen Pause 2012 „Under the Eye of God“ einen weiteren Sidel-Roman, der im September bei Diaphanes als „Unter dem Auge Gottes“ angekündigt ist.

Auch ja, und dieses Chaos ist von Charyn gewollt, wie er im Vorwort zu „Das Isaac-Quartett“ schreibt: „Meine Texte waren unausgegoren und geheimniskrämerisch wie eine Schlange. (…) Für mich bestehen die vier Bücher aus einem gewaltigen Durcheinander von Vätern und Söhnen.“

Oder in den Worten von Tobias Gohlis in seinem Nachwort zu „Das Isaac-Quartett“: „Charyns Zyklus ist kein Entwicklungsroman. Sidel bleibt immer derselbe Straßenjunge aus der Bronx. In beinahe jedem Roman durchleidet er das gleiche Schicksal: Er verwickelt sich in einen (meist privaten) wahnhaften Feldzug, stürzt, wird erniedrigt und taucht unter, um am Ende umso strahlender rehabilitiert zu werden – doch ist er einsamer denn je.“

Kein Wunder, dass ich mich damals etwas verloren fühlte.

Jerome Charyn (Szenario)/Frederic Rebena (Zeichnungen): Marilyn the Wild

(übersetzt von Resel Rebiersch)

Schreiber & Leser, 2013

80 Seiten

18,80 Euro

Originalausgabe

Marilyn la dingue

Editions Denoel, 2009

Die Vorlage

Jerome Charyn: Das Isaac-Quartett

Rotbuch, 2010

16,95 Euro

(nur noch antiquarisch erhältlich)

enthält

Blue Eyes, 1974 (Ping Pong Päng; Blue Eyes)

Marilyn the Wild, 1976 (Die wilde Marilyn; Marilyn the Wild)

The Education of Patrick Silver, 1976 (Die Erziehung des Patrick Silver; Patrick Silver)

Secret Isaac, 1978 (Secret Isaac)

Hinweise

Homepage von Jerome Charyn

Krimi-Couch über Jerome Charyn

Wikipedia über Jerome Charyn (deutsch, englisch)

Jerome Charyn in der Kriminalakte

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