Neu im Kino/Filmkritik: Über Alex Gibneys Wikileaks-Dokumentation „We steal secrets: Die Wikileaks-Geschichte“

 

Die Geschichte von Wikileaks und Julian Assange kennen wir doch. Immerhin haben in den vergangenen Jahren genug Medien darüber berichtet und viele Menschen haben ihre Meinung über das Veröffentlichen von Staatsgeheimnissen geäußert.

Bradley Manning ist dagegen vergessen worden. Der Gefreite gab Wikileaks hunderttausende Geheimdokumente, unter anderem auch das bekannte 17-minütige Video „Collateral Murder“ über einen Militäreinsatz 2007 in Bagdad, bei dem auch zwei Reuters-Journalisten erschossen wurden. Er wurde Ende Mai 2010 verhaftet, verbrachte die folgenden Jahre teilweise in Isolationshaft und als Alex Gibney seine Dokumentation „We steal Secrets: Die Wikileaks-Geschichte“ im März 2013 beendete, wartete Manning immer noch auf seinen Prozess. Der begann am 3. Juni 2013 vor einem Kriegsgericht, aber die deutsche Presse berichtete kaum darüber.

Dass Gibney in seiner Dokumentation nicht nur dem vergessenen Whistleblower viel Zeit widmet, ist nicht die einzige Überraschung. Die andere ist, – falls man noch keinen Film von Gibney, wie die Oscar-nominierte Doku „Enron: The smartest Guys in the Room“ (2005) und die Oscar-prämierte Doku „Taxi zur Hölle“ (Taxi to the Dark Side, USA 2007), gesehen hat -, wie viele neue oder wenig bekannte Informationen er zusammengetragen hat, wen er alles interviewen konnte (Julian Assange verlangte für ein Interview eine Unsumme und Einfluss auf den Schnitt. Gibney lehnte dankend ab.) und wie er die Informationen strukturiert. Weitgehend folgt er dabei der Chronologie vom rasanten Aufstieg von Wikileaks, dem großen Erfolg mit der Veröffentlichung von US-Geheimdokumenten, der Diskussion über Transparenz und Staatsgeheimnisse und, nachdem die Vergewaltigungsvorwürfe gegen Julian Assange bekannt wurden, dem Abstieg der Plattform. Gleichzeitig erzählt er die Geschichte von Bradley Manning, der die Informationen für den großen medialen Erfolg von Wikileaks beschaffte und als Landesverräter wahrscheinlich einer langen Haftstrafe entgegenblickt. Es ist die Geschichte von zwei gegensätzlichen Charaktere und einer Idee.

Der Anfang der mit über zwei Stunden etwas lang geratenen Dokumentation liefert interessante Einblicke in das Leben und die Psyche von Julian Assange, dem paranoid-egomanischen Kopf von Wikileaks, und die Arbeitsweise und den Ethos von Wikileaks. In der Mitte erfahren wir viel über Bradley Manning, den jungen, homosexuellen Geheimdienst-Analytiker, der sein Geschlecht wechseln wollte und in der Militärbasis bei Bagdad ein mit sich selbst hadernder Außenseiter war, der nur im Internet einen Gesprächspartner fand, der ihn später an die Regierung verriet.

Am Ende beleuchtet Gibney dann die Vergewaltigungsvorwürfe gegen Assange und hier wird die Dokumentation zu einem länglichen er-sagte/sie-sagte, dem eben der dramaturgische Fokus, den der Film vorher hatte, fehlt. Denn dass Julian Assange die Vorwürfe als von den USA lancierte Sexfalle umstandslos in sein paranoides Weltbild einfügte und weltweit seine Anhänger für seine Interessen mobilisierte, wird schnell deutlich. Ebenso, dass Assange die Situation einfach hätte entschärfen können.

Er tat es nicht und sitzt seit Juni 2012 als Flüchtling in London in der Botschaft von Ecuador.

Das Gerichtsverfahren gegen Bradley Manning, den Whistleblower, dem eine lebenslange Gefängnisstrafe droht, läuft derzeit quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Die von Alex Gibney in seinem informativen und sehenswerten Film angesprochenen Fragen, wie Regierungen mit dem Verrat von Staatsgeheimnissen umgehen, wie viel Transparenz nötig ist und welchen Wert die Bürgerrechte künftig haben werden, werden uns noch weiter beschäftigen. Im Moment anhand der von Edward Snowden veröffentlichten Dokumente über die Überwachung des Internets durch amerikanische und britische Geheimdienste, von der die Bundesregierung nicht gewusst haben will.

We steal secrets - Plakat

We steal Secrets: Die Wikileaks-Geschichte (We steal Secrets: The Story of Wikileaks, USA 2013)

Regie: Alex Gibney

Drehbuch: Alex Gibney

mit Julian Assange, Adrian Lamo, Bradley Manning, James Ball, Michael Hayden, Timothy Douglas Webster, Smári McCarthy, Daniel Domscheit-Berg, Jihrleah Showman, Nick Davies, Mark Davis, James Ball

Länge: 130 Minuten

FSK: ?

Hinweise

Amerikanische Facebook-Seite zum Film

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Film-Zeit über „We steal Secrets: Die Wikileaks-Geschichte“

Metacritic über „We steal Secrets: Die Wikileaks-Geschichte“

Rotten Tomatoes über „We steal Secrets: Die Wikileaks-Geschichte“

Wikipedia über „We steal Secrets: Die Wikileaks-Geschichte“ (deutsch, englisch), Wikileaks (deutsch, englisch), Julian Assange (deutsch, englisch) und Bradley Manning (deutsch, englisch)

Homepage von Wikileaks

 

 

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