Düster. Dave Zeltserman verbringt „28 Minuten“ mit dem „Paria“

Zeltserman - Paria - 2Zeltserman - 28 Minuten

Fans von beschaulich-lustigen Heimatkrimis, von normalen Ermittlerkrimis und bluttriefenden Serienkillerthrillern sollten einen großen Bogen um die Werke von Shamus-Gewinner Dave Zeltserman machen. Der in Boston lebende Noir-Autor wird in seiner Heimat seit Jahren von Kollegen, wie Ken Bruen, Allan Guthrie, Tom Piccirilli, Steve Hamilton und Adrian McKinty, um nur einige auch bei uns bekannte Namen zu nennen, und Kritikern abgefeiert. Auf deutsch liegen erst „28 Minuten“ und „Paria“, der zweite Band der drei „Man out of Prison“-Romane (auch bekannt als „Badass Gets Out of Jail“-Trilogie), vor. In dieser Trilogie erzählt Zeltserman, ausgehend von der Situation, dass jemand aus dem Gefängnis entlassen wird und er noch einige Rechnungen zu begleichen hat, vollkommen verschiedene Noir-Geschichten.

In „Paria“ kommt Kyle Nevin nach acht Jahren frei. Der einst gefürchtete South-Boston-Gangster hat nur einen Gedanken: er will sich an Red Mahoney rächen. Denn dieser verriet ihn damals und brauchte ihn so ins Gefängnis. Red ist allerdings untergetaucht und Kyle benötigt etwas Startkapital mit einer perfekt geplanten Geiselnahme. Nun, wie es sich für einen Noir gehört, geht diese perfekt geplante Geiselnahme grandios schief und Kyle steckt, vor allem nachdem ihn die Polizei verdächtigt, tief in der Klemme.

Kyle ist ein ziemliches Großmaul und Arschloch, aber das ist auch gerade ein Grund, diesen Noir zu lesen. Denn es ist schnell klar, dass der South-Boston-Gangster Kyle an chronischer Selbstüberschätzung leidet, aber auch in der Lage ist, sich skrupellos den Weg freizuschießen oder Beweise zu manipulieren. Und eigentlich ist „Paria“ kein richtiger Gangsterthriller, sondern in der ersten Hälfte vor allem die Geschichte eines Mannes, der aus dem Gefängnis entlassen wird und wie er seine ersten Tage in Freiheit erlebt. Einer Freiheit, die vor allem eine ausgedehnte Sauftour und ein Besuchen alter Freund, die oft nichts mehr mit ihrem früheren Verbrecherleben zu tun haben wollen, ist. In der zweiten Hälfte, wenn Kyle aufgrund seines Lebens ein Buchvertrag angeboten wird, wird „Paria“ zu einer Satire auf den Buchbetrieb und den amerikanischen Celebrity-Wahn, in dem ein Gangster zu einem Star aufsteigen kann, wenn er über sein Leben als Gangster Bücher schreibt. Und „Paria“ ist, mit den verstreut eingefügten Anmerkungen für das Lektorat, auch ein schöngefärbter Tatsachenbericht über Kyles erste Tage nach seinem Knastaufenthalt.

The Washington Post nannte „Paria“ eines der besten Bücher des Jahres 2009 und das reale Vorbild für den untergetauchten Red Mahoney ist Whitey Bulger, der auch das Vorbild für Frank Costello in Martin Scorseses Gangsterdrama „Departed – Unter Feinden“ (The Departed, USA 2006) war.

In „28 Minuten“ geht es um den perfekten Banküberfall, der dann – Überraschung! – doch nicht so perfekt ist. Dabei hatte der arbeitslose Softwareexperte Dan Wilson alles perfekt geplant. Beim Überprüfen eines Codes in einer Bank stellte er fest, dass während des Selbsttests die Zeit zwischen dem Auslösen des Alarms in der Bank und der Benachrichtigung der Polizei nicht 2,8 Sekunden sondern 28 Minuten beträgt. Genug Zeit, um in aller Ruhe mit einigen arbeitslosen Kollegen, die als Mittfünziger zum alten Eisen gehören, die Bank zu überfallen und die Schließfächer des russischen Verbrechers Viktor Petrenko auszuräumen. Denn, so sein Plan, der Gangster wird der Polizei nicht sagen, was in seinen Schließfächern war und, weil sie sich während des Überfalls als Mafiosi verkleiden, wird der Überfall der Mafia in die Schuhe geschoben.

Während des Überfalls tötet Gordon allerdings zwei Geisel – und damit wird der gesamte Plan hinfällig und aus den Programmierern, die mit einem Überfall für ihr Alter vorsorgen wollten, werden von Polizisten und Gangstern gejagte Amateure, deren Überlebenschancen gegen Null tendieren. Auch weil sie sich selbst nicht grün sind.

Zeltserman treibt die Geschichte in knappen Szenen voran, wechselt dabei immer wieder zwischen den verschiedenen Handlungssträngen und wir können atemlos verfolgen, wie einige gute Männer sich immer mehr in Schuld verstricken. Kein Wunder, dass Hollywood sich direkt die Rechte an dieser Geschichte sicherte.

28 Minuten“ ist ein spannender Gangsterroman und eine Abrechnung mit dem Kapitalismus, der schonungslos Menschen, die er nicht mehr braucht, aussortiert. „Outsourced“ ist dann auch der Originaltitel,

Für Zeltserman-Fans und die, die es werden wollen, gibt es eine erfreuliche Nachricht. Bei pulp master soll noch in diesem Herbst der dritte „Badass Gets Out of Jail“-Roman „Killer“ erscheinen. Dann verfolgen wir, wie ein Mafiakiller, der 28 Morde verübte und einen Deal mit dem Staatsanwalt abschloss, sich in sein neues Leben als Reinigungskraft einfügt. Zunächst.

Dave Zeltserman: Paria

(mit einem Vorwort von Roger Smith, übersetzt von Frank Nowatzki und Angelika Müller)

Pulp Master, 2013

384 Seiten

13,80 Euro

Originalausgabe

Pariah

Serpent’s Tail, 2009

Dave Zeltserman: 28 Minuten

(übersetzt von Ulrich Hoffmann)

Suhrkamp, 2011

336 Seiten

9,95 Euro (Erstauflage)

7,99 Euro (zweite Auflage im Rahmen einer Sommerkrimireihe)

Originalausgabe

Outsourced

Serpent’s Tail, 2010

Hinweise

Homepage von Dave Zeltserman

Blog von Dave Zeltserman

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One Response to Düster. Dave Zeltserman verbringt „28 Minuten“ mit dem „Paria“

  1. […] Kriminalakte ⇔ – Axel Bussmer sieht in „Paria“ einen Noir-Thriller, der sich mit Satire mixt. […]

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