„Hallo. Ich bin der Doktor.“ – Doctor Who und das „Rad aus Eis“

 

Baxter - Doctor Who - Rad aus Eis

Auf der Insel ist „Doctor Who“ Kult. Bei uns ist er höchstens ein obskures Fan-Phänomen. Denn während in England seit einem halben Jahrhundert die Science-Fiction-TV-Serie, mit einer Unterbrechung von 1989 bis 2005, die mit Büchern, Hörspielen und Sondersendungen gefüllt wurde, läuft, der Doktor von verschiedenen Schauspielern gespielt wurde, etliche TV-Macher und Autoren, wie Douglas Adams und Ben Aaronovitch, durch die „Doctor Who“-Schule gingen, „Sherlock“-Erfinder Steven Moffat derzeit verantwortlich für die Serie ist, sie etliche Preise und einen Eintrag ins Guiness-Buch als erfolgreichste TV-Science-Fiction-Serie erhielt und für November zum fünfzigjährigem Jubiläum unter anderem ein Kinofilm geplant ist, liefen im deutschen TV nur einige Folgen.

Es wurden auch einige „Doctor Who“-Romane übersetzt, die inzwischen zu teils astronomischen Preisen antiquarisch angeboten werden. Und es gibt auch in Deutschland eine kleine Gruppe von „Doctor Who“-Fans, die wirklich alles über den geheimnisumwitterten Doktor wissen.

Der Doktor ist ein über tausendjähriger, menschlich aussehender Time Lord vom Planeten Gallifrey, der in einer Polizei-Notrufzelle, die eigentlich das Raumschiff TARDIS ist, mit verschiedenen Gefährten, durch die Zeit reist und versucht Katastrophen zu verhindern. Dabei nähert er sich friedfertig, aber mit nimmermüdem Forschergeist und britischem Humor (oder gallifreydscher Noblesse) den Phänomenen. Im Lauf der Jahre wurde er im TV von elf Schauspielern gespielt.

Stephen Baxter nahm für seinen jetzt erschienenen „Doctor Who“-Roman „Rad aus Eis“ den zweiten Doktor als Vorbild. Deshalb ist der Doktor hier ein Endvierziger mit Koteletten, der von Jamie McCrimmon, einem waschechten Schotten im Kilt aus dem achtzehnten Jahrhundert, und Zoe Heriot, einer aus der zweiten Hälfte des einundzwanzigsten Jahrhunderts kommenden Frau, begleitet wird. Die TARDIS schickt sie im Strudel jenseits von Raum und Zeit zu einen Saturnmond, weil es dort eine relative Kontinuum-Dislokationszone, vulgo einem Loch in der Zeit, das zu einer direkten Kontinuumsimplosion führen kann, entdeckte, die unser Sonnensystem vernichten kann.

Auf dem titelgebenden Rad aus Eis leben Menschen in drei Klassen und einer vierten für die Verbrecher, die die ganz unangenehmen Aufgaben übernehmen müssen. Letztendlich beherrscht wird die Minenkolonie, obwohl es einen fünfköpfigen inneren Rat für die Angelegenheiten des Mnemosyne-Gürtels gibt, von Florian Hart, der örtlichen Chefin des Bergbaukonsortiums, das auf dem Eismond Mnemosyne unglaublich seltenes Bernalium abbauen lässt.

In letzter Zeit häuften sich allerdings die Fälle von Sabotage und die Jugendlichen, die im Bergwerk arbeiten müssen, werden verdächtigt. Aber schon nach wenigen Minuten entdecken der Doktor und seine Gefährten, dass es kleine, blaue Wesen gibt. Deren Existenz wird von den Bewohnern geleugnet.

Als eigenständiger Roman zu einer bestehenden Serie muss „Rad aus Eis“ den Vorgaben der TV-Serie folgen und wahrscheinlich auch deshalb liest sich Stephen Baxters Roman von der Dramaturgie, der knappen Handlungszeit und den Personenkonstellationen immer wie eine Serienfolge. Gleichzeitig dient die Geschichte auch dazu, ordentlich Sozialkritik zu üben und damit verschiedene Gesellschaftsentwürfe gegenüberzustellen: den rein ökonomischen von Florian Hart, den liberal-humanistischen von dem Doktor, den aufbegehrenden Jugendlichen und den Erwachsenen, die sich bedingungslos an die Verhältnisse angepasst haben.

Es gibt eine ordentliche Portion Action und einen schönen Blick für die Absurditäten der verschiedenen Situationen. Das macht Spaß und lässt sich flüssig weglesen als kurzweilige Science-Fiction-Unterhaltung mit einem gesellschaftlichem Bewusstsein und britischem Humor. Auch für Menschen, die noch keine einzige „Doctor Who“-Folge gesehen haben. Denn Stephen Baxters Roman lässt sich auch einfach als humanistisch geprägte, in der Zukunft spielende Abenteuergeschichte lesen.

P. S.: Im Heyne Verlag, der bereits mehrere Bücher von Stephen Baxter veröffentlichte, erscheint im Dezember in der Reihe „Meisterwerke der Science-Fiction“ Stephen Baxters „Evolution“.

Stephen Baxter: Doctor Who – Rad aus Eis

(übersetzt von Claudia Kern)

Cross Cult, 2013

416 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Doctor Who – The Wheel of Ice

BBC Books, 2012

Hinweise

Homepage von Stephen Baxter

BBC über „Doctor Who“ (englisch, deutsch)

Wikipedia über „Doctor Who“ (deutsch, englisch)

BBC-YouTube-“Doctor Who“-Kanal (zum Abtauchen in den Strudel jenseits von Raum und Zeit)

 

 

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