Neu im Kino/Filmkritik: Jep Gambardella sucht „La grande Bellezza“

La grande Bellezza“, der neue Film von „Il Divo – Der Göttliche“- und „Cheyenne – This must be the Place“-Regisseur Paolo Sorrentino beginnt mit einem tödlichen Herzanfall und einer Geburtstagsfeier. Dem Toten werden wir nicht mehr begegnen. Aber dem Geburtstagskind schon. Es ist Jep Gambardella (Toni Servillo, grandios), ein Gesellschaftsreporter, der zu seinem 65. Geburtstag eine riesige Sause mit den Schönen und Reichen von Rom veranstaltet. Und auch wenn er einerseits die Aufmerksamkeit genießt, ist er von seinem Leben gelangweilt und er hält es für verpfuscht. Denn nach seinem hochgelobten Erstling, den er vor vierzig Jahren als junger Mann schrieb, folgte kein weiterer Roman. Nur noch Reportagen – und er stolziert wie ein italienischer Tom Wolfe, durch die Szenerie und erfreut mit seinen lebensweisen Sprüchen sein Publikum. Denn immerhin versucht er gar nicht, eine nicht vorhandene Tiefe vorzutäuschen. Er flüchtet sich, wie seine Freunde, in Banalitäten und Alkohol, der auf seiner Terrasse, mit Blick auf das Kolloseum, reichlich genossen wird.

La grande Bellezza – Die große Schönheit“ erinnert einerseits an die überbordenden Filme von Frederico Fellini. „Das süße Leben“ (La dolce Vita, 1960) und „Fellinis Roma“ (1972) werden auch von Sorrentino immer wieder als Einfluss genannt und daher in fast jeder Kritik auch erwähnt. Michelangelo Antonioni dagegen nicht. Obwohl Sorrentino gerade von dessen grandioser Trilogie „Die mit der Liebe spielen“ (L’Avventura, 1959), „Die Nacht“ (La Notte, 1960) und „Liebe 1962“ (L’Eclisse, 1962) über gesellschaftliche und erotische Depressionen in punkto Kameraarbeit und Stimmung viel geborgt hat.

Und damit wären wir auch bei dem großen Problem von „La grande Bellezza“. Es ist ein durch und durch musealer Film, der seine filmischen Vorbilder und Bezugspunkte in Filmen hat, die zu einer Zeit spielen, als Jep Gambardella noch in den Kinderschuhen steckte oder in seine Babywindeln machte und Paolo Sorrentino noch nicht geboren war. Sorrentino zeichnet eine römische Künstler- und Dolce-Vita-Schicht, die anscheinend in ihrer Jugend, die vor ungefähr vierzig oder fünfzig Jahren war, stehengeblieben ist und die sich absolut nicht um die aktuelle Politik und die Probleme Italiens kümmert. Und so hat die Kritik an der Kirche – ein Kardinal, der sich nur über Kochrezepte unterhalten will, eine Heilige, die ein afrikanischer Mutter-Teresa-Abklatsch ist (1997 verstorben) – etwas antiquiertes. Gambardellas Beziehung zu einer Erotic-Dancerin ist gar nicht mehr so aufregend, wie vor einem halben Jahrhundert in einem Film die Beziehung eines gebildeten Mannes zu einer Hure mit Herz.

Immer scheint die Zeit in „La grande Bellezza“ ungefähr 1965 stehen geblieben zu sein.

Das ist schade, weil die mit 146 Minuten überlange, episodische und ausufernde Charakter- und Milieustudie viele prächtige Szenen hat und Sorrentino immer wieder treffende Beobachtungen von dem leeren Leben einer nur um sich selbst kreisenden High Society gelingen. Er porträtiert ein Künstlermilieu, das auf den schönen Schein achtet, sich vollkommen von den alltäglichen Problemen in Berlusconis Italien abgekoppelt hat und noch nicht einmal zum Feindbild taugt, weil sie irgendwann aussterben wird.

Die sanft gleitende Kamera strahlt eine majestätische Ruhe aus, die eklektisch ausgewählte Musik pointiert die Bilder und eigentlich spiegelt die Länge, das Kein-Ende-finden-wollen des Films und die sich damit mit der Zeit einstellende Langeweile, auch das Leben der von sich selbst gelangweilten und sich wissentlich selbst betrügenden Protagonisten wieder.

La grande Bellezza - Plakat

La grande Bellezza – Die große Schönheit (La grande Bellezza, Italien/Frankreich 2013)

Regie: Paolo Sorrentino

Drehbuch: Paolo Sorrentino, Umberto Contarelli

mit Toni Servillo, Carlo Verdone, Sabrina Ferilli, Carlo Buccirosso, Iaia Forte, Pamela Villoresi

Länge: 146 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „La grande Bellezza“

Rotten Tomatoes über „La grande Bellezza“

Wikipedia über „La grande Bellezza“ (englisch, italienisch)

Meine Besprechung von Paolo Sorrentinos „Cheyenne – This must be the Place“ (Italien/Frankreich/Irland 2011)

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