Vier Montage im Herbst mit und über politische Krimis – in der Hansestadt Hamburg

 

Das ist jetzt etwas für die Hamburger und alle, die nach einer Entschuldigung für einen Hamburg-Besuch suchen:

Denn der Ariadne Verlag veranstaltet mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung Hamburg und dem Buchladen Osterstraße (Osterstraße 171, 20255 Hamburg) an vier Montagen (26. August, 23. September, 28. Oktober und 25. November) ab 20.00 Uhr spannende Diskussionen mit Dominique Manotti („Zügellos“), Robert Brack („Blutsonntag“, „Unter dem Schatten des Todes“), Merle Kröger („Grenzfall“), Christine Lehmann („Die Affen von Cannstatt“), Clementine Skorpil („Gefallene Blüten“), Charlotte Otter („Balthasars Vermächtnis“), Lektorin Iris Konopik und Ariadne-Verlegerin Else Laudan (hier ein aktuelles Interview mit ihr).

Die Namen verraten, dass hier „politischer Kriminalroman“ nicht als biederer Regio-Krimi mit kleiner Polit-Beigabe oder als weltumspannender Agententhriller, gerne mit einer kräftigen Portion Verschwörungstheorie, sondern als aufklärerisches Projekt verstanden wird, dass in einem Kriminalroman (vulgo einer spannenden Geschichte) die Wirklichkeit seziert wird, über Probleme aufgeklärt und Partei ergriffen wird, ohne in den biederen „Tatort“-Duktus zu verfallen.

 

Geplant sind, in den Worten der Macher:

Montag, 26. August, 20.00 Uhr

 

Krimis als Fenster zur Welt

Kriminalliteratur kann Gesellschaftsbarometer und Brücke zu fremden Kulturen sein: das Beispiel Südafrika

 

Mit Charlotte Otter und Verlegerin Else Laudan

 

Else Laudan referiert einführend zur Entwicklung und Lage des Genres, zu Erfahrungen aus dem Ariadne-Programm, zur Idee einer Politik des Kulturellen (Gramsci) mit Krimis, zum kriminalliterarischen Blick über den Tellerrand (Stichworte Welthaltigkeit, Extremistan).

Das Beispiel Südafrika: Deon Meyer, Mike Nichols und Roger Smith haben dem deutschsprachigen Publikum das Post-Apartheids-Südafrika der harten Jungs nahegebracht – vielschichtig und intelligent, aber doch irgendwie immer als Macho-Abenteuer. Der Deutsche Bernhard Naumann wagt sich an eine namibische schwarze Ermittlerin. Malla Nunn mit ihren Detectives Emmanuel Cooper und Shabalala liefert eindringlich die historische Dimension der Rassentrennungsgesellschaft.

Bei Ariadne erschien im Juli 2013 Charlotte Otters Krimi-Debüt Balthasars Vermächtnis, das in der bisher bekannten Südafrikakrimi-Palette weitere Leerstellen füllt.

Charlotte Otter liest aus Balthasars Vermächtnis (geschrieben auf Englisch, aber die Autorin lebt seit vielen Jahren in Deutschland und kennt beide Kulturen genau).

In einer offenen Diskussion könnte es um diverse Themen gehen: die südafrikanische Gesellschaft, Leser/innen-Erwartungen an politische Krimis, warum Hardboiled und Noir gerade jetzt so beliebt sind, geografische und politische Horizonterweiterung als Aufgabe von Unterhaltungsliteratur, Gender und soziale Themen u. v. m.

Montag, 23. September, 20.00 Uhr

 

Geschichte als Verbrechen

Historische Ereignisse im politischen Spannungsroman

 

Mit Clementine Skorpil und Robert Brack

 

Die österreichische Sinologin Clementine Skorpil hat einen historischen Shanghai-Krimi geschrieben, der Leben und Sterben im präkommunistischen China zeigt: „Gefallene Blüten“ spielt 1926, Protagonisten sind eine alte Frau vom Lande, die ihre verschollene Enkelin sucht, und ein junger Städter, der in Paris studiert hat und seitdem auf eine kommunistische Revolution hofft, um China aus dem Würgegriff von Kolonialisten und Triaden zu befreien. Der Krimi beleuchtet die Situation der Kurtisanen, Politik- und Geschlechterverhältnisse im Shanghai der Zwanziger, wo Kulturen aufeinanderprallen, wo die industrielle Revolution tobt, während ›fremde Teufel‹ und heimische Gangster absahnen.

Der Hamburger Robert Brack hat sich kriminalliterarisch mit den Verhältnissen im kommunistischen Polen und dem postkommunistischen Osteuropa auseinandergesetzt, in seinen Romanen „Blutsonntag“ und „Und das Meer gab seine Toten wieder“ schickt er die unerschrockene Kommunistin Klara Schindler auf Spurensuche und verschränkt zeitgeschichtliche Fakten der 1930er mit einer fiktiven Handlung, um Hintergründe und Zusammenhänge zum Leben zu erwecken (sein aktuelles Buch „Unter dem Schatten des Todes“ befasst sich mit dem Reichstagsbrand).

Beide gehen engagiert in ihren Krimis der Frage nach, auf welche Realität die kommunistische Idee einst historisch zu antworten suchte und wie sie auf die Verhältnisse prallte. Ein Abend mit Lesung, Diskussion und bunten Überlegungen zum linken historischen Spannungsroman.

Montag, 28. Oktober, 20.00 Uhr

 

Gerechtigkeit? Für wen?

Das Kriminelle im Hier und Jetzt: Standort Deutschland im patriarchalen globalisierten Kapitalismus

 

Mit Merle Kröger und Christine Lehmann

 

Die Berliner Filmemacherin und Autorin Merle Kröger und die Stuttgarter Journalistin und Autorin Christine Lehmann verbindet einiges: Beide möchten das Publikum anregen und aufklären, ohne zu belehren, beide schreiben in hoher literarischer Qualität, mit feministischer Ethik, mit unbedingtem Realismusanspruch und präziser Milieukenntnis – und mit einer Vorliebe für Themen, die in vielen Köpfen klischee- und vorurteilsbeladen sind.

Merle Krögers „Grenzfall“ (Deutscher Krimi Preis 2013, Stuttgarter Krimipreis) nimmt ins Visier, wie unsere Gesellschaft in der Auseinandersetzung mit kulturell anderen versagt, und rückt die Grenzen der europäischen Rechtsauffassung ins Bild. Stichworte: Migranten, Roma, Rechtsextreme, Europa, soziale Gerechtigkeit.

Christine Lehmanns neuer Roman „Die Affen von Cannstatt“ erzählt aus der Perspektive einer in U-Haft sitzenden Frau, die nichts verbrochen hat, aber Tochter einer gesuchten Kindsmörderin ist. Der eher düstere Roman spielt großenteils im Knast, in U-Haft und im Zoo. Stichworte: Gefangenschaft, Verbrecherinnen, Matriarchat in der Tierwelt, weibliche Aggression, Kindstötung.

Beide Autorinnen lesen aus ihren Büchern und diskutieren miteinander und mit dem Publikum. Diskussionsthemen könnten z. B. sein: Identität in unserer Kultur, Determinanten von Identität wie Arbeit, Herkunft und Geschlecht, Lebensplan und Aufgehobenheit, fiktive bzw. Serienfiguren.

Montag, 25. November, 20.00 Uhr

 

Wie Schreiben?

Spannende, entlarvende Fiktion aus realen Verbrechen: Abschlussveranstaltung mit der Grande Dame des Noir

 

Mit Dominique Manotti und ihrer Lektorin Iris Konopik als Dolmetscherin

 

Lieber als aus ihren Werken vorzulesen sucht Manotti den Dialog mit dem Publikum, was gut für eine Abschlussveranstaltung passt. Eine tolle Gelegenheit, nicht nur über die sozialkritische Kompetenz des Noir zu sprechen, sondern auch über den Prozess des Schreibens über Verbrechen, über die literarische Form und ihre Wechselwirkung mit den politischen Inhalten.

»Ich schreibe über den Verlust und die Katastrophen. Nicht der gesamte roman noir ist links. Doch findet man im Genre viele 68er, die die Hoffnungen der Epoche nicht verraten haben, viel mehr als in anderen Berufsgruppen. (…) Ich habe eine schwarze (noir) Sicht auf die Dinge, weil ich glaube, dass meine Generation die sozialen Veränderungen, die ich wollte und von denen ich träumte, nicht mehr erleben wird. (…) In unseren Romanen gehen wir zur Geschichte zurück, zur Anekdote, zu den Subjekten. Das ist eigentlich ziemlich klassisch. Wir sind Geschichtenerzähler.« (Manotti im Interview 2004)

Im Dialog mit Dominique Manotti und Iris Konopik lassen sich abschließend nochmals geballt die interessantesten Themen der vorangegangenen Veranstaltungen aufgreifen: Reflexion über Aufgaben, Möglichkeiten und literarische Herausforderungen politischer Kriminalliteratur.

 

 

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