Ist Hubert „Täuscher“ in Andrea Maria Schenkels neuem Roman ein Mörder?

Schenkel - Täuscher - 2

Mit 240 Seiten ist der neue Roman von Andrea Maria Schenkel überraschend lang geraten. Denn ihre vorherigen Bücher „Tannöd“, „Kalteis“, „Bunker“ und „Finsterau“ konnten wirklich bequem in einem Rutsch gelesen werden.

Weniger überraschend ist, dass sie sich wieder einen historischen Fall als Inspiration genommen hat und den in Zeitungen und Protokollen dokumentierten Fakten – so staubtrocken liest es sich immer wieder – mehr oder weniger akkurat folgt.

1922 wurden in Landshut die 32-jährige Clara Ganslmeier und ihre 77-jährige Mutter Elsa (sieht, auch für heutige Verhältnisse, nach einer extrem späten Geburt aus) bestialisch ermordet. Die Polizei findet schnell den mutmaßlichen Täter: Hubert Täuscher, den Verlobten von Clara, der als Bürstenfabrikantensohn nur Flausen im Kopf hat und an ständiger Geldnot leidet. Er soll sie aus Habgier ermordet haben und den Schmuck an Luck Schinder, einen Freund mit verbrecherischer Vergangenheit, verscherbelt haben.

So weit, so konventionell. Weil Schenkel, wie immer in ihren Bücher, munter in der Chronologie und zwischen verschiedenen „Handlungssträngen“ (eher Handlungssplitter) hin- und herspringt, ist einerseits die Lösung, also der Ablauf des Doppelmordes und der Mörder, ziemlich schnell klar, andererseits bleibt eine milde Grundspannung, weil es ja doch nicht so einfach sein kann und man einen guten Teil der Lesezeit damit verbringt, die Ereignisse chronologisch zu ordnen.

Denn Schenkel benutzt diese Zeitsprünge als ein willkürliches Mittel, um von der Dürftigkeit ihrer Geschichte abzulenken.

Dabei können Zeitsprünge und Perspektivenwechsel gute erzählerische Mittel sein, um den Lesern und Zuschauern in dem Moment, in dem sie angewandt werden, für den Fortgang der Geschichte wichtige Informationen zu geben oder um die Spannung zu steigern.

In „Täuscher“ führen sie zur Distanz. Auch weil Schenkel meistens in einer biederen Beamtenprosa, die direkt aus Gerichtsdokumenten und schlechten Zeitungsreportagen stammt, schreibt und damit alle Charaktere papierne Erfüllungsgehilfen einer unklaren These bleiben.

Es langweilt, weil kaum etwas wirklich wichtiges für den Fortgang der Geschichte geschieht und vieles ohne großen Erkenntnisgewinn, aber aus verschiedenen Perspektiven, immer wieder wiederholt wird.

Und gerade Hubert Täuscher bleibt als verstockter Angeklagter, der bis nach der Urteilsverkündung wie ein auf frischer Tat ertappter Bengel seine Unschuld beteuert, ein Rätsel. Danach erklärt er zwar sein Verhalten und die wahren Hintergründe, die für halbwegs geübte Leser von Anfang an offensichtlich waren, und unser lange gehegter Verdacht, dass sogar ein kreuzdämlicher Trottel gegenüber Hubert Täuscher eine Intelligenzbestie ist, bewahrheitet sich. Der Mann hat seine Strafe wirklich verdient.

Wer historische Kriminalromane, die in Deutschland spielen, lesen will, sollte sich stattdessen die Bücher von Robert Brack und Robert Hültner, die in ihren gut geschriebenen Romanen spannend, informativ und glaubwürdig Fakten mit Fiktion mischen, ansehen. Ihre Romane haben all das, was „Täuscher“ fehlt.

Andrea Maria Schenkel: Täuscher

Hoffmann und Campe, 2013

240 Seiten

18,99 Euro

Hinweise

Homepage von Andrea Maria Schenkel

Meine Besprechung von Andrea Maria Schenkels „Kalteis“ (2007)

Meine Besprechung von Andrea Maria Schenkels “Bunker” (2009)

Meine Besprechung von Andrea Maria Schenkels „Finsterau“ (2012)

Andrea Maria Schenkel in der Kriminalakte

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One Response to Ist Hubert „Täuscher“ in Andrea Maria Schenkels neuem Roman ein Mörder?

  1. […] Die Liebe zu den Büchern – Blog Kriminalakte – […]

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