DVD-Kritik: Was geschah am 4. Juli 2009 in „The Bay“?

 

Und noch ein Found-Footage-Film. Aber dieses Mal von Barry Levinson („Rain Man“, „Sphere“, „Wag the dog“) und definitiv nicht im wackeligen, betont amateurhaften „The Blair Witch Project“-Stil, sondern als professionell aufbereitete Dokumentation, die verschiedene Quellen, wie TV-Aufnahmen, Amateurvideos, Überwachungskameras und Smartphone-Aufnahmen, zu einer Reportage zusammenstellt, die von Donna Thompson kommentiert wird. Die junge TV-Reporterin war am 4. Juli 2009 in Claridge, Maryland. An diesem Tag kam es zu einem seltsamen bakteriellem Ausbruch, der aus den Feierlichkeiten für den Unabhängigkeitstag ein Massensterben machte. Die Regierung vertuschte es und jetzt ist im Internet diese Zusammenstellung von damals gefilmtem Material erschienen.

Soweit die wirklich wahre Geschichte, die – Überraschung! – natürlich vollkommen erfunden ist, bis auf die realen Hintergründe. Denn die Chesapeake Bay hat gewaltige ökologische Probleme. Levinson versucht in seinem Horrorfilm darauf aufmerksam zu machen und widmet diesem Thema in einem Spielfilm, der vor allem auf der Horror-Ebene funktionieren soll, ungewöhnlich viel Raum und vieles basiert, wie er in seinem Audiokommentar sagt, auf Tatsachen.

Außerdem wollte Levinson etwas für ihn neues ausprobieren, indem er den Film im Found-Footage-Stil inszenierte. Besonders im Audiokommentar erzählt er dann von den Dreharbeiten und den spezifischen Herausforderungen des Found-Footage-Stils, wie die Auswahl der Schauspieler (sie sollten erfahren, aber unbekannt sein), dem Kamerastil (so mussten die erfahrenen Kameramänner bewusst amateurhaft arbeiten), dem Mischen von verschiedenen Bildquellen und der Gestaltung bestimmter Szenen. So musste es immer einen nachvollziehbaren Grund geben, weshalb in dem Moment eine Kamera läuft. Bei Überwachungskameras bestimmte die Position der Kamera auch den Bildausschnitt. Es war fast nie ein traditioneller Gegenschnitt, in dem die Reaktion eines Schauspielers auf das Geschehen gezeigt wird, möglich. Außerdem wurde während dem Dreh mehr improvisiert, als bei einem normalen Film. Teils weil Amateure filmten und deren Aufnahmen immer wieder darauf überprüft wurden, ob sie auch das zeigten, was Levinson sich ungefähr vorstellte. Teils weil viele Szenen, vor allem die Massenszenen, weitgehend improvisiert wurden.

Von diesen Herausforderungen, die vor allem auf der technischen Ebene liegen, abgesehen, macht die Geschichte, vor allem die nachträgliche Aufräumaktion der Regierung, wenig Sinn. Denn im Film sehen wir, wie am Unabhängigkeitstag fast eine gesamte Kleinstadt und viele Besucher innerhalb weniger Stunden sterben. Wir sollen jetzt glauben, dass niemand nach den Toten fragte, keiner der wenigen Überlebenden redete und das Leben in der Bucht danach normal weitergeht.

Außerdem zerfällt der Film in zahlreiche Erzählstränge und Episoden, die durch die nachträgliche Erzählung von Donna zusammengehalten werden. Das ist dann mehr eine Dokumentation über ein Ereignisses, als ein auch nur halbwegs traditioneller Horrorfilm. Entsprechend distanziert folgt man den Charakteren.

Auch als Öko-Horrorfilm kann „The Bay“ nie leugnen, dass er gedreht wurde, um vor der Umweltverschmutzung an der Flussmündung zu warnen und er diese aufklärerische Warnung in eine rudimentäre Geschichte kleidet, die die Horrorelemente nur benutzt, um eben vor der Umweltverschmutzung zu warnen.

Gleichzeitig zeigt er auch, wo die Grenzen eines Found-Footage-Films liegen. Denn in einem normalen Horrorfilm oder einem Thriller hätte man auch gezeigt, wer warum die Aufräumaktion befiehlt. Vielleicht hätte man auch einen Polit-Thriller gedreht, in dem ein tapferer Journalist herausfinden will, was damals in Claridge passierte.

Aber wegen des ernsthaften Umgangs mit den selbst gesetzten Grenzen ist Barry Levinsons Film eben wegen dem erzählerisch-technischem Aspekt durchaus sehenswert. Und es gibt auch ein wenig Aufklärung über die Umweltverschmutzung in der Chesapeake Bay.

The Bay - DVD-Cover

The Bay – Nach Angst kommt Panik (The Bay, USA 2012)

Regie: Barry Levinson

Drehbuch: Michael Wallach (nach einer Geschichte von Barry Levinson und Michael Wallach)

mit Kristen Connolly, Christopher Denham, Michael Beasley

DVD

Koch Media

Bild: 1,85:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1, DTS)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Kinotrailer, Audiokommentar von Barry Levinson, Interview mit Barry Levinson

Länge: 82 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Metacritic über „The Bay“

Rotten Tomatoes über „The Bay“

Wikipedia über „The Bay“

 

 

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