Das „Rolling Stone“-Totaldesaster „Die 100 besten Jazz-Alben aller Zeiten“

 

Lieber Rolling Stone,

 

als ich das neue Heft in der Hand hielt, jauchzte ich vor Freude. Eine DVD mit Aufnahmen vom Jazzfest Montreux und – obwohl ich kein großer Freund von Listen bin – eine Liste mit den „100 besten Jazz-Alben aller Zeiten“.

Und dann das:

Auf der DVD ist der echte Jazz eher rar. Immerhin sind Charles Mingus, Miles Davis, Ella Fitzgerald und Etta James dabei. Aber auch Van Morrison, James Brown (beide okay), Talk Talk und die Stray Cats. Das ist dann doch arg poppig.

Naja, Montreux hatte auch immer eine starke Popschiene.

Aber die Liste der „100 besten Jazz-Alben aller Zeiten“ ist eine Frechheit. Von den hundert gelisteten Alben erschienen null (!!!) Platten vor 1950 (auch Charlie Parker fehlt) und zwanzig nach 1970, davon fünf nach 1980. Wobei man ehrlicherweise die beiden bereits in den Sechzigern aufgenommenen Live-Aufnahmen von John Coltrane rausrechnen muss.

Sehen wir uns mal die Post-1970-Aufnahmen an:

Nach 1970

Miles Davis: Bitches Brew (1970, Platz 12)

Carla Bley: Escalator over the hill (1971, Platz 19)

Alice Coltrane: Journey in Satchidananda (1970, Platz 25)

Herbie Hancock: Sestant (1973, Platz 28)

Sun Ra: Space is the place (1973, Platz 35)

Herbie Hancock: Head Hunters (1973, Platz 37)

Archie Shepp: Attica Blues (1972, Platz 44)

Charles Mingus (1972, Platz 67)

Sun Ra: Lanquidity (1978, Platz 68)

Duke Ellington: Afro-Eurasian Eclipse (1971, Platz 70)

Mahavishnu Orchestra: The inner mounting flame (1971, Platz 75)

Ornette Coleman: Dancing in your heads (1977, Platz 78)

Keith Jarrett: The Köln Concert (1975, Platz 85)

Om: Om with Dom Um Romao (1978, Platz 90)

John Coltrane: Sun Ship (1971, Platz 97 – eine Live-Aufnahme von 1965)

Yeah, nach 1975 wird die Luft merklich dünner.

Nach 1980

Matana Roberts: Coin Coin Chapter One: Gens de couleur libres (2011, Platz 48)

Allan Toussaint: The bright Mississippi (2009, Platz 82)

John Coltrane: The Olatunji Concert (2001, Platz 88 – also 2001 veröffentlicht. Das Konzert war 1967)

Nils Petter Molvar: Khmer (1998, Platz 92)

Miles Davis: Tutu (1986, Platz 96 – Ehrlich? Hat Miles Davis seit „Bitches Brew“ wirklich nichts besseres eingespielt?)

Und jetzt die ersten fünf Plätze

John Coltrane: A love supreme (1965)

Miles Davis: Kind of Blue (1959)

Charles Mingus: Mingus Ah Um (1959)

Pharoah Sanders: Karma (1969)

Eric Dolphy: Out to lunch! (1964)

Gute Alben. Die bekannten Klassiker eben.

Dieses Mal werden sogar die Jurymitglieder genannt. Ausgewiesene Jazzmusiker und -kritker sind kaum dabei. Gleiches gilt für Labelbetreiber und Veranstalter. Von den bekannten Jazz-Zeitschriften ist niemand dabei. Die Jury ist eher ein Strauß Buntes.

Was fehlt? Salopp gesagt alles ab 1970 und fast alles, was nicht aus den USA kommt. Also Musiker wie – ohne irgendeinen Anspruch auf Vollständigkeit: Ray Anderson, Django Bates, Tim Berne, Steve Coleman, Gary Thomas, Bill Frisell, John Scofield, Pat Metheny, John Abercrombie, John McLaughlin (abgesehen von der „Mahavishnu Orchestra“-Platte), Brad Mehldau, John Zorn, Dave Douglas, Jim Black, Kenny Garrett, Don Byron, Louis Sclavis, David Murray, Geri Allen, Paul Motian, Joe Lovano, Joey Baron, Art Ensemble of Chicago, Charles Lloyd, Joshua Redman, James Carter, Wynton Marsalis, Branford Marsalis, Cassandra Wilson, Michael Brecker und die Brecker Brothers, Courtney Pine, Jan Garbarek, Rabih Abou-Khalil, Wolfgang Dauner, Dollar Brand, Randy Weston, Matthew Shipp, Cecil Taylor, Anthony Braxton, Marty Ehrlich, Bobby Previte, Gerry Hemingway, Mark Helias, Ellery Eskelin, Mark Dresser, Ken Vandermark, Julius Hemphill, Vernon Reid, Han Bennink, Irene Schweizer, Alexander von Schlippenbach, Joe Zawinul und Weather Report, Kölner Saxophon Mafia, das Zentralquartett (und der gesamte DDR- und Ostblock-Jazz) undundund und ihre Platten.

Und das sind nur die Jazzer, die mir spontan einfallen.

Da gäbe es unendlich viel zu entdecken.

Aber die „Rolling Stone“-Liste befriedigt wieder einmal nur den Mythos, dass Jazz eine total tote Musik sei, gemacht von einer Handvoll Musiker. Für eine Musikzeitschrift ist diese Liste ein Armutszeugnis, das höchstens mit einer Liste: „Die 100 besten Jazz-Alben der letzten vierzig Jahre“ wieder gutgemacht werden kann.

Bis dahin empfehle ich einfach mal die eben genannten Musiker.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Ein enttäuschter Jazzfan

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