Neu im Kino/Filmkritik: „Die Nonne“ hadert mit dem Klosterleben

Denis Diderots posthum erschienener Roman „Die Nonne“ gehört zu den Klassikern der französischen Aufklärung und das Thema ist heute immer noch aktuell.

Die Geschichte beginnt 1765 in Frankreich, als die junge, bürgerliche Suzanne Simonin (Pauline Ètienne) auf Wunsch ihrer Eltern eine Nonne werden soll. Das Geld für eine standesgemäße Heirat ist, nachdem ihre Geschwister verheiratet wurden, nicht mehr vorhanden und als sie sich zunächst weigert, das Gelübde abzulegen, weil sie Gott nicht belügen will, sagt ihr ihre Mutter, dass sie ein uneheliches Kind ist und das beste was sie vom Leben erwarten könne, ein Leben im Kloster sei. Schweren Herzens legt sie doch das Gelübde ab und, obwohl die Oberin des ersten Klosters, in dem sie lebt, eine verständnisvolle Frau ist, die sie mit Engelsgeduld zu einem Leben im Einklang mit der Kirche (und Gott) überreden will, beginnt ihr Leidensweg. Denn Suzannes Freiheitsdrang, ihr unabhängiges Denken und ihre reine Beziehung zu Gott stehen im ständigen Konflikt mit der Amtskirche und den klösterlichen Strukturen, die von der einen Oberin mit drakonisch-sadistischer Strenge, von der anderen mit obsessiv ausgelebten lesbischen Gelüsten unter dem schützenden Dach der unangefochtenen Kirche ausgelebt werden.

Regisseur Guillaume Nicloux hätte daraus ein süffiges Historiendrama über den Kampf einer unbeugsamen Frau für ihre Freiheit, für Gedankenfreiheit und Selbstverwirklichung, und ein flammendes Plädoyer gegen totalitäre Institutionen und Bigotterie machen können. Eine richtige David-gegen-Goliath-Geschichte vor historischer Kulisse, aber mit gedanklichen Brückenschlägen zur Gegenwart.

Das tat er aber nicht. Er übernimmt die Struktur des Briefromans, indem er in einer eher überflüssigen Rahmengeschichte einen jungen Mann in einer Nacht, in der er sich auch um seinen kranken Vater kümmert, die Briefe von Suzanne lesen lässt und diese Briefe möglichst undramatisch bebildert. Teils indem wichtige Ereignisse und Konflikte mit ein, zwei Sätzen abgehandelt werden, teils indem die Kamera das Geschehen und damit Suzannes Weg durch die Höllenkreise des Klosterlebens bis zum unpassenden Ende teilnahmslos beobachtet.

Auch als Zuschauer wird man durch diese Inszenierung und die klare und strenge Struktur des Films nicht emotional, sondern nur intellektuell angesprochen, was dann für eine Film doch etwas karg ist.

P. S.: Jacques Rivette verfilmte Diderots Roman bereits 1966 mit Anna Karina und Liselotte Pulver. Anscheinend ziemlich gelungen, aber weil diese Version von „Die Nonne“ bei uns fast nie im Fernsehen läuft (die OFDB nennt eine TV-Ausstrahlung) und auch nicht auf DVD erschienen ist, kann ich sie nicht mit der Neuinterpretation vergleichen.

Die Nonne - Plakat

Die Nonne (La Religieuse, Frankreich/Deutschland 2012)

Regie: Guillaume Nicloux

Drehbuch: Guillaume Nicloux, Jérôme Beaujour

LV: Denis Diderot: La Religieuse, 1796 (Die Nonne)

mit Pauline Ètienne, Isabelle Huppert, Martina Gedeck, Louise Bourgoin, Francoise Lebrun, Lou Castel

Länge: 107 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Die Nonne“

Moviepilot über „Die Nonne“

Rotten Tomatoes über „Die Nonne“

Wikipedia über „Die Nonne“ (englisch, französisch), Denis Diderot und die Vorlage

Denis Diderot: Die Nonne (als E-Book)

Berlinale: Pressekonferenz zum Film

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