DVD-Kritik: Klaus Kinski ist für Jess Franco „Jack the Ripper – Der Dirnenmörder von London““

Nach der IMDB führte Jess Franco bei 198 Filmen Regie und, auch wenn die Zahl wahrscheinlich nicht ganz genau stimmt: Es waren verdammt viele – und die meisten sind nicht besonders gut. Jedenfalls wenn man seine Filme nach den konventionellen Maßstäben beurteilt. Aber sie waren, vor allem in den Siebzigern und Achtzigern erfolgreich. Wer damals für einen Kinobesuch zu jung war und später nicht an die teils abenteuerlich gekürzten Videokassetten rankam, kannte nur die Sex und Gewalt verheißenden Titel wie „Vampyros Lesbos: Die Erbin des Dracula“ (der Titel erlangte Mitte der Neunziger als Titel eines Musiksamplers neue Berühmtheit), „Frauen für Zellenblock 9“, „Porno Baby“, „Sie tötete in Ekstase“, „Der Teufel kam aus Akasawa“ (eine „Edgar-Wallace-Verfilmung“, die ab und zu im TV läuft), „Der Todesrächer von Soho“ (eine Bryan-Edgar-Wallace-Verfilmung, die ebenfalls manchmal im TV läuft), „Liebesbriefe einer portugiesischen Nonne“, „Greta – Haus ohne Männer“, „Frauen im Liebeslager“, „Ruf der blonden Göttin“, „Entfesselte Begierde“, „Sadomania – Hölle der Lust“, „Jungfrau unter Kannibalen“ und „Lolita am Scheideweg“.

Aber auch schon damals im Kino konnte man seine Filme nicht unbedingt ungekürzt sehen. So sagt Produzent Erwin C. Dietrich, der in den Siebzigern fünfzehn Franco-Filme produzierte und damals mit seinen Filmen, zum Entsetzen des Bildungsbürgertums (FSK und die kirchliche Filmkritik mussten sich die Werke berufsbedingt antun), zuverlässig die Bahnhofkinos füllte, dass es auch bei dem jetzt wieder auf DVD und erstmals Blu-ray veröffentlichtem Horrorfilm „Jack the Ripper“ Probleme gab. Dabei gehört der Film zu den harmloseren Werken von Franco: etwas nackte Haut, viel sehr rotes Blut, ein herausgeschnittenes Auge, eine abgetrennte Hand und ein amputierter rechter Busen. Trotzdem war er indiziert und ist jetzt „frei ab 18 Jahre“.

Die Story bedient sich am bekannten „Jack the Ripper“-Mythos: Klaus Kinski spielt Doktor Dennis Orloff, der tagsüber arme Patienten weitgehend unentgeltlich versorgt und nachts Freudenmädchen umbringt, danach ihre Leichen zerstückelt und sie selbst oder von seiner Gehilfin, der geistig behinderten Magd Frieda (Nikola Weisse), in der Themse verschwinden lässt. Ihm eher nicht auf den Fersen ist Scotland-Yard-Inspektor Selby (Andreas Mannkopff). Das ändert sich erst, als Selbys Freundin, die Tänzerin Cynthia (Charlie-Chaplin-Tochter Josephine Chaplin), sich als Dirne verkleidet und, wir ahnen es, auch weil sich die Laufzeit des Films dem Ende nähert, das Interesse des Frauenmörders weckt.

Jack the Ripper – Der Dirnenmörder von London“ ist sicher kein Klassiker und, trotz einiger sehr atmosphärischer Aufnahmen, bei weitem nicht so extravagant gefilmt wie die Filme von Dario Argento (der ebenfalls in Deutschland ein Liebling der Zensoren war). Francos Film ist eher ein konventioneller Horrorfilm irgendwo zwischen Roger Cormans Edgar-Allan-Poe-Adaptionen und den bundesdeutschen Edgar-Wallace-Filmen. Mit deutlicher Tendenz zu letzterem.

Das Bonusmaterial

Das Bonusmaterial ist, ohne den Audiokommentar, mit über einhundert Minuten erstaunlich umfangreich und informativ. Es gibt einen sehr informativen, im Dezember 2000 aufgenommen Audiokommentar von Erwin C. Dietrich, in dem er zwar eher wenige Hintergründe zu dem Film (abgesehen von den Drehorten in Zürich und den beteiligten Personen vor und hinter der Kamera), aber viel über sein Leben, seine Produzententätigkeit und wie sie in den siebziger Jahren Filme drehten, verrät, In „Erwin C. Dietrichs Hommage an Jess Francos Jack the Ripper“ verrät Dietrich in über zwanzig Minuten weitere Hintergründe zum Film und seiner Zusammenarbeit mit Jess Franco. Außerdem gibt es einen informativen 17-minütigen „Werkstattbericht zur Restauration“, der etwas didaktisch beschreibt, wie Filme restauriert werden und verdeutlicht, wie zeitaufwändig eine Restauration ist, ein fast halbstündiges „Interview mit Andreas Mannkopff“ und ein über vierzigminütiges „Audio-Interview mit Jess Franco (Zürich, Hotel Gregory, 17. Juni 1976)“, das auf französisch geführt wurde und keine Untertitel hat. Es gibt außerdem eine entfernte Szene, den Trailer mit anderen Dialogen und eine umfangreiche Fotogalerie.

Das Bonusmaterial scheint weitgehend identisch mit der bereits vor einigen Jahren erschienenen Ausgabe des Films zu sein. Jetzt allerdings mit einem stilechten Cover.

Auch das restaurierte Bild überzeugt.

Jack the Ripper - DVD-Cover

Jack the Ripper – Der Dirnenmörder von London (Jack, the Ripper, Deutschland/Schweiz 1976)

Regie: Jess Franco

Drehbuch: Jess Franco

mit Klaus Kinski, Lina Romay, Herbert Fux, Josephine Chaplin, Andreas Mannkopff, Nikola Weisse

DVD

Ascot-Elite (Jess Franco Golden Goya Collection)

Bild: 1,78:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch, Italienisch (DD 5.1), Französisch (DD 2.0)

Untertitel: Niederländisch, Finnisch, Griechisch, Japanisch, Chinesisch

Bonusmaterial: Audiokommentar, Entfernte Szene, Erwin C. Dietrichs Hommage an Jess Francos „Jack, the Ripper“, Werkstattbericht zur Restauration, Interview mit Andreas Mannkopff, Audiointerview mit Jess Franco, Fotogalerie, Trailer, Wendecover

Länge: 89 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Wikipedia über Jess Franco (deutsch, englisch) und „Jack the Ripper“ (deutsch, englisch)

Schnittberichte vergleicht den ungekürzten „Jack the Ripper“ mit der um über 11 Minuten gekürzten FSK-16-Fassung

Kriminalakte: Mein Nachruf auf Jess Franco

Inzwischen sind in der „Jess Franco Golden Goya Collection“ (Ascot-Elite) weitere Filme des Spaniers in ungeschnittenen Versionen wiederveröffentlicht worden: „Downtown – Die nackten Puppen der Unterwelt“, „Voodoo Passion – Ruf der blonden Göttin“, „Frauen in Zellenblock 9“ und „Ilsa, the Mad Butcher“ (auch bekannt als „Greta – Haus ohne Männer“ und „Ilsa, the wicked Warden“. Sowieso wurde, wegen „Ilsa, She Wolf of the SS“-Hauptdarstellerin Dyanne Thorne ihr Rollenname munter zwischen Greta, Ilsa und Wanda, mit entsprechenden Titeländerungen gewechselt.). Die DVDs und Blu-rays haben deutlich weniger Bonusmaterial. Meist nur den Trailer und eine Bildergalerie. Die Sprachfassungen und Untertitel scheinen die zu sein, die Produzent Erwin C. Dietrich in seinem Archiv hatte.

Downtown - DVD-CoverVoodoo Passion - DVD-Cover

Frauen für Zellenblock 9 - DVD-CoverIlsa - The Mad Butcher - DVD-Cover

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