Verfilmte Bücher: „Chiemsee Blues“ ist „Hattinger und die kalte Hand“

Bogenberger - Chiemsee Blues - 2

Gar unchristlich beginnen die Ostertage mit einer abgetrennten Frauenhand, die am Karfreitag in einem Aussichtspavillon mit Blick auf den See und das Schloss Herrenchiemsee von zwei Urlaubern aus dem Ruhrgebiet gefunden wird. Kommissar Alfons Hattinger, der aber von allen nur Hattinger genannt wird, beginnt zu ermitteln, geplagt von periodischen Eifersuchtsschüben, weil er seine Freundin mit einem Ex-Freund in einem viel zu freundschaftlichem Umgang miteinander entdeckt und sie nicht mit ihm reden will (es ist ja auch eine dumme Sache, dass die Kollegen gerade dann anrufen, wenn er gerade mit ihr auf ihrem Sofa ihren Geburtstag feiern will), und dem Besuch seiner minderjährigen, aber sehr selbstständigen Tochter, die nichts anbrennen lässt.

Kurz darauf werden weitere Leichenteile gefunden. Immer an fotogenen Orten, die Presse belagert die Polizei – und Hattinger und seine Kollegen haben keinen blassen Schimmer, wer die Tote ist, bis sie – eher zufällig – den Kopf der schon vor einiger Zeit Ermordeten in ihrer Wohnung finden: es ist Annette Kauffmann, die als Elvira Marschall belanglose, aber sehr erfolgreiche Herz-Schmerz-Schmonzetten schrieb, die, wie wir noch später erfahren, vor zwanzig Jahren als Assistenzärztin in der Frauenklinik Dr. Marius, geführt von Dr. Schanderl (ja, die Bazis haben aber auch dusselige Namen), arbeitete und – hach, jetzt habe ich ein Problem. Im Roman wird das alles ziemlich spät aufgelöst, aber schon in der Filmsynopse wird der Täter und sein Motiv verraten.

Also für alle, die den Roman unbeschwert lesen wollen, breche ich jetzt ab.

Chiemsee Blues“ ist der erste Roman von Thomas Bogenberger und er liest sich, auch aufgrund der angenehmen Länge, wie die Vorlage für den Fernsehfilm der Woche: ein sympathischer, geschiedener Ermittler, eine leicht renitente Freundin, eine ebenfalls leicht renitente Tochter, etwas Lokalkolorit, hier sogar ergänzt um viel bayerischen Dialekt (Hochdeutsch wird nur im Notfall gesprochen.), vielen Erklärungen der Polizisten untereinander, die sich erzählen, was sie gerade ermittelt haben, und einem überschaubar-durchschaubar, weit hergeholtem, weitgehend unplausiblen Fall. Denn warum sollte ein Mörder, indem er ohne eine Botschaft Leichenteile wild an Touristenplätzen verteilt, seine Entdeckung riskieren? Entweder durch die Polizei oder, in diesem Fall, weiteren potentiellen Opfern, die in ihrer Panik, wenn sie nach der Lektüre der Tageszeitung Eins und Eins zusammenzählen, bestimmt nicht ruhig auf ihren Mörder warten.

Aber so ist das halt in der Provinz…

Für den Frühling ist „Hattinger und der Nebel“ angekündigt, der zweite Krimi mit dem rundum sympathischen Ermittler.

Die Verfilmung „Hattinger und die kalte Hand“, die am Montag, den 25. November, um 20.15 Uhr im ZDF läuft, nimmt sich, wie ein Blick in die Filmsynopse verrät, bei den Morden und der Enthüllung des Täters, den wir im Film von Anfang an, im Buch erst am Ende namentlich und mit seinem Motiv kennen, einige Freiheiten. Es werden teils andere Menschen umgebracht, das geschmacklose Leichenstücke-in-der-Ferienlandschaft-verteilen-Spiel gibt es so nicht, dafür ist Hattingers Tochter irgendwann in Gefahr und die Geschichte spielt nicht während der für den Roman unwichtigen Ostertage, sondern im Sommer.

Aber weil Hans Steinbichler („Winterreise“, „Polizeiruf 110: Denn sie wissen nicht, was sie tun“) inszenierte, Bogenbergers Frau Ariela das Drehbuch schrieb und der mit ihr verwandte Hattinger-Darsteller Michael Fitz, der in den Münchner „Tatorten“ die gesamte Laufarbeit machen durfte und damit eigentlich der Chefermittler war, ein grundsympathischer Schauspieler ist, dürfte die Verfilmung gelungen sein. Tendenz netter Heimatkrimi ohne weitergehende Ambitionen.

Thomas Bogenberger: Chiemsee Blues – Chiemgau-Krimi

Pendragon, 2011

272 Seiten

10,95 Euro

Verfilmung

Hattinger und die kalte Hand – Ein Chiemseekrimi (Deutschland 2013)

Regie: Hans Steinbichler

Drehbuch: Ariela Bogenberger

mit Michael Fitz, Edgar Selge, Bettina Mittendorfer, Golo Euler, Gerhard Wittmann, Hanna Plaß, Michael Fuith, Ursula Karven

Hinweise

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Thomas Bogenberger

Wochenblatt: Interview mit Thomas Bogenberger über den Roman und die Verfilmung (20. November 2013)

ZDF über „Hattinger und die kalte Hand“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: