Neu im Kino/Filmkritik: Die „45 Minuten bis Ramallah“ können eine Ewigkeit dauern

 

Ali Samadi Ahadi, ein gebürtiger Iraner, der als Dreizehnjähriger nach Deutschland kam, zeigte schon mit „Salami Aleikum“, dass ein Culture Clash keine trübsinnige Angelegenheit sein muss. Damals ging die Reise des Iraners von Köln in die tiefste ostdeutsche Provinz.

In seinem neuesten Film „45 Minuten bis Ramallah“ spielen nur die ersten Minuten in Hamburg. Dort schuftet Rafik (Karim Saleh), ein Palästinenser aus Ostjerusalem, in einem letztklassigem Restaurant und er will unter keinen Umständen zurück nach Israel zu seiner Familie. Aber nach einem Blick auf sein Bankkonto und einem Streit mit seinem Chef, der ihn umstandslos feuert, klaut er einen gerade gelieferten Anzug und macht sich auf den Heimweg nach Jerusalem zur Hochzeit seines Bruders Jamal (Navid Akhavan). Schon während der Hochzeitsfeier giften die Brüder sich an. Als dann ihr Vater während der Feier plötzlich verstirbt, verspricht Rafik, dass sie den letzten Wunsch ihres Vaters erfüllen: sie werden ihn zur Beerdigung nach Ramallah, seine alte Heimat, bringen. Das ist 45 Minuten Fahrtzeit von ihrem derzeitigen Aufenthaltsort entfernt. Also kein Problem, wenn sie nicht in Jerusalem wären, Ramallah auf der anderen Seite der Grenze in Palästina liegen würde und die beiden Brüder keine Palästinenser mit israelischem Pass wären.

Bislang haben sie sich erfolgreich aus dem Israel-Palästina-Konflikt herausgehalten, aber diesem Kurztrip geraten sie zwischen alle Fronten. Blauäugig und sich immer wieder streitend stolpern die Brüder durch das Kampfgebiet, inclusive Verbrechern, Polizisten, Soldaten, Revolutionären und religiösen Fanatikern. Sowieso scheinen Rafik und Jamal die einzigen normalen Menschen in diesem Irrenhaus zu sein.

Und so wird aus der kurzen Fahrt ein mehrtägiger Abenteuertrip, bei dem für die beiden Brüder und die Leiche ihres Vaters, die sie einfach zu seiner letzten Ruhestätte schmuggeln wollten, alles immer schlimmer wird.

Zugegeben: „45 Minuten bis Ramallah“ erfindet die schwarzhumorige Komödie nicht neu und seit Monty Pythons „Das Leben des Brian“ wurde eigentlich schon alles zu dem Thema gesagt. Aber Israelis und Palästinenser bekämpfen sich immer noch; an eine baldige friedliche Lösung glaubt niemand mehr. Dabei ist die Situation dort längst, wie man auch in vielen Filmen aus Israel sehen kann, ein absurder Stillstand, dem Ali Samadi Ahadi sich humoristisch nähert. Und eine schwarzhumorige Komödie, die einem die Klischees und echten und falschen Befindlichkeiten respektlos um die Ohren haut und vor allem die Fanatiker und gefühlten und echten Machthaber auf beiden Seiten bis zur Kenntlichkeit demaskiert, ist dabei nicht die schlechteste Wahl.

Und so ist „45 Minuten bis Ramallah“ eine kurzweilige Satire, die ihre Vorbilder im angloamerikanischen Raum sucht und erfrischend undeutsch kredenzt.

45 Minuten bis Ramallah - Plakat - 4

45 Minuten bis Ramallah (Deutschland 2013)

Regie: Ali Samadi Ahadi

Drehbuch: Gabriel Bornstein, Karl-Dietmar Möller-Naß

Buch zum Film: Gabriel Bornstein: 45 Minuten bis Ramallah, 2013

mit Karim Saleh, Navid Akhavan, Julia Engelbrecht

Länge: 90 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „45 Minuten bis Ramallah“

Moviepilot über „45 Minuten bis Ramallah“

Wikipedia über Ali Samadi Ahadi

 

 

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