Verfilmte Bücher: „Dampfnudelblues“ ist „Dampfnudelblues“

Achtung: es wird gespoilert.

Falk - Dampfnudelblues

Die Bücher von Rita Falk mit dem bei seinen Eltern lebendem Provinzpolizisten Franz Eberhofer verkaufen sich wie geschnitten Brot. Da ist eine Verfilmung nicht wirklich überraschend und die kam vor einigen Monaten in Bayern in die Kinos. Immerhin spielen die Eberhofer-Geschichten in Bayern in dem erfundenem Dorf Niederkaltenkirchen. Mit einer halben Million Zuschauer war „Dampfnudelblues“ auch ein echter Hit. Am Donnerstag, den 5. Dezember läuft er jetzt um 20.15 Uhr (Wiederholung um 00.20 Uhr) deutschlandweit im TV.

Aber wie ist die Vorlage für den Film „Dampfnudelblues“?

Dampfnudelblues“ ist der zweite Eberhofer-Roman. Er hat ein heimeliges Cover (das mir signalisiert „kein Buch für mich“) und er wird als „Provinzkrimi“ beworben. Nun, „Provinzkrimi“ spricht mich noch weniger als „Regiokrimi“ oder „Regionalkrimi“ an und wenn ich die letzten „Provinzkrimis“, die ich gelesen habe, Revue passieren lasse, fallen mir einige Gemeinsamkeiten auf: sie spielen nicht in der Großstadt (gut, das ist jetzt nicht besonders überraschend), sie sind sprachlich nicht bemerkenswert (höflich formuliert) und der Krimianteil, also die zielgerichtete Aufklärung des Verbrechens oder das Verbrechen als wichtigster Bestandteil der Geschichte, ist ein vernachlässigbarer Nebenaspekt. Das Verbrechen, ein Mord oder gleich eine ganze Mordserie, kann man, wie einen vernachlässigbaren Subplot, aus der Geschichte entfernen, ohne dass sich etwas ändern würde. Es sind Geschichten für Menschen, die keine Kriminalromane lesen.

Außerdem haben sie eine oft zweifelhafte Moral (dazu später mehr) und können, wie Uta-Maria Heim vor kurzem schön ausführte, als „fantastische Geschichten“ gelesen werden. Denn das Bild, das sie von der Provinz zeichnen, hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Damit stehen sie dann in der Tradition des deutschen Heimatfilms, der ein von Sehnsucht und Verklärung gezeichnetes Bild von Heimat zeichnet. Nach dem Zweiten Weltkrieg war diese Flucht aus der Wirklichkeit verständlich. Aber heute?

Dampfnudelblues“ steht als „Provinzkrimi“ knietief in dieser Tradition.

Dabei beginnt es sportlich: An die Hauswand von Realschuldirektor Höpfls Anwesen wurde mit roter Farbe „Stirb, du Sau!“ geschrieben. Franz Eberhofer stürzt sich – weil sonst nichts los ist – in den Fall. Kurz darauf ist Höpfl verschwunden, taucht pudelmunter wieder auf und wird von einem Zug überfahren. Eberhofer vermutet, auch ohne einen Beweis zu haben, dass Höpfl ermordet wurde. Die folgenden Ermittlungen gestalten sich äußerst zäh, weil einfach nichts für den Fall entscheidendes passiert. Denn obwohl Höpfl allgemein verhasst war und er damit unzählige Verdächtige hat, kommt er keinen Schritt voran. Noch nicht einmal ein Schrittchen. Die Schmiererei wird aufgeklärt, indem der Täter sich stellt – und ihm nichts passiert. Naja: jugendlicher Unfug eben und der Geschädigte ist tot.

Den Mörder überführt Eberhofer mit einer dreisten Lüge und bei dem Motiv kommen wir auf die „zweifelhafte Moral“ zurück.

Vielleicht hat Rita Falk einfach nach einem Opfer und einem Mordmotiv gesucht, das möglichst weit von der Realität des Eberhoferschen Familienlebens (mit einer ständig kochenden, schnäppchenjagenden Oma und einem kiffendem, „Beatles“-hörendem Vater [der Kiffer-Gag ist natürlich dreist aus dem Münsteraner-“Tatort“ geklaut]) und dem Dorfleben entfernt sind. Aber das ändert nichts daran, dass der „Dampfnudelblues“ bei der Auflösung zutiefst reaktionär wird. Denn Höpfl ist nicht nur ein allgemein verhasster Single, sondern auch Homosexuell. Er frönt seine sexuelle Neigung, gut versteckt hinter einer Geheimtür, in seinem ausgebauten Keller oder indem er sich nach Mitternacht von einem Taxi zu bestimmten Orten fahren lässt. Höpfls Freund ist ein deutlich jüngerer, drogenabhängiger Stricher, der auch in der Gerichtsmedizin landet. Der Mörder ist der Vater des Strichers, der noch vor seiner Geburt in die Fremdenlegion flüchtete und erst jetzt zurückkehrte, was aber beides kein Problem ist. Und nach seiner Verhaftung wird in kumpelhafter Vertrautheit beschlossen, die Sache nicht an die große Glocke zu hängen. Man besorgt dem Mörder auch gleich einen guten Anwalt.

Das hat dann einen, höflich formuliert, sehr unangenehmen Beigeschmack. Vor allem weil das alles im witzig gemeintem Tonfall des verschwörerischen Einverständnisses mit dem Mörder und des gesunden Volksempfindens gegen die abartigen sexuellen Neigungen, denen man nur im Dunkeln nachgeht, daherkommt.

Da fallen dann die faden Witze über das neue Mitglied der örtlichen Fußballmannschaft, ein Schwarzer!, und die Verballhornung des Namens von Eberhofers Nichte nicht mehr auf: „Sie heißt Uschi, nach ihrer Großmutter. Weil das aber der Name von meiner verstorbenen Mama ist, nenn ich sie lieber Sushi. Sushi passt ganz einwandfrei, weil es sich hierbei auch um ein kleines, asiatisches Röllchen handelt.“

Luschtig ist was anderes.

Rita Falk: Dampfnudelblues – Ein Provinzkrimi

dtv, 2012

256 Seiten

8,95 Euro

Der Roman erschien 2011 als „dtv premium“-Buch.

Die Verfilmung

Dampfnudelblues (D 2013)

Regie: Ed Herzog

Drehbuch: Christian Zübert

mit Sebastian Bezzel, Simon Schwarz, Ilse Neubauer, Eisi Gulp, Gerhard Wittmann, Chi Le, Lisa Maria Pottoff, Nadeshda Brennicke, Nina Proll

Länge: 87 Minuten

Hinweise

Homepage von Franz Eberhofer

Homepage zum Film

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