DVD-Kritik: „Die wilde Zeit“ der frühen siebziger Jahre

Vor einigen Monaten habe ich zum Filmstart von Olivier Assayas „Die wilde Zeit“ geschrieben:

Nach seinem grandiosen „Carlos – Der Schakal“ bleibt Olivier Assayas auch mit seinem neuesten Film „Die wilde Zeit“, der im Original „Après Mai“ heißt und auf die Nachwirkungen des revolutionären Mai 1968 anspielt und bei uns ursprünglich als „Something in the Air“ (was auch ein treffender Titel gewesen wäre) anlaufen sollte, den Siebzigern treu und erzählt von einigen Jugendlichen, die zwischen Schulabschluss und Studienbeginn bei der Revolte mitmachen wollen. Sie wollen eine andere, eine bessere Gesellschaft und versuchen ihren eigenen Weg zwischen Liebe, Kunst und Politik zu finden.

Die Jugend meiner Generation war ganz besonders entflammbar. Die heutige Jugend ist eher vernünftig. Jeder ist radikal, steht aber für nichts ein. In den 1970er wurden wir permanent gefordert, uns zu rechtfertigen: ‘Was hast du für die Arbeiterklasse getan?’ (…) Wir hassten Unternehmen jeglicher Form und näherten uns ihnen nur, um sie von innen zu sabotieren. Wir lebten in Kommunen, wir weigerten uns Familien zu gründen, hatten keine Altersvorsorge im Kopf (…) Die „Nach-Mai“-Generation wurde in das Chaos hineingeboren und wuchs im Chaos auf. Sie hatte keine anderen symbolischen Werte als die Ablehnung der Welt, die Marginalisierung, die Verpflichtung auf das Endergebnis. Ein sehr zerstörerisches Endergebnis, wie sich herausstellt. Diese Generation zahlt einen hohen Tribut.“ (Olivier Assayas)

Der Film beginnt unmittelbar nach der vom Polizeipräsidium verbotenen Demonstration vom 9. Februar 1971 in Paris. „Le Secours Rouge“, eine maostisch-kommunistische Organisation, rief zu einer Demonstration gegen die Inhaftierung einiger proletarischer Linker auf. Die neu gegründeten „Brigades Spéciales d’Intervention“ (Sondereinheiten für Interventionsmaßnahmen) wendeten hemmungslos Gewalt gegen die Demonstranten an. Ein Demonstrant, der 24-jährige Richard Deshayes, wird von einer Rauchgranate getroffen und verliert ein Auge, das andere wird schwer verletzt. Der unpolitische Gymnasiast Gilles Guiot wird auf seinem Heimweg verhaftet und zu einer sechsmonatigen Gefängnisstrafe mit drei Monaten Bewährung wegen des nicht nachweisbaren Angriffs auf einen Offizier im Dienst verurteilt. Die Studentenbewegung schöpfte aus diesen Ereignissen neue Kraft.

Auch Gilles und seine linken Freunde in der Pariser Vorstadt beschäftigt dieses grundlos harte Durchgreifen der Staatsmacht, die wild um sich prügelt und, wie auch kurz darauf in „Die wilde Zeit“, mit Rauchgranaten und Schlagstöcken Demonstrationen auflöst und hemmungslos Jugendliche verfolgt, die einfach nur das Pech haben, in der Nähe der Demonstration zu sein. Sie wollen ein Zeichen setzen. Dabei werden ihre Aktionen, die juxhaft mit dem nächtlichen Bemalen der Schule beginnen, zunehmend gefährlicher. Auch weil das Gebäude von einigen Wachleuten bewacht wird.

Nachdem sie einen Wachmann schwer verletzen und der Sommer naht, begeben Gilles und seine Freunde, teils zusammen, teils getrennt, sich auf Reise. Nach England und Italien, zu Künstlern, Musikern und radikalen Filmemachern. Und sie müssen sich entscheiden, welchen Weg sie gehen wollen: ob sie wirklich Terroristen werden wollen oder sich irgendwie mit dem System arrangieren, es versuchen von innen heraus zu verändern.

Das ist, wie der 1955 in Paris geborene Regisseur und Drehbuchautor Olivier Assayas zugibt, autobiographisch gefärbt, aber auch ein Porträt einer Generation, die nach dem großen Aufbruch von 1968 ihren Weg suchte.

Assayas zeichnet diese Irrungen und Wirrungen feinfühlig und mit mehr als einem Augenzwinkern in Richtung Nouvelle Vague nach. Da fallen die darstellerischen Mängel der Jungschauspieler – Debütanten und Laienschauspieler – umso stärker auf. Denn zu oft sind sie nicht auf der Höhe des Buchs und der Regie.

Beim wiederholten Ansehen fällt auf, wie kurz einige der Szenen, die im Gedächtnis blieben, sind, und wie viel Stoff Assayas in zwei Stunden Filmzeit packte, ohne dass es jemals hektisch wird. Ein Peter Jackson im „Der Hobbit“-Modus hätte daraus wahrscheinlich ein zwanzigstündiges Werk gemacht. Mindestens.

Das Bonusmaterial

Das Bonusmaterial ist überschaubar. Im Wesentlichen besteht es aus einem viertelstündigem „Making of“, das aus Bildern vom Dreh und einigen Statements von Olivier Assayas zu seinem Film besteht.

Die wilde Zeit - DVD-Cover

Die wilde Zeit (Après Mai, Frankreich 2012)

Regie: Olivier Assayas

Drehbuch: Olivier Assayas

mit Clément Métayer, Lola Créton, Félix Armand, Carole Combes, India Salvor Menuez, Hugo Conzelmann

DVD

EuroVideo

Bild: 1.85:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Originalfassung (Französisch, Italienisch, Englisch; Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making of, Lightshow für „Fille Qui Mosse“, Trailer

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über “Die wilde Zeit”

Metacritic über “Die wilde Zeit”

Rotten Tomatoes über “Die wilde Zeit”

Wikipedia über „Die wilde Zeit“ (englisch, französisch)

Meine Besprechung der Kinofassung von „Carlos – Der Schakal“

Meine Besprechung von „Carlos – Der Schakal“ (Director’s Cut – bzw. die dreiteilige TV-Fassung)

Meine Besprechung von „Die wilde Zeit“

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