John le Carré verkündet eine „Empfindliche Wahrheit“

le Carre - Empfindliche Wahrheit - 2

In der aktuellen KrimiZeit-Bestenliste, einer Empfehlungsliste von Kritikern, ist John le Carrés neuer Spionageroman „Empfindliche Wahrheit“ auf Platz drei. Ganz schlecht kann der Roman also nicht sein, aber wie schon bei den vorherigen Romanen von John le Carré fragte ich mich beim Lesen der teils überschwänglichen Besprechungen, ob nicht der Ruf le Carrés als Großmeister des Spionagethrillers den Blick auf das aktuelle Werk vernebelt. Denn so ehrenwert le Carrés Anliegen in dem Roman ist, so lausig ist er leider auch in großen Teilen. Das beginnt mit der seltsamen Entscheidung von le Carré, immer wieder, teilweise innerhalb einer Szene, vom Präsens zum Präteritum zu wechseln und einen dadurch immer wieder aus dem Lesefluss herauszureißen.

Außerdem wechselt er, vor allem am Anfang, immer wieder zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit, ohne dass dadurch ein erzählerischer Mehrwert entsteht. So erzählt le Carré im ersten Kapitel von einer Nacht-und-Nebel-Aktion auf Gibraltar ganz traditionell im Präterium. Dazwischen schneidet er ständig Szenen, die früher stattfanden und wechselt in ihnen grundlos ins Präsens. Dass das alles ziemlich schlecht geschrieben ist, hilft auch nicht. Zum Beispiel auf Seite 12: „’Und wie geht’s Ihrer armen lieben Gattin?‘, fragt die hart an der Pensionsgrenze dahinschrammende Eisprinzessin aus der Personalabteilung (oder Human Resources, wie das neuerdings aus unerfindlichen Gründen heißt), nachdem sie ihn ohne ein Wort der Erklärung am Freitagabend, während alle braven Bürger heimwärts eilen, in ihre Gemächer zitiert hat.“

Oder auf Seite 27: „Ungläubig blieb er am Fenster stehen. Es ist der fette bärtige Grieche nebenan, der unter der Dusche singt. Es ist dieses sexbesessene Pärchen von oben drüber, er grunzend, sie winselnd. Ich leide an Halluzinationen.“

Die Geschichte selbst entfaltet sich sehr langsam und sehr umständlich. So könnte die erste Hälfte des Romans, in der le Carré uns mit belanglosen biographischen Informationen über die beiden Hauptcharaktere langweilt, locker auf wenige Seiten gekürzt werden. In ihr erfahren wir etwas über eine seltsame Aktion auf Gibraltar, bei der Paul Anderson (so der Tarnname des Diplomaten Christopher ‚Kit‘ Probyn) als Beobachter dabei ist und bei der in einer Gemeinschaftsaktion Soldaten und Söldner einen gewissenlosen Waffenhändler verhaften sollen und vielleicht etwas schief geht. Jedenfalls heißt es am Ende der Aktion, dass die Aktion erfolgreich war und es keine Verletzten gab, aber ersten haben wir den Klappentext gelesen und zweitens hätte le Carré nicht gut sechzig Seiten für eine perfekt verlaufene Aktion geopfert.

Im zweiten Kapitel lesen wir, wie Toby Bell als Diplomat um die halbe Welt reist, im Dienst aufsteigt, seinen Chef bei einer geheimen Besprechung belauscht und dass diese Besprechung (die vor der Gibraltar-Aktion stattfand) wahrscheinlich etwas mit der Gibraltar-Aktion zu tun hat.

Danach springt le Carré, wir sind inzwischen auf Seite 163 angelangt, drei Jahre nach vorne. Kit ist inzwischen pensioniert. Nach einer Fastnachtsveranstaltung, die wir in epischer Länge lesen dürfen, trifft er zufällig einen der damals beteiligten Soldaten und so langsam kommen die Dinge in Schwung. Denn, wiederum viele Seiten später, wir haben inzwischen Seite 224 erreicht, treffen sich Probyn und Bell und sie wollen herausfinden, was damals geschah. Das erfahren wir zwanzig Seite später – und eigentlich hätten wir das schon viel früher erfahren müssen. Denn bislang inszenierte le Carré nur viel Lärm um Nichts und auf den restlichen Seiten, wenn die Geschichte ihrem Ende entgegen taumelt, wird es nicht viel besser.

Le Carré spricht in „Empfindliche Wahrheit“ wichtige Themen an, die den langjährigen John-le-Carré-Lesern, teils mit anderen Schwerpunkten, in den vergangenen Jahren zu oft in einem schrill moralisierendem Ton, durchaus vertraut sind: die zunehmende Verknüpfung von staatlichem Handeln und privaten Firmen, der Privatisierung von Kriegen, dem Kampf gegen den Terror nach 9/11, den damit verbundenen moralischen Bedenken und, wenn auch nur am Ende und ungefähr so tiefgehend wie eine Kurzmeldung, dem Umgang mit Whistleblowern und der zunehmenden Überwachung. Daraus hätte man, nah an der Realität, eine mitreisende Geschichte erfinden können. Siehe „24“ oder „Green Zone“ oder „Der Ghostwriter“ oder „Inside Wikileaks“. Aber le Carré begräbt in „Empfindliche Wahrheit“ alle Themen unter einer Geschichte, die sich nie wie eine Geschichte, sondern wie ein Griff in den Zettelkasten liest, mit entsprechend blassen Charakteren, deren Motivation nie glaubhaft ist. Denn warum sollten zwei Diplomaten, die bislang nie an ihrem Arbeitgeber zweifelten, plötzlich Fragen stellen und ihre gesicherte Pension aufs Spiel setzen? Und warum verhalten sie sich so naiv? Haben sie nicht ihren le Carré gelesen?

John le Carré: Empfindliche Wahrheit

(übersetzt von Sabine Roth)

Ullstein, 2013

400 Seiten

24,99 Euro

Originalausgabe

A delicate Truth

Viking, London, 2013

Hinweise

Homepage von John le Carré

Meine Besprechung von John le Carrés „Geheime Melodie“ (The Mission Song, 2006)

Meine Besprechung von John le Carrés “Marionetten (A most wanted man, 2008)

Meine Besprechung von John le Carrés “Verräter wie wir” (Our kind of traitor, 2010)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “Bube, Dame, König, Spion” (Tinker, Tailor, Soldier, Spy, Großbritannien/Frankreich/Deutschland 2011)

John le Carré in der Kriminalakte

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