Neu im Kino/Filmkritik: Der Liebesfilm „Blau ist eine warme Farbe“

 

Als „Blau ist eine warme Farbe“ dieses Jahr in Cannes die Goldene Palme erhielt, war es eine kleine Situation. Die von Steven Spielberg geleitete Jury zeichnete nicht nur Regisseur Abdellatif Kechiche, sondern – erstmals, die Regeln galant ignorierend – auch die beiden Hauptdarstellerinnen Adèle Exarchopoulos und Léa Seydoux aus. Denn so Spielberg über die „großartige und wunderschöne Liebesgeschichte“ und die Juryentscheidung: „Ohne sie hätte der Regisseur seine genauen und sensiblen Beobachtungen nicht umsetzen können.“

In seinem dreistündigem Film erzählt Kechiche die Liebesgeschichte zwischen Adèle (Adèle Exarchopoulos) und Emma (Léa Seydoux [Mission: Impossible – Phantom Protokoll, Midnight in Paris, Inglourious Basterds]) von ihrer ersten Begegnung bis zu ihrem Ende.

Als wir Adèle zum ersten Mal treffen, ist sie eine siebzehnjährige, literaturbegeisterte Schülerin, die Lehrerin werden möchte. Und wie ihre Klassenkameradinnen sucht sie einen Freund. Aber der Schwarm der Mädchen ist dann doch nicht ihr Traumprinz. Im Gegensatz zu der etwas älteren Frau mit den struppigen blauen Haaren, die sie, Arm in Arm mit einer anderen Frau, auf dem Marktplatz sieht und von der sie sofort fasziniert ist. Später treffen sie sich mitten in der Nacht in einer Lesbenbar, in die Adèle ging, nachdem sie von ihren Klassenkameradinnen gelangweilt war. Der Funke springt über und die Liebesgeschichte zwischen Adèle und der bekennend lesbischen Kunststudentin Emma beginnt. Dass sie aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Klassen kommen, dass das handfeste Arbeitermilieu und das Künstlermilieu zwei verschiedene Welten mit sehr verschiedenen Lebensentwürfen ist, stört sie anfangs nicht.

Später, nachdem sie zusammen gezogen sind und der Alltag ist in ihre Beziehung einkehrt, fallen diese Unterschiede auf. Während Adèle als Lehrerin arbeitet, hat Emma erste Erfolge als Malerin.

Abdellatif Kechiche („Couscous mit Fisch“) erzählt diese Geschichte fast ausschließlich in Nahaufnahmen und längeren Szenen, die quasi-dokumentarisch wirken. Und, was auch ungefähr in jeder Besprechung erwähnt wird, mit einigen längeren expliziten Sexszenen, die mich, weil sie Teil der Geschichte sind, nicht störten. Denn sie verraten auch einiges über die Beziehung der beiden Frauen zueinander.

Auch wenn die einzelnen Szenen, dank des sehr improvisierten Drehs, betont ungekünstelt wirken, hat Kechiche die Adoleszenz-Geschichte beim Schnitt präzise komponiert, indem es auch um verschiedene Lebensentwürfe (Adèle arbeitet nach ihrer Schulabschluss mit Kindern), die Liebe zur Kunst (es wird schier endlos mit nimmermüder Begeisterung über die Literatur und die Malerei gesprochen), Machtstrukturen und Vorurteile (besonders deutlich in der Schule, wenn Adèle von ihren Freundinnen als Lesbe beschimpft wird, aber auch wenn sie Emma ihren Eltern als Freundin vorstellt, während Emmas Eltern von ihrer lesbischen Beziehung wissen) und dem sexuellen Erwachen, das hier halt mit einer anderen Frau stattfindet, die Adèle gleichzeitig in die Welt der Kunst und der Boheme entführt.

Im Original heißt „Blau ist eine warme Farbe“ „La vie d’Adèle, chapitres 1 & 2“ und, auch wenn sich Kechiche in den ersten beiden Kapitel auf die Liebesgeschichte und damit auf Adèle und Emma konzentriert, gibt es mit dem halb offenem Ende und den, eher spärlichen, Hinweisen auf ihr Leben, genug Möglichkeiten für weitere Kapitel, die Kechiche in den nächsten Jahren mit Adèle Exarchopoulos erzählen möchte, wenn es nicht gerade zwischen ihm, seinen beiden Hauptdarstellerinnen und der Autorin der Vorlage, die er sehr frei interpretierte, Streit gäbe.

Blau ist eine warme Farbe - Plakat

Blau ist eine warme Farbe (La vie d’Adèle, chapitres 1 & 2, Frankreich 2013)

Regie: Abdellatif Kechiche

Drehbuch: Abdellatif Kechiche, Ghalya Lacroix

LV: Julie Maroh: Le bleu est une couleur chaude, 2010 (Blau ist eine warme Farbe)

mit Léa Seydoux, Adèle Exarchopoulos, Salim Kechiouche, Mona Walravens, Jérémie Laheurte, Alma Jodorowsky

Länge: 179 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Französische Facebook-Seite zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Blau ist eine warme Farbe“

Moviepilot über „Blau ist eine warme Farbe“

Metacritic über „Blau ist eine warme Farbe“

Rotten Tomatoes über „Blau ist eine warme Farbe“

Wikipedia über „Blau ist eine warme Farbe“ (deutsch, englisch, französisch)

 

 

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