Neu im Kino/Filmkritik: „Der Medicus“ begibt sich auf die Reise

Was Hollywood kann, können wir auch. Manchmal. Nämlich epische, auf den Weltmarkt zielende Bestsellerverfilmungen. Bernd Eichinger hat sie früher gemacht: „Der Name der Rose“, „Das Geisterhaus“, „Das Parfüm“ und, basierend auf einer wahren Geschichte, „Der Untergang“. Heute muss wohl Nico Hofmann ran. Auf sein Produzentenkonto gehen „Der Tunnel“, „Stauffenberg“, „Mogadischu“, „Der Turm“ und „Unsere Mütter, unsere Väter“. Da ist Noah Gordons Schmöker „Der Medicus“, der allein in Deutschland über sechs Millionen mal verkauft wurde, nicht in schlechten Händen.

Für den 155-minütigen Film wurde der 850-seitige Roman (in der aktuellen Heyne-Ausgabe; die alte Knaur-Ausgabe hat nur 632 Seiten) natürlich kräftig, aber sinnvoll gekürzt. So konzentriert sich die Geschichte jetzt, mit einigen Subplots auf Coles Ausbildung und sein Leben in Isfahan.

In der im elften Jahrhundert spielenden Geschichte will der junge Rob Cole, der als Kind in England in einem Bergwerk schuftet, nach dem Tod seiner Mutter (sie starb an der Seitenkrankheit, vulgo einer Blinddarmentzündung), wissen, wie Menschen geheilt werden können. Er schließt sich einem herumziehendem Arzt, der mehr Scharlatan als Mediziner ist, an, hört später von den medizinisch wesentlich gebildeteren Juden, dass in Persien in dem Ort Isfahan Ibn Sina lehrt. Ibn Sina soll ein großer Arzt sein und junge, talentierte Ärzte ausbilden. Rob Cole macht sich auf die gefährliche und lange Reise nach Isfahan, die im Film budgetschonend ziemlich schnell abgehandelt wird, während sie – so meine Erinnerung – einen großen Teil von Noah Gordons Schmöker ausmacht.

In Isfahan wird Cole von Ibn Sina als Schüler aufgenommen, er verliebt sich in Rebecca, befreundet sich mit seinen Mitschülern, vor allem mit dem Juden Mirdin, und gerät auch in die dortigen politischen Intrigen.

Später findet Cole ein Gegenmittel gegen die Pest, führt nachts im Keller Obduktionen durch und operiert, sozusagen als Höhepunkt des Films, in einer sehr kitschigen Szene den an der Seitenkrankheit leidenden Schah, während ihm sein jüdischer Freund Mirdin und sein muslimischer Lehrer Ibn Sina assistieren. Da sind dann – auch wenn es dramaturgisch gerechtfertigt ist und wohl auch so im Buch steht – die drei Weltreligionen unter christlich-abendländischer Vorherrschaft miteinander vereint. Dabei war damals, wie „Der Medicus“ historisch korrekt zeigt, das Morgenland kulturell wesentlich weiter entwickelt als Europa, das sich noch im finstersten Mittelalter suhlte und im Film fast ohne Farbtupfer auskommen muss, während der Orient schön farbenprächtig ist.

In anderen Punkten ist der Film, wie der Roman, historisch nicht korrekt. So fand die erste historisch belegte Blindarmentfernung in den 1880er Jahren statt. Der Überträger der Pest wurde auch erst Jahrhunderte später entdeckt. Undsoweiter.

Der Medicus“ ist halt ein epischer Abenteuerfilm, der trotz seiner Laufzeit kurzweilig unterhält, auf Schauwerte setzt, erträglich kitschig ist, immer etwas bieder wirkt, wegen der vielen Innenaufnahmen etwas zu deutlich auf die spätere TV-Ausstrahlung schielt und durch und durch durchschnittlich ist. Nie wirklich schlecht, aber auch nie wirklich gut.

Francois Truffaut hätte diesen Konsensfilm für die Familie wahrscheinlich in die von ihm abgelehnte „Tradition der Qualität“ aufgenommen.

Anmerkung: Im Fernsehen soll eine insgesamt ungefähr dreistündige Fassung gezeigt werden. Wenn ich einen Blick auf die Laufzeit werfe, dürften die Ergänzungen sich in einem ähnlichen Rahmen wie bei „Der Baader Meinhof Komplex“ (noch eine Eichinger-Produktion) bewegen. Da waren sie ziemlich verzichtbar.

Der Medicus - Plakat

Der Medicus (Deutschland 2013)

Regie: Philipp Stölzl

Drehbuch: Jan Berger

LV: Noah Gordon: The Physician, 1986 (Der Medicus)

mit Tom Payne, Ben Kingsley, Stellan Skarsgard, Olivier Martinez, Emma Rigby, Elyas M’Barek, Fahri Yardim, Makram J. Khoury, Michael Marcus

Länge: 155 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Der Medicus“

Moviepilot über „Der Medicus“

Rotten Tomatoes über „Der Medicus“

Wikipedia über „Der Medicus“

Homepage von Noah Gordon

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2 Responses to Neu im Kino/Filmkritik: „Der Medicus“ begibt sich auf die Reise

  1. Lila sagt:

    Findest du wirklich, dass die lange Version vom BaaderMeinhofKomplex nicht so gut war? Hm… fand ich gar nicht… wobei gerade bei dem Film hängt das auch ein bisschen am Interesse für das Thema, denke ich mal… Ich fand nicht, dass die Ergänzungen dem Film geschadet hätten.

  2. AxelB sagt:

    Den „Baader Meinhof“-Film fand ich okay als leicht hektischen Bilderbogen, den man nur mit Vorwissen über die politischen Hintergründe und Personen versteht. Die lange Version ist ja nur einige Minuten länger als die Kinoversion und verändert sie kaum.
    Deutlich gelungener ist „Carlos, der Schakal“. Da halte ich die TV-Version (die deutlich länger ist) für viel besser als die Kinoversion, die mir im Kino schon verdammt gut gefiel.

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