DVD-Kritik: „Jack Taylor“, Trinker, Privatdetektiv, Galway

Als 2001 der erste Jack-Taylor-Roman „The Guards“ von Ken Bruen erschien, wurde er in der angloamerikanischen Krimigemeinde euphorisch aufgenommen. „The Guards“ und der Folgeband „The Killing of the Tinkers“ räumten die wichtigen Krimipreise ab. Unter anderem Edgar- und Anthony-Nominierungen, Shamus- und Macavity-Gewinner. Seinen zweiten Shamus erhielt er für „The Dramatist“.

Und obwohl es auch in Deutschland schon damals einige bekennende Ken-Bruen-Fans gab, erschien erst 2009 die Übersetzung von „The Guards“ als „Jack Taylor fliegt raus“. Übersetzt von Harry Rowohlt, einem der wenigen Übersetzer, dessen Name es auch auf den Buchumschlag schafft und der Käufer anlockt. Dummerweise ist er auch ein Übersetzer mit einem beträchtlichen Ego und entsprechend umstritten sind die Übersetzungen; – wobei die echten Ken-Bruen-Fans seine Noirs eh im Original lesen, weil seine lyrisch-knappe Sprache eben nur im Original (auch wenn man nicht jede Anspielung und jedes Wortspiel versteht) ihren wirklichen Reiz entfaltet. Die Geschichten sind nebensächlich. Denn in einem Jack-Taylor-Roman geht es immer um Jack Taylor, Ex-Polizist, Trinker, Privatdetektiv, der seine Fälle nicht löst, weil er gut ermittelt, sondern trotz seiner Ermittlungen. Er ist ein herumstreifendes Katastrophengebiet, das sich bevorzugt auf die heiligen Kühe von Galway stürzt: Schwäne, die Kirche (die späteren Taylor-Romanen sind undenkbar ohne die Religion; in „The Devil“ trifft er sogar den Leibhaftigen) und den Hass gegen die Tinker, dem herumfahrenden Volk, das dort ungefähr so beliebt ist, wie bei uns die Sinti und Roma (beziehungsweise früher Zigeuner). Seine Freunde sind letztendlich die lesbische Polizistin Ridge, der zum Zen-Meister halbwegs konvertierte Drogenhändler Stewart und Father Malachy, seine Nemesis, Fluch seines Lebens und enger Freund von Jack Taylors Mutter.

Für die Verfilmung durfte Jack Taylor erstaunlich viele Ecken und Kanten behalten. Trotzdem wurde einiges geändert. So hat Taylor in der TV-Serie zwar auch eine Freundin bei der Polizei. Aber seine Vertraute bei der Polizei, Kate Noonan, erscheint nicht besonders lesbisch, eher schon asexuell. Und Cody ist als Privatdetektiv-begeisterter Jüngling, der in der Serie immer dabei ist, der typische Sidekick des Helden, der vor allem die Laufarbeit erledigen darf und mehr schlecht als recht die Detektei von Jack Taylor am Laufen hält.

Außerdem wurden, was bei den Taylor-Fans von der Insel für Kritik sorgte, die Innenaufnahmen in Bremen im Studio gedreht, weil auch die deutsche Firma Molten Rock Media mitproduzierte und es einen Zuschuss von Nordmedia gab. Und mit den Dialekten scheint es auch zu hapern, aber das kann auf der jetzt veröffentlichten DVD-Box mit den ersten sechs Jack-Taylor-Filmen nicht überprüft werden, weil auf die englische Tonspur verzichtet wurde.

Aber der wichtigste Unterschied zwischen Bruens Romanen und den Verfilmungen ist, dass in den Romanen der Ich-Erzähler Jack Taylor der Dreh- und Angelpunkt der Geschichten ist, die vor allem Charakterstudien sind und Taylor die Fälle normalerweise nicht aufgrund eigener Ermittlungen löst. Ken Bruen meinte mal: „He is the world’s worst detective. Cases get solved not because of him but despite him.“

Für die Verfilmungen wurde das geändert. Die Geschichten sind geradliniger und konventioneller, aus verschiedenen Perspektiven erzählt (obwohl Ken Bruen in den späteren Jack-Taylor-Romanen mit verschiedenen Perspektiven experimentiert) und Taylor ist der Ermittler, der die Fälle löst. In den Filmen werden die Fälle wegen Jack Taylor gelöst.

Und natürlich fehlt, auch wenn es etwas Voice-Over gibt und Dialoge übernommen wurden, Ken Bruens knappe, schwarzhumorig-lakonische Sprache, die Zitate und die Leselisten der Leseratte Jack Taylor, die veritable Einkaufslisten sind.

In „Der Ex-Bulle“ soll er ein spurlos verschwundenes Mädchen suchen. Weil kurz vorher vier Mädchen, deren Leichen aus dem Wasser gezogen wurden, sich angeblich selbst umbrachten, befürchtet Taylor, dass bald eine fünfte Wasserleiche gefunden wird.

In „Auge um Auge“ gerät Jack Taylor an die Pikemen, eine Bürgerwehr, die Verbrecher, die vor Gericht nicht verurteilt wurden, final bestraft.

In „Gefallene Mädchen“ wühlt Jack Taylor in der Vergangenheit von Galway. Denn er soll eine Nonne finden, von der er nur ihren Spitznamen „Lucifer“ kennt, und die in einem Magdalenen-Heim, in dem „Gefallene Mädchen“ wieder auf den Pfad der Tugend zurückgeführt werden sollten, ein besonders drakonisches Regime führte.

In „Königin der Schmerzen“ beauftragt ein sich merkwürdig verhaltender Literaturprofessor Jack Taylor den Tod einer Studentin aufzuklären. Am Ende gerät Taylors Freundin Kate Noonan in Lebensgefahr.

In „Tag der Vergeltung“ wird Father Royce, der lange in den USA war, ermordet. Father Malachy möchte, dass Taylor den Fall aufklärt. Denn Father Royce verging sich an Messdienern – und das könnte das Motiv sein.

In „Das schweigende Kind“ wird Jack Taylor von einem Tinker-Clan beauftragt, den Mörder von Rosies Mutter zu finden. Rosie, die den Mord beobachtete, schweigt und die Polizei interessiert sich nicht sonderlich für diesen Streit unter Tinkern.

Letztendlich sind die Jack-Taylor-Filme ordentliche Privatdetektiv-Filme mit einem kantigen Helden und Fällen, die sich tief in die unschönen Seiten der irischen Geschichte begeben. Aber die Bücher sollte man trotzdem lesen. Denn sie sind etwas ganz anderes.

Die DVD-Ausgabe

Eigentlich ist die deutsche DVD-Ausgabe der ersten sechs Jack-Taylor-Filme ein Fall für die Mülltonne. Denn es gibt keine Untertitel und keinen Originalton. Beides gehört für mich zur Standardausstattung.

Es gibt Interviews mit Hauptdarsteller Iain Glen, Noonan-Darstellerin Nora Jane Noone, Cody-Darsteller Killian Scott, Regisseur Stuart Orme, Produzent Ralph Christians, Drehbuchautor Marteinn Thorisson und Kameramann John Conroy, teils untertitelt, teils mit Voiceover, teilweise auch ohne Nennung des Interviewten.

Nein, einen besonders liebevollen Eindruck hinterlässt die „Jack Taylor“-Box nicht.

Dummerweise sieht die Situation in anderen Ländern nicht viel besser aus. In England gibt es nur die ersten drei Filme auf DVD.

Es gibt außerdem eine „Complete Collection One & Two“ mit den ersten fünf Fällen. Denn „Das schweigende Kind“ wurde bislang in Irland noch nicht gezeigt.

Jack Taylor - DVD-Cover - 4

Jack Taylor (Irland 2010/2011/2013)

mit Iain Glen (Jack Taylor), Nora Jane Noone (Kate Noonan), Killian Scott (Cody), Frank O’Sullivan (Superintendent Clancy), Paraic Breathnach (Father Malachy)

DVD

Edel

Bild: Pal 16:9

Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Interviews mit den Darstellern und Machern der Serie

Länge: 540 Minuten (6 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre

Jack Taylors Ermittlungen

Der Ex-Bulle (The Guards, Irland 2010)

Regie: Stuart Orme

Drehbuch: Tom Collins, Anne McCabe, Ralph Christians

LV: Ken Bruen: The Guards, 2001 (Jack Taylor fliegt raus)

Auge um Auge (The Pikemen, Irland 2011)

Regie: Stuart Orme

Drehbuch: Marteinn Thorisson

Gefallene Mädchen (The Magdalen Martyrs, Irland 2011)

Regie: Stuart Orme

Drehbuch: Marteinn Thorisson

LV: Ken Bruen: The Magdalen Martyrs, 2002 (Jack Taylor fährt zur Hölle)

Königin der Schmerzen (The Dramatist, Irland 2013)

Regie: Stuart Orme

Drehbuch: Marcus Fleming

LV: Ken Bruen: The Dramatist, 2004 (Ein Drama für Jack Taylor)

Tag der Vergeltung (Priest, Irland 2013)

Regie: Stuart Orme

Drehbuch: Marteinn Thorisson

LV: Ken Bruen: Priest, 2006 (Jack Taylor und der verlorene Sohn)

Das schweigende Kind (Cross; Shot Down, Irland 2013)

Regie: Stuart Orme

Drehbuch: Marteinn Thorisson

LV: Ken Bruen: Cross, 2007 (Jack Taylor auf dem Kreuzweg)

Die Jack-Taylor-Romane

1) Jack Taylor fliegt raus (The Guards, 2001)

2) Jack Taylor liegt falsch (The Killing Of The Tinkers, 2002)

3) Jack Taylor fährt zur Hölle (The Magdalen Martyrs, 2003)

4) Ein Drama für Jack Taylor (The Dramatist, 2004)

5) Jack Taylor und der verlorene Sohn (Priest, 2006)

6) Jack Taylor auf dem Kreuzweg (Cross, 2007)

7) Jack Taylor gegen Benedictus (Sanctuary, 2008)

8) Jack Taylor geht zum Teufel (The Devil, 2010)

9) Ein Grabstein für Jack Taylor (Headstone, 2011)

10) Purgatory, 2013

Hinweise

Homepage zur TV-Serie

ZDF über Jack Taylor (und, unschöner, hier)

Wikipedia über die Jack-Taylor-Filme

Thrilling Detective über Jack Taylor

Deutschsprachige Ken-Bruen-Seite (Atrium-Verlag)

Homepage von Ken Bruen

Meine Besprechung von Ken Bruens Jack-Taylor-Privatdetektivromanen

Meine Besprechung von Ken Bruens „Jack Taylor fliegt raus“ (The Guards, 2001)

Meine Besprechung von Ken Bruens “Jack Taylor liegt falsch” (The Killing of the Tinkers, 2002)

Meine Besprechung von Ken Bruens „Sanctuary“ (2008)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Flop“ (Bust, 2006)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Crack“ (Slide, 2007)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Attica“ (The MAX, 2008)

Mein Porträt von Ken Bruen und Jason Starr in „Alligatorpapiere [Print] – Magazin für Kriminalliteratur – No. 2/2010“

Meine Besprechung von William Monahans Ken-Bruen-Verfilmung “London Boulevard” (London Boulevard, USA/GB 2010)

Ken Bruen in der Kriminalakte

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3 Responses to DVD-Kritik: „Jack Taylor“, Trinker, Privatdetektiv, Galway

  1. Herba sagt:

    Wieso die Macher der DVD auf die englische Tonpsur verzichtet haben, ist mir nach wie vor ein Rätsel und hat mich gelehrt, so etwas immer direkt bei Kauf zu überprüfen und nicht als gegeben anzunehmen. Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich nämlich die DVD zurückgegeben…
    Aber an sich mag ich die Serie sehr gerne, auch oder gerade weil sie von den Büchern abweicht.

  2. AxelB sagt:

    Eine Erklärung könnte sein, dass der sechste Jack-Taylor-Film noch nicht in Irland (bzw. im Original) ausgestrahlt wurde.
    Ich dachte auch zuerst an einen Fehler, als ich die englische Tonspur nicht anklicken konnte.

  3. Herba sagt:

    Ja, das stimmt. Aber dann wäre es mir lieber gewesen, sie hätten das Erscheinen der DVD verzögert, als sowas abzuliefern *seufz*

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