Neu im Kino/Filmkritik: „Hannas Reise“ nach Israel

 

Das lief nicht gut. Zuerst erzählt Hanna bei einem Vorstellungsgespräch etwas von einem Praktikum mit Behinderten in Israel, was ihre zukünftigen Arbeitgeber wegen ihres sozialen Engagements beeindruckt, und dann will ihre Mutter, die Chefin von „Aktion Friedensdienste“ ist, ihr nicht einfach eine Bestätigung ausstellen, sondern verschafft ihr den Praktikumsplatz.

Stinkig bis zum Anschlag fliegt Hanna nach Israel. Bis jetzt hatte die BWL-Studentin nur ihre Karriere und ihre Kleider im Kopf. In Tel Aviv soll sie sich um Behinderte kümmern und mit Holocaust-Überlebenden reden. Übernachten kann sie in einer WG, die von „Aktion Friedensdienste“ bezahlt wird, in der zwei weitere Praktikanten leben und die wie eine typische, abbruchreife Studentenbude aussieht. Via Skype klagt sie ihrem Freund, der ebenfalls seine Banker-Karriere fest im Blick hat, ihr Leid.

Aber dann beginnt sie sich – notgedrungen – zu arrangieren und die Reise folgt, erwartungsgemäß, den Pfaden des Entwicklungsromans.

In „Hannas Reise“ erzählt Julia von Heinz feinfühlig und ohne allzu hoch erhobenen Zeigefinger die Geschichte einer Studentin, die zum ersten Mal über ihr Leben und ihre Ziele nachdenken muss. Gleichzeitig wirft sie einen Blick in die israelische Gesellschaft, die seit Jahrzehnten in einem ständigen Kriegszustand lebt und wie das das Leben der Jüngeren beeinflusst. So wollte Itay, der nette Leiter der Behindertengruppe, eigentlich mit einem Freund nach Berlin ziehen. Aber wegen seiner Familie blieb der Ex-Soldat in Tel Aviv. Dieser Blick in das Irrenhaus Jerusalem gewinnt in „Hannas Reise“ allerdings niemals die schwarzhumorige Verzweiflung von „45 Minuten bis Ramallah“. Außerdem spricht „Hannas Reise“ den Holocaust-Praktikumstourismus an. Denn Hannas WG-Genossen, die auf den ersten Blick wie linksorientierte, sozial engagierte Studenten wirken, haben das Praktikum auch nur als den Lebenslauf schönende Station angenommen.

Und Hanna, die bei Gesprächen mit Holocaust-Überlebenden auch einiges über ihre Familiengeschichte erfährt, fragt sich, wie sehr die Vergangenheit doch etwas mit ihr zu tun hat. Mit ihrer Mutter, mit der sie sich nicht besonders gut versteht, hat sie nie darüber gesprochen.

Hannas Reise“ hat etwas von einem wohl abgewogenem Kommissionsfilm: gut gemacht, ausgewogen und brav den Konventionen folgend. Vieles ist gelungen, nichts ist wirklich misslungen, aber nichts begeistert wirklich und nichts bringt einen wirklich zum Nachdenken. Ein Film, der wahrscheinlich Fünfzigjährigen besser als Zwanzigjährigen gefällt.

Hannas Reise - Plakat

Hannas Reise (Deutschland/Israel 2013)

Regie: Julia von Heinz

Drehbuch: John Quester, Julia von Heinz (frei nach Motiven von Theresa Bäuerleins Roman „Das war der gute Teil des Tages“)

mit Karoline Schuch, Doron Amit, Max Mauff, Lore Richter, Trystan Pütter, Lia König, Suzanne von Borsody

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Hannas Reise“

Moviepilot über „Hannas Reise“

 

 

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