DVD-Kritik: „Schmutzige Kriege – Dirty Wars“ – das filmische Making of

 

Natürlich kann man in einem neunzigminütigem Film nicht alles zeigen, was in einem über siebenhundertseitigem Buch steht; – obwohl bei einer Romanverfilmung durch kluge Raffungen eigentlich alles übernommen werden kann. Bei einem Sachbuch ist das unmöglich. Deshalb erzählt der US-Journalist Jeremy Scahill in dem Film „Schmutzige Kriege – Dirty Wars“ eine andere Geschichte als in seinem Sachbuch „Schmutzige Kriege – Amerikas geheime Kommandoaktionen“. Das Sachbuch folgt chronologisch dem Weg Amerikas nach 9/11 in eine neue Form des Krieges.

Im Film zeichnet Scahill dagegen, mit ihm immer wieder prominent im Bild, seine Recherche zu dem Buch nach: also wie er 2010 in Afghanistan erstmals von den geheimen Einsätzen des Joint Special Operations Command (JSOC) hörte. Das JSOC ist eine kleine, dem US-Präsidenten unterstehende Spezialeinheit, die vor 9/11 ziemlich unwichtig war und auch danach offiziell eigentlich nichts tat. Dennoch war sie in einen Anschlag in der afghanischen Stadt Gardez im Februar 2010, bei dem unter anderem zwei schwangere Frauen und ein Polizeikommandant getötet wurden, verwickelt.

Bei seinen Recherchen stieß Scahill schnell auf viele weitere Einsätze der JSOC in vielen Ländern, die vor der Öffentlichkeit verborgen wurden. Erst mit der Tötung von Osama Bin Laden wurde das JSOC einer breiten Öffentlichkeit bekannt.

In der Dokumentation „Schmutzige Kriege – Dirty Wars“ werfen Jeremy Scahill und Regisseur Richard Rowley einen bedrückenden Blick auf Amerikas Krieg gegen seine Grundprinzipien. Und genau in diesem Aufzeigen der Dynamik, mit der der „war on terror“ zu einem sich selbst erhaltendem Krieg ohne Ende wurde, liegt der Verdienst dieser Dokumentation, die Richard Rowley in einer gewöhnungsbedürftigen Farbpalette und einer eher störenden Video-Kamera-Optik, für die es beim Sundance-Festival einen Preis gab, inszenierte.

Jeremy Scahill und Richard Rowley zeigen den Weg und auch die Strukturen auf, die dazu führten, dass Barack Obama den Krieg gegen den Terrorismus nicht beendete, sondern mit größerer Intensität als sein Vorgänger George Bush jr. fortführt. Unter Obama wurden gezielte Tötungen, auch mit Drohnen, zu einem wichtigen Teil der US-amerikanischen Außenpolitik. In der Logik dieses Krieges liegt, dass die Liste der Menschen, die ohne irgendeine Gerichtsverhandlung zum Abschuss freigegeben werden, ständig wächst, dass auch Menschen, die vielleicht irgendwann einmal Terroristen werden könnten (wie den sechzehnjährigen US-Bürger und Predigersohn Abdulrahman Awlaki, der zwei Wochen nach seinem Vater bei einem Drohnenangriff mit seinen Freunden und Cousins im Jemen getötet wurde) und Unschuldige, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren, ermordet werden.

Der für den Oscar in der Kategorie „Bester Dokumentarfilm“ nominierte Film bleibt aufgrund seiner Machart, nämlich dem Verfolgen von Jeremy Scahill bei seinen Recherchen, notgedrungen etwas oberflächlich. Dennoch regt „Schmutzige Kriege – Dirty Wars“ zum Nachdenken an und weckt die Lust auf Scahills Buch.

Schmutzige Kriege - DVD-Cover - 4

Schmutzige Kriege – Dirty Wars (Dirty Wars, USA 2013)

Regie: Richard Rowley

Drehbuch: David Riker, Jeremy Scahill

mit Jeremy Scahill, Nasser Al Aulaqi, Saleha Al Aulaqi, Muqbal Al Kazemi

DVD

Koch Media

Bild: 1.85:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: –

Länge: 83 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Das Buch zum Film

Scahill - Schmutzige Kriege - 4

Jeremy Scahill: Schmutzige Kriege – Amerikas geheime Kommandoaktionen

(übersetzt von Maria Zybak, Gabriele Gockel, Sonja Schuhmacher und Bernhard Jendricke, Kollektiv Druck-Reif)

Verlag Antje Kunstmann, 2013

720 Seiten

29,95 Euro

(vom Autor autorisierte, gekürzte Fassung)

Originalausgabe

Dirty Wars – The World is a Battlefield

Nation Books, 2013

Hinweise

Twitter-Account von Jeremy Scahill

Homepage zum Buch und Film

Perlentaucher über Jeremy Scahills “Schmutzige Kriege”

Rotten Tomatoes über “Dirty Wars”

Wikipedia über Jeremy Scahill

Mein Hinweis auf Jeremy Scahills Lesereise (mit vielen Interviews)

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