Nathan Larson erzählt von „2/14“

Larson - 2-14

Wenn die äußeren Umstände nicht so mies wären, würde ich, wie jede Leseratte, sofort mit Dewey Decimal tauschen. Denn der Mann lebt in einer Bibliothek. Genaugenommen der New York Public Library und er kann dort ohne störenden Publikumsverkehr in aller Seelenruhe die Bücher lesen und sortieren. Das kann er, weil vor einigen Jahren im Umfeld von 2/14, dem Valentinstag, mehrere Dinge geschahen, die in Nathan Larsons Debütroman nur nebenbei angesprochen werden. Jedenfalls gab es Anschläge, drei Börsencrashs folgten und jetzt leben in New York nur noch 800.000 Menschen. Die restliche Welt scheint ähnlich menschenleer zu sein. In diesem dystopischen New York mit einer leidlich funktionierenden Verwaltung und einer funktionierenden U-Bahn übernimmt Dewey Decimal, der sich nicht an seine Vergangenheit erinnert, immer wieder Aufträge für Daniel Rosenblatt, den nicht gewählten District Attorney von New York.

Jetzt möchte Rosenblatt, dass der ukrainischen Mafiosi Yakiv Shapsko verschwindet und Dewey soll das erledigen.

Weil Shapsko sich nicht versteckt, findet Dewey ihn schnell. Aber Shasko weigert sich, ihn zu begleiten. Also versucht er über Shapskos Frau Iveta Druck auf den Gangster auszuüben. Doch der Plan geht schief. Sie schießt Dewey mit einem präzisen Schuss ins Bein und verschwindet. Rosenblatt lässt Dewey verarzten. Er will sogar, dass Dewey nach dieser sehr teuren Schlappe den Auftrag weiter verfolgt. Allerdings darf er sich nicht mehr Iveta nähern.

Nun, Dewey hält sich nicht an den Befehl. Er will, wie es sich für einen gestandenen Hardboiled-Detektiv der alten Schule gehört, die Wahrheit herausfinden.

2/14“, der erste von drei geplanten Dewey-Decimal-Romanen, ist ein gelungener Mix aus Dystopie und Dashiell Hammetts „Der Malteser-Falke“, erzählt von einem unzuverlässigem Erzähler. Denn der dunkelhäutige Dewey ist ein Mann ohne Erinnerung. Er kennt seinen echten Namen nicht. Er kommt, wie seine ihm implantierten Erinnerungen, die allerdings auch seine echten sein könnten, ihm verraten, aus der Bronx. Er war Soldat oder hat eine ähnliche Ausbildung. Er hat gute Verbindungen, aber er weiß nicht warum, und er hat einige irritierende Angewohnheiten und Abneigungen. So braucht er regelmäßig seine Tabletten, die er von Rosenblatt erhält. Er reagiert phobisch auf Schmutz, desinfiziert sich ständig die Hände, trägt am liebsten Einmal-Handschuhe, achtet penibel auf seine saubere Kleidung und bewegt sich nach einem bestimmten System durch die Stadt.

Ungefähr nachdem Dewey zum dritten Mal seinen Anzug wegen eines Schmutzflecks tauschen muss, fragt man sich, ob diese Spleens nicht nur Spleens, sondern Zeichen einer viel tiefer liegenden geistigen Desorientierung sind. Kurz: Ist der Terminator Dewey vielleicht wahnsinnig?

In „2/14“ gibt es noch keine endgültige Antwort.

Nathan Larson: 2/14 – Ein Dewey-Decimal-Roman

(übersetzt von Andrea Stumpf)

Diaphanes, 2014 (Penser Pulp)

256 Seiten

17,95 Euro

Originalausgabe

The Dewey Decimal System

Akashic Books, 2011

Hinweise

Homepage von Nathan Larson

Wikipedia über Nathan Larson (deutsch, englisch)

The Nervous Breakdown hat 21 Fragen an Nathan Larson, die er auch alle beantwortete (10. Juli 2012)

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