Glenn Greenwald schreibt über „Die globale Überwachung“ und Edward Snowden

 

Gerne würde ich Glenn Greenwalds „Die globale Überwachung – Der Fall Snowden, die amerikanischen Geheimdienste und die Folgen“ bedenkenlos jedem empfehlen. Denn selbstverständlich ist ein Buch über die globale Überwachung der US-amerikanischen NSA (National Security Agency), dem britischen GCHQ (Government Communications Headquarters) und der anderen, mit der NSA zusammenarbeiten Geheimdienste und den damit verbundenen Gefahren für unsere Gesellschaft, die freie und liberale Demokratie, wichtig und per se lesenswert. Vor allem wenn es von dem Mann geschrieben ist, der den Skandal vor einem Jahr mit seinen Reportagen im „Guardian“ öffentlich machte.

Und ich könnte auch über das bekannte Problem bei Sachbüchern, die sich mit tagesaktuellen Themen beschäftigen, nämlich dass man das meiste schon aus der Zeitung kennt, hinwegsehen. Immerhin liest nicht jeder ständig Zeitung und nicht jeder interessiert sich so brennend für das Thema des Buches, dass er wirklich jeden Artikel dazu liest.

Aber wirklich empfehlen kann ich „Die globale Überwachung“ nicht. Es zerfällt im Wesentlichen in vier große Abschnitte. Im ersten Abschnitt, den Kapiteln „Kontaktaufnahme“ und „Zehn Tage in Hongkong“ (Seite 17 bis 135), erzählt Greenwald, wie Edward Snowden mit ihm Kontakt aufnahm, wie er auf Empfehlung seiner Freundin Laura Poitras (die als Dokumentarfilmerin ebenfalls über Verletzungen der Bürgerrechte im „Kampf gegen den Terror“ arbeitet) ein Verschlüsselungsprogramm installierte, sie ein Treffen in Hongkong vereinbarten, sich wie Geheimagenten trafen, sich mit Snowden über seine Dokumente unterhielten und den „Guardian“ von einer Publikation der Unterlagen überzeugten. Das liest sich teilweise wie ein Agententhriller.

Im zweiten Abschnitt „Alles sammeln!“ (Seite 137 bis 242) erklärt Greenwald anhand zahlreicher Dokumente wie die NSA-Überwachung funktioniert. Im Wesentlichen rekapituliert Greenwald hier seine bisherigen Veröffentlichungen. Auf hundert Seiten entsteht ein Panoptikum des Schreckens. Das ist der stärkste Teil des Buches.

Im dritten Abschnitt „Die Gefahren der Massenüberwachung“ (Seite 243 bis 296) erklärt er die Gefahren einer ständigen Überwachung auf das Zusammenleben der Menschen in einer Demokratie. Er nennt Beispiele aus der Geschichte der USA. Er zitiert, eher eklektisch, einige psychologische und soziologische Studien und bezieht sich auf das Modell des Panoptikums, das von Jeremy Bentham entworfene Gefängnis, in dem die Wärter jeden Sträfling jederzeit beobachten können, ohne dass dieser es bemerkt. Er wird sich daher immer beobachtet fühlen und sein Verhalten daran ausrichten. Michel Focault erklärte das Panoptikum zu einem der Grundmechanismen des modernen Staates.

Im vierten Abschnitt „Die vierte Gewalt“ (Seite 297 bis 351) schreibt er über die Rolle der vierten Gewalt, die eigentlich die Regierung kontrollieren soll. In diesem Abschnitt schreibt er in erster Linie über seine Erfahrungen mit den US-Medien nach der Veröffentlichung seiner ersten Artikel über die NSA-Überwachung im „Guardian“.

Die letzten beiden Abschnitte enttäuschen. Der dritte Abschnitt bleibt relativ oberflächlich. Und der vierte Abschnitt rekapituliert teilweise die bekannten Skandale (die überlange Kontrolle von Greenwalds Lebensgefährten im Transitbereich des Flughafens, die Zerstörung der Festplatten im „Guardian“ unter Aufsicht des Geheimdienstes) und setzt sich mit den Erlebnissen, die Greenwald mit den US-Medien hatte, auseinander. So sehr in diesen Zeilen Greenwalds persönliche Betroffenheit spürbar ist, so erkenntnisfrei lesen sie sich für Außenstehende.

Wenn ich ehrlich bin, kann ich das flott zu lesende Buch nur den Menschen empfehlen, die das letzte Jahr auf einer einsamen Insel verbrachten oder kein Internet und keine überregionale Zeitung haben. Und den Bundestags-Abgeordneten, die immer noch behaupten, dass es keinen NSA-Skandal und keine flächendeckende Überwachung, gäbe.

 

Greenwald - Die globale Überwachung - 2

 

Glenn Greenwald: Die globale Überwachung – Der Fall Snowden, die amerikanischen Geheimdienste und die Folgen

(übersetzt von Gabriele Gockel, Robert Weiß, Thomas Wollermann und Maria Zybak)

Droemer, 2014

368 Seiten

19,99 Euro

Originaltitel

No Place to Hide

Metropolitan Books, New York 2014

Hinweise

The Guardian über Glenn Greenwald (da findet ihr seine Reportagen)

Homepage von Glenn Greenwald 

Twitter-Account von Glenn Greenwald

YouTube-Kanal von Glenn Greenwald

Wikipedia über Glenn Greenwald (deutsch, englisch)

Die beiden Videos sind von Greenwalds Buchtour.

 

 

 

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