Neu im Kino/Filmkritik: „Wara No Tate – Die Gejagten“ sorgen für Hochspannung

Endlich hat es wieder ein Film des überaus produktiven Takashi Miike („Audition“ und gut einhundert weitere Filme) in unsere Kinos geschafft und er liefert – wie eigentlich immer – großes Kino.
In „Wara No Tate – Die Gejagten“ sollen vier Polizisten Kunihide Kiyomaru zum Gericht bringen. Der nur auf den allerersten Blick alltägliche Auftrag ist ein Himmelfahrtskommando. Denn Kiyomaru ermordete bestialisch eine Siebenjährige und stellte sich auf seiner Flucht der Polizei, weil der todkranke, steinreiche Großvater der Toten ein absurd hohes Kopfgeld auf ihn ausgesetzt. Seitdem möchte anscheinend ganz Japan Kiyomaru bereits vor der Gerichtsverhandlung ermorden.
Schon im Krankenhaus können die Polizisten, die durchaus verschiedene Auffassungen über diesen Auftrag haben, den ersten Mordanschlag verhindern. Eine Krankenschwester wollte Kiyomaru mit einer Spritze töten.
Als nächstes wird, kurz nach ihrer Abfahrt, ein Anschlag auf den gut gesicherten Gefangenenkonvoi verübt – und das ist der Anfang eines fast zweistündigen Action-Feuerwerks in dem die Polizisten, die schnell, vor allem durch ihre Taten, zu dreidimensionalen Charakteren werden, ihren Gefangenen auf 1200 höllischen Kilometern, mit wechselnden Fortbewegungsmitteln, quer durch Japan nach Tokio bringen sollen. Dabei wissen sie nicht, ob sie sich gegenseitig vertrauten können und ob sie die Fahrt überleben werden.
Allein schon mit dieser Story könnte Miike eine Cinemascope-Actionoper abfeiern. Weil Miike sich in jeder Szene mit der Frage, was die Aufgabe des Rechtsstaats ist und wie das Verhältnis von Recht und Selbstjustiz ist, beschäftigt, hat „Wara no Tate – Die Gejagten“ eine philosophische Dimension, die man zuletzt in Actionfilmen oft vermisste. Dabei ist Kiyomaru ein Extrembeispiel, das gerade deshalb zum Prüfen von moralischen Gesetzen und Prinzipien taugt. Er ist eindeutig schuldig. Er bereut nichts. Er genießt die Aufmerksamkeit und auch bei all den Leichen, die sich während der Fahrt um ihn herum stalpen, scheint diese Inkarnation des Bösen nichts außer Genugtuung zu empfinden. Wenn jemand den Tod verdient hat, dann er.
Aber rechtfertigt das Lynchjustiz? Dürfen Polizisten dafür Richter und Henker spielen? Oder sollen sie das Leben eines Schuldigen schützen und dafür unschuldige, rechtschaffene Bürger in Lebensgefahr bringen oder sogar töten? Immerhin verkörpern sie den liberaldemokratischen Rechtstaat und die damit verbundenen Prinzipien, wie dem Recht auf ein faires Verfahren und die Unschuldsvermutung. Aber gelten diese Prinzipien absolut? Oder gibt es eine Grenze?
Diese abstrakten Fragen behandelt Miike innerhalb eines Thrillers, der eindeutig Partei für den Rechtsstaat ergreift und ein, auch storybedingt, sehr pessimistisches Bild von den Menschen und ihrem Vertrauen in den Staat hat. Denn schon das Versprechen auf etwas Geld verwandelt zivilisierte Menschen in Bestien, die sich kaum von Kiyomaru unterscheiden.
Miike behandelt sein Thema innerhalb eines elegant erzählten kühlen Polizeithrillers, der durch seine zahlreichen Action-Szenen, und durchstrukturierten, oft sehr poetischen Bilder (weshalb man den Film auf einer großen Leinwand sehen sollte) beeindruckt. Die Story selbst läuft einerseits geradlinig wie ein Hochgeschwindigkeitszug ab, andererseits schlägt sie immer wieder überraschende Hacken und verweist gelungen auf bekannte Vorbilder, wie den Clint-Eastwood-Film „Der Mann, der niemals aufgibt“ (The Gauntlet, USA 1977).

Wara No Tate - Die Gejagten - Plakat

Wara No Tate – Die Gejagten (Wara No Tate, Japan 2013)
Regie: Takashi Miike
Drehbuch: Tamio Hayashi
LV: Kazuhiro Kiuchi: Kazuhiro Kiuchi, 2004
mit Nanako Matsushima, Tatsuya Fujiwara, Takao Ohsawa, Gorô Kishitani, Masatô Ibu, Kento Nagayama, Tsutomu Yamazaki, Kimiko Yo, Hirotarô Honda
Länge: 117 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Japanische Homepage zum Film
Deutsche „Homepage“ zum Film
Film-Zeit über „Wara No Tate – Die Gejagten“
Moviepilot über „Wara No Tate – Die Gejagten“
Metacritic über „Wara No Tate – Die Gejagten“
Rotten Tomatoes über „Wara No Tate – Die Gejagten“
Wikipedia über „Wara No Tate – Die Gejagten“
Cannes Filmfestival über den Film (unter anderem mit der Pressekonferenz im englischen Voiceover)

Meine Besprechung von Takashi Miikes „13 Assassins“ (Jûsan-nin no shikaku, Japan 2010)

Meine Besprechung von Takashi Miikes „Phoenix Wright – Ace Attorney“ (Gyakuten saiban, Japan 2012)

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