DVD-Kritik: „Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“ jetzt für das heimische Kino

Nachdem Edgar Reitz‘ Alterswerk „Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“ bereits etliche Preise abräumte (was erwartbar war) und auch an der Kinokasse ein veritabler Erfolg war (was so nicht erwartbar war), erscheint der vierstündige Film jetzt auf DVD und Blu-ray. Allein letztes Kalenderjahr sahen sich über 120.000 Menschen den Film an, was wegen der Länge (es gibt eine Pause), des SW und der antidramatischen Erzählweise beachtlich ist.
Zum Kinostart schrieb ich über den Film und das zum Film erschienene Buch:

Schwarzweiß und gut vier Stunden. Das sind die Eckdaten, die den neuen Film von Edgar Reitz zu einem Film für eine ausgewählte Zuschauermenge machen. Da hilft es auch nicht, dass „The Artist“ (der sogar ein Stummfilm war) erfolgreich war und dass Hollywood-Blockbuster immer länger werden und deshalb manchmal gleich als Zweiteiler ins Kino kommen. Auch Reitz hat ungefähr in der Filmmitte eine Pause eingefügt, die vor allem für einige Dehn- und Streckübungen gut ist. Denn im Gegensatz zu Quentin Tarantinos Racheepos „Kill Bill“, das als Zweiteiler im Kino lief, dessen Teile sich stark unterscheiden und so sogar die kommerzielle Entscheidung rechtfertigte (zwei getrennte Teile sind zwei Filme, ergo zweimal Eintritt), ist Edgar Reitz’ „Die andere Heimat“ die epische Chronik einer sich für den Protagonisten Jakob Simon nicht erfüllenden Sehnsucht, die während der großen Auswanderungswelle im Hunsrück in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts und vor der deutschen Revolution von 1848 spielt.
1842 will der Neunzehnjährige, eine vergeistigte Leseratte, nach Brasilien, in das Land seiner Träume, auswandern. Diese Welt erscheint ihm viel spannender als das Leben in dem Hunsrückdorf Schabbach.
Edgar Reitz erzählt die Geschichte von Jakob und den Schabbachern betont undramatisch. Oft treffen die Charaktere wichtige Entscheidungen außerhalb des Films und auch viele Hintergründe zu Politik, Wirtschaft und dem alltäglichen Leben werden als bekannt vorausgesetzt oder erschließen sich durch die Beobachtung des damaligen Alltags. Entsprechend viel Zeit nimmt sich der Film, der fast wie eine Dokumentation über das damalige Leben wirkt, auch für das Zeigen von alltäglichen Arbeiten. Die damit verbundene Ruhe ist anfangs faszinierend, weicht aber mit zunehmender Laufzeit einer gewissen Langeweile.
Denn „Die andere Heimat“ erzählt nicht nur von Jakob, sondern auch von seinem Bruder Gustav, den beiden jungen Frauen Jettchen und Florinchen, die in die Brüder verliebt sind, aber die Beziehung ganz pragmatisch angehen, dem Graveur Franz Olm und dem Leben im Wandel der Jahreszeiten zwischen Geburt und Tod, wobei die einzelnen Ereignisse, wie in einer Chronik, nebeneinander stehen und sich nicht immer beeinflussen. Reitz erzählt, mit großer Ruhe, beobachtend von den Zufälligkeiten des Lebens und gibt für die Hauptgeschichte nebensächlichen Ereignissen einen breiten Raum, während wichtige Entscheidungen im Off oder schweigend getroffen werden. Im Kino funktioniert diese epische Erzählweise, im Gegensatz zur im Schüren-Verlag erschienenen, von Edgar Reitz geschriebenen Filmerzählung, nur bedingt. Hier hätte die Konzentration auf den Protagonisten und eine ordentliche Kürzung auf eine publikumsfreundliche Laufzeit gut getan.
Im Fernsehen, als Vierteiler, dürfte „Die andere Heimat“, trotz der die große Leinwand fordernden Cinemascope-Bilder des „Heimat“-erfahrenen Kameramanns Gernot Roll, die dem Hunsrück eine ungeahnte, fast schon Western-hafte Weite verleihen, als ein fast schon willkürlicher Ausschnitt aus zwei Jahre im Leben von Jakob Simon deutlich besser funktionieren.
Immerhin entstanden auch seine anderen „Heimat“-Filme für das Fernsehen und gerade „Heimat – Eine deutsche Chronik“ (1984), die erste „Heimat“-Serie, die Edgar Reitz einen „Zyklus von 11 Spielfilmen“ nannte, spielt auch in Schabbach und erzählt vom Leben der Familie Simon von 1919 bis 1982. Im Zentrum steht die 1900 geborenen Maria (Marita Breuer). „Die zweite Heimat – Chronik einer Jugend“ (1992) erzählt die Geschichte von Hermann Simons (Henry Arnold) Studienjahren von 1960 bis 1970 in München. Ähnlichkeiten mit Edgar Reitz’ Leben, der am 1. November 1932 in dem Hunsrückdorf Morbach geboren wurde und nach München zog, sind nicht zufällig. Mit „Heimat 3 – Chronik einer Zeitenwende“ (2004), die von 1989 bis 2000 spielt, kehrt er, wieder mit Hermann Simon als Protagonisten, in den Hunsrück zurück und erzählt, etwas konfus (was auch an den vom Fernsehen veranlassten Kürzungen auf 90-Minuten-Happen liegen kann), von den neunziger Jahren und dem Vereinigungsprozess.
„Die andere Heimat“ bildet jetzt, mit einer Rückkehr in den Hunsrück und in die Vergangenheit der Familie Simon den würdigen Abschluss seines Lebenswerkes. Denn dass er noch einen weiteren Spielfilm dreht, dürfte unwahrscheinlich sein.
Die Musik ist von Michael Riessler, der auch für „Heimat 3“ die Musik schrieb.

Das Filmbuch

Pünktlich zum Filmstart erschien im Schüren-Verlag auch das Buch zum Film, in dem Edgar Reitz die Filmgeschichte nacherzählt, die im Buch besser funktioniert als im Kino, und um einige Details und Hintergründe ergänzt, die die Lücken im Film ausfüllen, die Reitz bewusst gelassen hat:
„Ich könnte tausend Gelegenheiten aufzählen, bei denen das Drama auf der Hand lag und wo ich nur hätte zugreifen müssen, um den Film zu machen, den die akademischen Dramaturgen mit Freuden aufgenommen hätten. Aber warum mache ich so etwas nicht? Die Antwort ist einfach, und es ist eine Antwort, die mich mein ganzes Leben begleitet hat: Weil ich mit meinen Filmen das reale Leben besser verstehen lernen will. An erster Stelle steht für mich das genaue Beobachten, das Wissen von den Menschen und ihren Verhaltensweisen. Ich weiß einfach, wie die Dinge in einer Hunsrücker Bauernfamilie früher geregelt wurden. Da läuft es anders als im Kino oder in der Psychoanalyse. Diese von wahrer Not und täglichem Existenzkampf gezeichneten Menschen empfinden Dinge wie Verliebtheiten, Bildungshunger, Rivalität unter Geschwistern als vermeidbare Luxusprobleme. Die tödliche Krankheit der Mutter oder eines der Kinder ist eine Bedrohung der gesamten Familie, und es geht um jede Stunde, die die Kranke noch lebt und zur Arbeit gehen kann. (…) Weil es mir nicht um Zuspitzung geht, sondern um die Schilderung von Lebensklugheit, die meist darin besteht, Ambivalenzen auszuhalten. Die Gesetze des Lebens sind mir heilig und ich würde es für eine unverzeihliche Tat halten, diese Wahrheiten, um deren Darstellung ich kämpfe, der Kinodramaturgie zu opfern. (…) Ich bestehe auf dem Recht, den Weg des epischen Erzählens ins Kino einzuführen, auch wenn ich manchen Zuschauer damit strapazieren sollte.“
Außerdem gibt es im letzten Drittel des Buches zahlreiche Hintergrundinformationen zum Film, den Dreharbeiten und der Geschichte, die das spartanisch illustrierte Buch zu einer idealen Ergänzung zum Film machen.

Was soll ich ergänzend dazu sagen? Beim zweiten Ansehen auf dem kleinen Bildschirm bleibt die Faszination erhalten. Das Bild ist allerdings deutlich kleiner (wobei ich den Film auch in einem großen Kinosaal sehen durfte). Der Rhythmus und die Möglichkeit, jederzeit Pausen einzulegen, passt eigentlich besser zum Fernsehen. Denn jetzt kann man bei einem Bild verweilen und sich die vier Filmstunden in der Zeit ansehen, in der man die vier Jahre aus dem Leben der Familie Simon ansehen möchte.
Da ist dann auch der Hinweis von Edgar Reitz im Gespräch mit Thomas Koebner, dass der erste Schnitt fünfeinhalb Stunden war, keine Drohung, sondern das Versprechen auf ein noch tieferes Eintauchen in das 19. Jahrhundert. Diese Fassung, aus der man im Bonusmaterial einige Bilder sieht, sei, so Reitz, fertig geschnitten, aber nicht fertig bearbeitet.

Das Bonusmaterial

Das Bonusmaterial ist mit einer Stunde Laufzeit erfreulich umfangreich geraten. Im Mittelpunkt stehen dabei zwei Gespräche mit Edgar Reitz, die insgesamt vierzig Minuten dauern. Der Blick hinter die Kulissen der Filmpremiere, die Vorstellung der Schauspieler während der Premiere und auch die, oft kurzen Interviews mit den Schauspielern Dieter Schneider, Antonia Bill, Maximilian Scheidt, Philine Lembeck, Marita Breuer, Mélanie Fouché und Barbara Philipp sind dagegen deutlich uninteressanter und bewegen sich irgendwo zwischen dem Chronologischem und dem Werblichen.
In dem informativen Booklet werden dann weitere Hintergründe zum Film und den Drehbarbeiten erklärt. Das sind teilweise Texte, die aus dem bereits erwähntem Filmbuch übernommen wurden, einige historische Hintergründe und Erklärungen zu den im Film verwandten Dialekten: dem Hunsrücker Platt und der von Jakob Simon gesprochenen Indiandersprachen, die für den Film erfunden wurden.
Die zum Film entstandene zweistündige Dokumentation „Making of Heimat“ von Jörg Adolph und Anja Pohl, die zum Filmstart einmal im TV gezeigt wurde, befindet sich leider nicht auf der DVD.

Die andere Heimat - DVD - 4

Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht (Deutschland 2013)
Regie: Edgar Reitz
Drehbuch: Edgar Reitz, Gert Heidenreich
mit Jan Dieter Schneider, Antonia Bill, Maximilian Scheidt, Marita Breuer, Rüdiger Kriese, Philine Lembeck, Mélanie Fouché, Eva Zeidler, Reinhard Paulus, Christoph Luser, Werner Herzog

DVD
Concorde
Bild: 2.40:1 (16:9)
Ton: Deutsch (DD 5.1, DTS 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Regisseur Edgar Reitz im Gespräch mit Medienwissenschaftler Thomas Koebner, Hinter den Kulissen der Filmpremiere, Bühnenpräsentation von Edgar Reitz, Interview mit Edgar Reitz, Interviews mit Darstellern, Kinotrailer, Weitere Trailer (insgesamt über eine Stunde), 38-seitiges Booklet
Länge: 222 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Die andere Heimat“

Moviepilot über „Die andere Heimat“

Wikipedia über „Die andere Heimat“

Homepage von Edgar Reitz

Kriminalakte über „Die andere Heimat“

Meine Besprechung von „Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“ (Deutschland 2013) (mit weiteren Clips)

Homepage von Michael Riessler

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: