Dominique Manotti träumt „Madoffs Traum“

Manotti - Madoffs Traum - 2

Erst vor wenigen Wochen feierte ich den neuen Roman „Ausbruch“ von Dominique Manotti ab und schon liegt ihr nächster Roman auf meinem Schreibtisch. Wobei Roman falsch ist. Der Verlag nennt das 64-seitige Werk eine „Novelle“, ich würde eher längere Kurzgeschichte (so ungefähr in der epischen Stephen-King-Kurzgeschichten-Länge) sagen und ein herkömmlicher Krimi mit Mord und Totschlag ist es auch nicht.

Es ist die an den Fakten entlang erzählte Lebensbeichte von Bernie Madoff, der wegen seiner Betrügereien zu 150 Jahren Gefängnis verurteilt wurde und in Manottis Buch über sich sagt: „Ich bin kein Verbrecher. Ich bin einer der Gründerväter der neuen Ökonomie.“

Er erzählt, wie er in den Sechzigern als Börsenmakler begann, als 22-jähriger eine Wertpapierfirma gründete und in den folgenden Jahrzehnten zum Großverdiener aufstieg. Das begann in den Siebzigern mit dem Einsatz von Computern und der Gründung der NASDAQ: „wir Jungbörsianer [setzten] alles auf eine Karte und gründeten 1971 die weltweit erste voll computerisierte und voll automatisierte Börse, die NASDAQ. Gewagt, gewonnen. In weniger als zehn Jahren entwickelte sich die Nasdaq zur zweitgrößten amerikanischen Börse.“

Als er als Vierzigjähriger in den Achtzigern an den Ruhestand dachte, kam Ronald Reagan an die Macht und das Jahrzehnt der Gier brach aus, wie wir in Oliver Stones „Wall Street“ und Tom Wolfes „Fegefeuer der Eitelkeiten“ (und der Verfilmung) sehen konnten.

So formulierte der Börsenmakler Ivan Boesky (eines der Vorbilder für „Wall Street“ Gordon Gekko) in einer legendären Rede an der Universität Kalifornien: „Gier ist eine Tugend. Lebensgier, Geldgier, Liebesgier, Wissbegier – Gier ist die Essenz des Fortschrittgeistes. Sie ist das, was die Welt in Bewegung versetzt. Sie ist der Motor für das Voranschreiten der Menschheit. Die Gier wird dieses schlecht geführte Unternehmen namens USA retten. Ich denke, dass Gier gesund ist. Sie haben das Recht, gierig zu sein und sich daher wohl in Ihrer Haut zu fühlen.“

Madoff und die anderen Börsianer waren begeistert. Hier formulierte einer eloquent, was er dachte. Auch wenn der Aufschwung der Börse, so Madoff, damals vor allem von Schrottanleihen befeuert wurde.

In den Neunzigern beteiligte Madoff sich auf Anregung von P. an einem Ponzi-System. Als der Betrug während der Finanzkrise aufflug, wurde Madoff als Betrüger auch bei uns bekannt. Immerhin betrog er in großer Dimension die Reichen, die über zwanzig Jahre klaglos die Dividende bezogen und rund um den Globus wohnten.

Madoffs Traum“ ist keine überdrehte Satire wie zuletzt Martin Scorseses „The Wolf of Wall Street“, sondern eine fast schon nüchterne und sich objektiv gebende Annäherung an Madoff beziehungsweise den Typus des Finanzbankers und Börsenmaklers, der sich nicht als schlechten Menschen sieht und, so befürchtet Dominique Manotti in ihrer moralischen Erzählung „der Held Ihrer kommenden Jahre“ ist.

Ergänzend empfiehlt sich nach der Lektüre des schmalen, aber lesenswerten Buches das Ansehen von „Master of the Universe“. In der Doku erzählt der ehemalige Investmentbanker Rainer Voss aus seinem Leben und wie er und seine Kollegen in den frühen Achtzigern die gemütliche deutsche Wirtschaft mit US-amerikanischen Methoden auf Vordermann brachten.

Dominique Manotti: Madoffs Traum

(übersetzt von Iris Konopik)

Ariadne, 2014

64 Seiten

8 Euro

Originalausgabe

La rêve de Madoff

Édtions Allia, Paris 2013

Hinweise

Krimi-Couch über Dominique Manotti

Wikipedia über Dominique Manotti (deutsch, französisch) und Bernie Madoff 

Meine Besprechung von Dominique Manottis „Zügellos“ (À nos Chevaux!, 1997)

Meine Besprechung von Dominique Manottis „Ausbruch“ (L’évasion, 2013)

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