Im Verhörzimmer: Wolfgang Schweiger erklärt das „Duell am Chiemsee“ – und einige andere Dinge

Wolfgang Schweiger (Bild: Pendragon)

Wolfgang Schweiger (Bild: Marietta Heel)

 

Die Veröffentlichung von „Duell am Chiemsee“, der sechste Fall der am Chiemsee ermittelnden Kommissare Andreas Gruber und Ulrike Bischoff, war für die Kriminalakte die Gelegenheit, Wolfgang Schweiger, den Autor der Chiemgau-Krimis, in eines unserer Verhörzimmer zu bitten.

Wolfgang Schweiger veröffentlichte zwischen 1984 und 1994 elf Romane, die vor allem im Bereich Noir, Hardboiled und Gangsterkrimi angesiedelt waren, und das Sachbuch „Der Polizeifilm“. 1999 gab es mit „Kein Job für eine Dame“ einen einmaligen Nachschlag. Erst 2008 veröffentlichte er mit „Der höchste Preis“ einen weiteren Roman. Seitdem erschienen fünf weitere Kriminalromane. Immer mit den Kommissaren Gruber und Bischoff.

In seinem neuesten Kriminalroman „Duell am Chiemsee“ wird der Ex-Kriminelle und Schauspieler Frank Janek von einem alten Komplizen und Freund erpresst, einen Drogenhändler zu überfallen. Eine einfache Sache, die mit mehreren Toten endet. Gruber und Bischoff beginnen mit den Ermittlungen – und Janek wird unweigerlich immer tiefer in den kriminellen Sog, dem er anscheinend schon vor Jahren entkommen war, gezogen.

Duell am Chiemsee“ ist ein spannender Gangsterkrimi unter der Tarnkappe eines Regiokrimis mit den ermittelnden Polizisten als Zaungäste in einem blutigen und leichengesättigten Drama.

Was war die Ausgangsidee für „Duell am Chiemsee“?

Schon Schiller schrieb, in jedem von uns stecke ein Borgia. Das wollte ich auf die Hauptfigur übertragen, einen solide gewordenen Ex-Gangster, der von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Die Herausforderung dabei war für mich, diesen Mann als halbwegs positive Figur zu erhalten, obwohl er bedenkenlos tötet, wenn er es für nötig hält.

Wie sähe Ihre Wunschbesetzung für eine Verfilmung des Romans aus, wenn Sie vollkommen freie Hand hätten und auch Tote mitspielen dürften?

– Ray Winstone (Gruber),

– Julia Koschitz (Bischoff)

– Josh Brolin (Janek)

– Thomas Kretschmann (Bosch)

– Christoph Waltz (Friesinger)

Ihre frühen Romane waren alle Einzelromane. Mit den Gruber-Bischoff-Polizeiromanen schreiben Sie inzwischen eine Serie, die auch noch in einer erkennbaren Ferienregion spielt. Wo sehen Sie die Unterschiede einer Serie gegenüber Einzelromanen und wie vermeiden Sie die Fallen des Regiokrimis?

Eine (Polizei)Serie engt zunächst ein, weil vorhersehbar ist, dass die Ermittler sich zu helfen wissen und am Ende die Gewinner sind.

Andererseits kann ich die Figuren der Ermittler im Verlauf der Serie weiter entwickeln und dem Leser so vertraut machen, dass er sie wie gute Bekannte empfindet, die er im besten Fall einmal im Jahr trifft.

Bei Einzelromanen muss man stets auf neue um die Aufmerksamkeit der Leser kämpfen.

Für meinen Geschmack wird im Regiokrimi häufig zu viel Wert auf Lokalkolorit gelegt zu Lasten der Handlung. Vor allem, wenn die Krimis in (Ober)Bayern spielen und Gaudi und Klischees die Oberhand gewinnen. Auch den Gebrauch von Dialekt in diesen Krimis kann ich nichts abgewinnen. Das ist mühsam für den Leser und bringt atmosphärisch gar nichts.

Sie haben früher auch Drehbücher für „Der Fahnder“ und „Soko 5113“ geschrieben. Wie unterscheidet sich für Sie die Arbeit an einem Drehbuch von der Arbeit an einem Roman?

Rein technisch gesehen ist die Arbeit an einem Drehbuch um Vieles einfacher, da alles über den Dialog und die Handlung läuft, komplizierte Beschreibungen aller Art (Sonnenuntergänge, die Gedankenwelt eines Serienkillers etc) entfallen.

Andererseits muss man, schreibt man z. B. für eine Krimiserie, alle möglichen Vorgaben beachten („unsere Hauptfigur macht so etwas nicht!“) und ständig darauf achten, ob diese oder jene Szene auch finanzierbar (und aus Sicht der TV-Sender moralisch vertretbar) ist.

Bei einem Roman hingegen habe ich alle Freiheiten, kann meine Geschichte überall und zu jeder Zeit spielen lassen. Am Ende ist nicht irgendein Produzent, Redakteur oder Regisseur die letzte Instanz, sondern ich selbst (in Absprache mit dem Verleger).

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus?

Der Schreib- oder besser gesagt Herstellungsprozess bei meinen jährlichen Gruber/Bischoff Krimis sieht so aus, dass ich bald nach Erscheinen des letzten Buches anfange, auf ausgedehnten Spaziergängen nach einer neuen Grundidee zu suchen. Ist die gefunden, skizziere ich auf ein paar Seiten das vorläufige Handlungsgerüst und die wichtigsten Figuren, gefolgt von einer Kapiteleinteilung.

Für mich ist ganz wichtig, dabei, dass ich das Ende der Geschichte kenne. Erst dann fange ich an zu schreiben, meist vormittags zwischen acht und zwölf.

Ist nach sechs bis acht Wochen eine erste durchgeschriebene Fassung fertig, geht sie an den Verlag, damit der Verleger weiß, was auf ihn zukommt und er seine Anmerkungen und Änderungsvorschläge dazu machen kann. Und da Schreiben Überarbeiten heißt, dauert es dann bis zur 4. oder 5. Fassung, bis ich zufrieden bin.

Die Recherche gestaltet sich manchmal recht skurril: Als ich für meinen zweiten Gruber/Bischoff-Roman einen Blick in die JVA Traunstein werfen wollte, wurde mir dies aus Datenschutzgründen verweigert und der zuständige Herr meinte allen Ernstes, ich solle es doch wie der Karl May halten, der die Schauplätze seiner Geschichten ja auch nicht gekannt habe.

Welche fünf Bücher empfehlen Sie für den Sommerurlaub?

– David Weddle „If They Move … Kill ’Em!“

Die beste Sam Peckinpah-Biografie und zugleich das interessanteste Filmbuch, das ich kenne.

– Philipp Blom „Böse Philosophen“

Aufklärung tut not.

– Stephen Hunter „Pale Horse Coming“

Pulp Fiction vom Feinsten. Hunter auf dem Höhepunkt. Leider hat er in den vergangenen Jahren furchtbar nachgelassen.

– Jörg Fauser „Rohstoff“

Ein Klassiker, immer wieder lesenswert.

– Robert Hültner „Tödliches Bayern“

Authentische Kriminalfälle aus Bayern und der Stoff, aus dem Regiokrimis geschnitzt sein sollten.

Schweiger - Duell am Chiemsee - 2

Wolfgang Schweiger: Duell am Chiemsee

Pendragon, 2014

264 Seiten

10,99 Euro

Hinweise

Homepage von Wolfgang Schweiger

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Wolfgang Schweiger

Rosenheimer Nachrichten: Interview mit Wolfgang Schweiger (26. November 2006)

Meine Besprechung von Wolfgang Schweigers „Der höchste Preis” (2008)

Meine Besprechung von Wolfgang Schweigers „Tödlicher Grenzverkehr“ (2010)

Meine Besprechung von Wolfgang Schweigers „Duell am Chiemsee“ (2014)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: