Veronica Mars glaubt „Zwei Vermisste sind zwei zu viel“

Spring Break ist eine für uns esoterische Sitte von US-Studenten, die sich tagelang in Massen betrinken und die Bewohner ihrer Reiseziele mit den üblichen Ausfällen von erhöhtem Drogengebrauch nerven. Aber für die lokale Wirtschaft ist der Spring Break ein gutes Geschäft.

Ein vermisster Teenager ist dagegen sehr schlecht für das Geschäft und weil Dan Lamb, der Sheriff von Neptune, Kalifornien, eine von den lokalen Honoratioren eingesetzte Null ist, beauftragt Petra Landros, Ex-Unterwäschemodell, Nobelhotelbesitzerin und Vorsitzende der Handelskammer von Neptune, Veronica Mars, ebenfalls die während des Spring Breaks verschwundene achtzehnjährige Hayley Dewalt zu suchen.

Veronica Mars erblickte 2004 in der gleichnamigen, von Rob Thomas erfundenen TV-Serie das Licht der Welt. Damals war sie eine 17-jährige Schülerin, die den Tod ihrer besten Freundin aufklären wollte und nebenbei ihrem Vater in der Detektei half. Die Serie, eine gelungene und witzige Verbindung von Highschool-Drama und Hardboiled-Privatdetektiv-Serie mit zahlreichen Anspielungen für den Genre-Junkie, wurde drei Jahre lang ausgestrahlt und hatte viele treue Fans, die später auch den Spielfilm „Veronica Mars“ mit einem Rekord-Crowfunding-Ergebnis ermöglichten.

Mit „Zwei Vermisste sind zwei zu viel“ erschien jetzt der erste Roman mit Veronica Mars, der zeitlich einige Wochen nach dem Spielfilm spielt und auch für Fans von Privatdetektiv-Romanen eine gelungene Lektüre ist. Dabei hat Veronica, wie die Fans der Serie wissen, für einen Hardboiled-Detektiv erstaunlich viele Freunde und Helfer und eine gute Beziehung zu ihrem Vater, bei dem sie inzwischen wieder lebt. Außerdem ist sie gar nicht so hartgesotten, trink- und schlagfreudig wie ihre zahlreichen männlichen und weiblichen Vorgänger. Sie hat noch nicht einmal eine Waffe. Obwohl ihr Vater Keith Mars ihr in dem Roman einen Revolver schenkt und sie zum Schießtraining schickt. Wenn sie nach ihrem Studium schon Privatdetektivin sein will, so der väterliche Befehl, muss sie auch eine Schusswaffe haben und mit ihr umgehen können.

Veronicas Ermittlungen in dem Fall des vermissten Teenagers führen sie zu einer Nobelvilla, in der täglich eine gut organisierte Spring-Break-Party stattfindet, unter anderem mit kostenlosen Drogen, bewaffneten Bodyguards, die alle kontrollieren, und einem unbekannten Organisator. Auf dieser Party wurde Hayley vor einigen Tagen zuletzt gesehen. Auf ihrer Facebook-Seite postete sie ein Bild, das sie, wie Veronica auf der Party erfährt, mit Rico Gutiérrez Ortega in einer eindeutigen Pose zeigt. Er ist einer der beiden Organisatoren der Partys, die am Hearst College studieren und künftige Erben eines mexikanischen Drogenkartells sind.

Da verschwindet ein zweites Mädchen: Aurora Scott, die sechzehnjährige, am Hearst College studierende Stieftochter von Veronicas Mutter Lianne. Die Alkoholikerin verließ sie vor elf Jahren. Seitdem hatten sie keinen Kontakt mehr zueinander. Jetzt ist Lianne scheinbar glücklich mit einem ebenfalls trockenen Alkoholiker verheiratet.

Aurora wurde zuletzt von Veronica auf der Party von Ortega und Eduardo Gutiérrez Costillo gesehen.

Zwei Vermisste sind zwei zu viel“ (wobei mir der Retro-Originaltitel „The Thousand Dollar Tan Line“ besser gefällt) ist die von Rob Thomas und Jennifer Graham (die wahrscheinlich die gesamte Schreibarbeit übernahm) geschriebene spannende Fortführung der vertrauten „Veronica Mars“-Serienwelt in Buchform, bei der die bekannten Charaktere aus der Serie gleich im Dutzend auftreten, was den Fan erfreut, den Neuling wegen der vielen Charaktere etwas verwirrt. Immerhin sind hier mehr Charaktere dabei, als andere Detektive in ihrem gesamten Leben treffen.

Der Fall selbst ist sauber geplottet mit etlichen Überraschungen bei der Aufklärung und, verglichen mit den vielen blutgetränkten Serienkillerthrillern, angenehm unblutig und realistisch. Lange Zeit ist sogar unklar, ob die vermissten Teenager tot sind.

Es gibt, wie schon in der TV-Serie und dem Film, ein bitterböses Porträt einer Dashiell Hammettschen „Red Harvest“-Stadt und sobald wir mehr über Hayley und Aurora erfahren, gibt es, wie bei Ross Macdonalds ebenfalls in Kalifornien ermittelnden Privatdetektiv Lew Archer, einen Blick in verkorkste Familien und ihre Vergangenheit. Das bewegt sich immer gelungen und kurzweilig in den vertrauten Hardboiled-Privatdetektivkrimipfaden, wobei Veronica gar nicht so hartgesotten wie der Continental Op, Sam Spade, Philip Marlowe oder Lew Archer ist.

Der zweite „Veronica Mars“-Roman „Mr. Kiss and Tell“ (wieder ein schöner Originaltitel) erscheint in den USA am 28. Oktober. Wenn die Verkaufszahlen gut sind, wird es sicher weitere Romane mit der smarten Privatdetektivin gegen – und das ist gut so.

Thomas - Veronica Mars - 4

Rob Thomas/Jennifer Graham: Veronica Mars: Zwei Vermisste sind zwei zu viel

(übersetzt von Silvia Kinkel)

script 5, 2014

336 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe

Veronica Mars: The Thousand Dollar Tan Line

Alloy Entertainment, 2014

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Veronica Mars“

Moviepilot über „Veronica Mars“

Metacritic über „Veronica Mars“

Rotten Tomatoes über „Veronica Mars“

Wikipedia über „Veronica Mars“

Thrilling Detective über Veronica Mars

Meine Besprechung von Rob Thomas’ „Veronica Mars“ (Veronica Mars, USA 2014)

Meine Besprechung von Rob Thomas‘ „Veronica Mars“ (Veronica Mars, USA 2014) (DVD-Besprechung)

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