Neu im Kino/Filmkritik: „Lucy“ terminiert alle

Endlich! Nach einigen eher vernachlässigbaren Ausflügen in andere Genres kehrt Luc Besson zum Actionfilm zurück. Mit einer Frau als Protagonistin. Das weckt sofort wohlige Erinnerungen an „Nikita“. Aber auch „Subway“, „Leon, der Profi“, „Das fünfte Element“ und „Johanna von Orleans“ sind nicht weit. Immerhin hatte Besson nie Probleme mit starken Frauen.

Aber beim Drehbuch, das er im Alleingang schrieb, beschränkte er sich auf die Qualität seiner Drehbücher der letzten Jahre, die normalerweise auf einen feuchten Bierdeckel passen.

Deshalb ist „Lucy“ mit Scarlett Johansson als Heldin im Terminator-Modus eine bestenfalls halbgare bis idiotische Angelegenheit. Nach dem flotten Anfang wird der Film nämlich ziemlich schnell ärgerlich unglaubwürdig und mündet in Paris in ein Finale, bei dem Besson wohl vollkommen die Lust an seiner Idee verloren hat. Stattdessen stellt er mit einer Scheißegal-Haltung die Plotlöcher, Unglaubwürdigkeiten und Unwahrscheinlichkeiten innerhalb der eh schon kruden Geschichte aus und hofft, dass die Zuschauer dank der gut inszenierten Action und der Anwesenheit von „The World’s Sexiest Body“ Scarlett Johansson aufhören nachzudenken. Nun, es funktioniert nach dem ersten Drittel nur bedingt und gegen Ende überhaupt nicht mehr.

Dabei ist die Ausgangsfrage „Was wäre, wenn du anstatt zehn Prozent deiner Gehirnkapazität hundert Prozent nutzen könntest?“ eine interessante Science-Fiction-Frage. Zuletzt vergrößerte Johnny Depp in dem interessant gescheiterten Science-Fiction-Film „Transcendence“ sein Gehirn, indem er es vor seinem Tod in einen Computer kopierte und größenwahnsinnige Machtphantasien entwickelte. Besson geht allerdings nicht den Weg des intellektuellen Science-Fiction-Films, sondern des Action-Thriller mit leichter Science-Fiction-Beilage.

Der Anfang von „Lucy“ ist furios. Bester Besson. Lucy steht mit ihrer halbseidenen Urlaubsbekanntschaft vor einem Nobelhotel in Taipeh. Er versucht sie zu überzeugen, dass sie für ihn einen Koffer im Hotel abgeben soll. Während des Gesprächs sehen wir kurze Rückblenden zu gemeinsamen Partynächten und kommentierende Bilder aus dem Tierreich. Die Bilder sind Lucys Gedanken zu dem Spruch ihres Freundes, dass ihr nichts geschehen werde: eine Meute Raubtiere, die sich ihrer Beute nähern. Und die nette Lucy sieht sich nicht als das Raubtier.

Nachdem ihr Freund sie an den Aktenkoffer kettet, tut sie es doch. Als sie in der Lobby steht, wird ihr Freund erschossen. Sie wird von einer Gruppe Bodyguards abgeholt und in ein Hotelzimmer gebracht, wo sie in eine höchst seltsame Verhandlung mit dem Gangster Mr. Jang (Choi Min-sik) verwickelt wird. Er hat gerade in einem Nebenzimmer jemanden sehr blutig umgebracht. Er kann kein Englisch, weshalb ein Übersetzer per Telefon übersetzt, dass sie den Koffer öffnen soll, nachdem Mr. Jang und seine Bodyguards in Deckung gehen. In dem Koffer ist dann doch keine Bombe, sondern die erwarteten Päckchen mit blauem Granulat. Zur Qualitätskontrolle werden sie an einem Junkie ausprobiert, der von der synthetischen Droge auf einen höllischen Trip kommt, ehe er stirbt. Mr. Jang ist zufrieden und Lucy, die jetzt auch mit etwas Blut besudelt ist, erfährt, dass sie zu einer kleinen Gruppe Auserwählter gehört, die diese Drogen nach Europa bringen sollen.

Als sie später in einer Gefängniszelle wach wird, bemerkt sie eine Wunde im Bauchbereich und wehrt sich gegen einen Wärter, der sie vergewaltigen will. Er schlägt sie, die Droge, die sie päckchenweise in ihrem Bauch hatte, gelangt in ihren Körper. Aber sie stirbt nicht. Ihr Körper nimmt die Droge an. Ihre Gehirnleistung verbessert sich rapide, während ihre Lebenserwartung genauso rapide sinkt. Die der Bösewichter ebenfalls.

Und ungefähr hier, nach dem ersten Drittel, wird „Lucy“ zu einem beliebigen Thriller, der zunehmend spannungsfrei verschiedene bekannte Szenen und Handlungsabläufe sinnfrei zusammenkloppt. Lucy begibt sich auf einen Rachefeldzug. Sie sucht die Männer, die ihr das antaten. Dabei tötet sie jeden, der sich ihr in den Weg stellt. Manchmal mit, manchmal ohne die Superkräfte, mit denen sie ihre nähere und weitere Umwelt beeinflussen kann. Sie darf Super-Schnell durch Paris fahren, weil zu einem Luc-Besson-Film halt eine Autoverfolgungsjagd gehört. Gerne in der Stadt mit dem Eiffelturm. Und natürlich gibt es einige Ballereien und Kloppereien.

Gleichzeitig will sie herausfinden, was mit ihr geschieht, weshalb sie den gerade in Paris dozierenden Professor Norman kontaktiert. Dieser kluge Wissenschaftler wird von Morgan Freeman gespielt, der auch in „Transcendence“ dabei war. Aber damit hören die Gemeinsamkeiten zwischen „Transcendence“ und der  an der US-Kinokasse erfolgreichen pseudo-philosophischen Action-Klamotte „Lucy“ auch auf.

Lucy - Plakat

 

Lucy (Lucy, Frankreich 2014)

Regie: Luc Besson

Drehbuch: Luc Besson

mit Scarlett Johansson, Morgan Freeman, Amr Waked, Choi Min-sik

Länge: 89 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

 

Englische Homepage zum Film 

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Lucy“

Moviepilot über „Lucy“

Metacritic über „Lucy“

Rotten Tomatoes über „Lucy“

Wikipedia über „Lucy“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Luc Bessons „The Lady – Ein geteiltes Herz“ (The Lady, Frankreich/Großbritannien 2011)

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