„Der Krake auf meinem Kopf“ geht es ganz gut

Nisbet - Der Krake auf meinem Kopf

Wir haben Drogenkonsum, Diebstahl, Tote, einen Serienmörder – und trotzdem ist „Der Krake auf meinem Kopf“, der neue Roman von Jim Nisbet, nichts für den 08/15-Krimileser. Nicht weil der Roman besonders experimentell ist, so mit Zeitsprüngen und Perspektivenwechsel (obwohl es einen gibt), oder gegen Genreregeln verstößt. Am Ende ist das Verbrechen aufgeklärt und der Weg dorthin folgt schon, in groben Zügen, den bekannten Regeln und verstößt dabei doch in einer ganz lässigen Das-ist-mir-vollkommen-egal-Einstellung gegen die wichtigste: die Wer-ist-der-Täter-Spannung.

Denn Jim Nisbet, der auch die grandiosen Noirs „Dunkler Gefährte“ und „Tödliche Injektion“ schrieb, kümmert sich in „Der Krake auf meinem Kopf“ einfach nicht um die Tätersuche, weil er die Krimihandlung eher nebenbei erzählt, während er Curly Watkins, der die titelgebende Krake auf seinen Kopf tätowiert hat, aus seinem Leben als gut fünfzigjähriger Gitarrist am unteren Ende des amerikanischen Traums erzählen lässt.

Curly besucht Ivy Pruitt, Junkie mit sauberer Wohnung, Jazzdrummer und ein wandelndes Chaosgebiet. Als sie etwas Heroin geniesen wollen, stürmt die Polizei in Ivys Wohnung. Während Ivy noch im Gefängnis schmorrt, macht der für die Polizei unbescholtene Curly sich mit Lavinia Hahn, ihre gemeinsamen Freundin und Drogenkonsumentin, auf den Weg zu Stefan Stepnowski. Er hat bei Sal Kramer Schulden. Der Lohn für die kleine Geldbeschaffung würde Ivy aus dem Gefängnis holen und sie hätten noch etwas Geld für Drogen übrig.

Als sie den Musiker Stepnowski finden ist er tot. Erschossen und mit Bündel Geldscheine in seiner Hosentasche. Damit es nicht nach einem Raubmord aussieht, nimmt Curly ihm nicht alles ab.

In diesem Moment ist das Fundament für einen ordentlichen Krimi gelegt. Aber Nisbet interessiert sich nicht für die möglichen Konflikte der drei Junkies über die unverhoffte Beute oder um die Mörderjagd, was besonders deutlich wird, als Curly und Lavinia bei Musikinstrumentenhändler Kramer auf Lieutenant Garcia, Abteilung Tötungsdelikte, treffen. Anstatt sie irgendwie zu drangsalieren, erklärt er ihnen höflich und ausführlich, warum sie keine Mordverdächtigen sind.

Nisbet interessiert sich in seinem Noir viel mehr für den Alltag von Curly, Ivy und Lavinia, die das gefundene Geld, brüderlich geteilt, für den Drogenkonsum verwenden wollen, nach einem Missgeschick (es ging um Glasscherben und Kokain) einen Eipochierer besorgen müssen und über Seiten tiefsinnige Junkie-Dialoge führen, während im Hintergrund ein ausgesucht guter Jazz-Soundtrack läuft. Und das ist überhaupt nicht langweilig. Immerhin sind Curly, Ivy und Lavinia keine Dummköpfe.

Nach zwei Dritteln gibt es einen abrupten Perspektivwechsel, der den Roman in eine vollkommen neue Richtung lenkt.

Der Krake auf meinem Kopf“ ist ein feiner, schwarzhumoriger Noir und ein interessantes Porträt von San Francisco und wie sich die Stadt in den vergangenen Jahrzehnten veränderte.

Jim Nisbet: Der Krake auf meinem Kopf

(übersetzt von Ango Laina und Angelika Müller)

pulp master, 2014

320 Seiten

14,80 Euro

Originalausgabe

The Octopus on my Head

Dennis McMillan, 2007

Hinweise

Homepage von Jim Nisbet

Meine Besprechung von Jim Nisbets „Tödliche Injektion“ (Lethal Injection, 1987)

Meine Besprechung von Jim Nisbets „Dunkler Gefährte“ (Dark Companion, 2006)

Mein Interview mit Jim Nisbet

Jim Nisbet in der Kriminalakte

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One Response to „Der Krake auf meinem Kopf“ geht es ganz gut

  1. […] zur wohlwollenden Kritik auf Kriminalakte: “‘Der Krake auf meinem Kopf’ ist ein feiner, schwarzhumoriger Noir und ein […]

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