„Das Ende der Sicherheit“ ist das Ende des rationalen Diskurses

Solms-Laubach - Das Ende der Sicherheit - 2

„Das Ende der Sicherheit – Warum die Polizei uns nicht mehr schützen kann“ von Franz Solms-Laubach ist ein absolut ärgerliches Buch und, das mag jetzt etwas hart klingen, aber ich werde es noch begründen, ein Fall für die Mülltonne. Es ist einfach die „Bild“-Zeitung zwischen zwei Buchdeckeln. Der Autor ist „Bild“-Journalist, die Hauptquellen sind, neben der Polizeilichen Kriminalstatistik, vor allem das Artikelarchiv von „Bild“ und, deutlich weniger, „B. Z.“ und „Berliner Morgenpost“ (das Werk ist eh arg Berlin-lastig) und Rainer Wendt (Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft – DPolG), Oliver Malchow (Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei – GdP) und André Schulz (Vorsitzender des Bund deutscher Kriminalbeamter – BdK).
Oh, und Politiker, die zu einer der beiden C-Parteien gehören. Meist der CSU. Es kann auch sein, dass einmal ein SPDler etwas zitierfähiges sagte. Aber das lag dann auf CSU-Linie oder diente als schlechtes Beispiel.
Entsprechend einseitig ist „Das Ende der Sicherheit – Warum die Polizei uns nicht mehr beschützen kann“. Denn Solms-Laubauch sieht überall Bedrohungen für die Sicherheit, wie die steigende Kriminalität von Jugendlichen, von Alten, von Terroristen, Extremisten und, selbstverständlich, Ausländern und aus dem Internet. Und er hat darauf eine Antwort: mehr Polizei. Damit ist auch das „Warum die Polizei uns nicht mehr beschützen kann“ beantwortet: Personaleinsparungen.
Nun, es stimmt, dass bei der Polizei gespart wird. Wie auch in Kindergärten, Schulen, Universitäten, Bibliotheken, Theatern und im Sozialen.
Es stimmt auch – obwohl Solms-Laubach das nicht erwähnt -, dass die Ausstattung der Polizei nicht optimal ist. Ich meine jetzt nicht irgendwelchen Hightech-Kram, Body-Scanner und Taser (vulgo Elektroschockpistolen für jeden), sondern Dinge wie Funk, Pistolen (yeah, nicht jede Dienstwaffe ist das neueste Modell), Fahrzeuge (einige Autos haben schon einige Jahre auf dem Buckel), Computer in den Diensträumen (für Schreibarbeiten) und, ganz wichtig, Fortbildungen und Trainings. Denn die beste Waffe nützt nichts, wenn der Beamte sie nicht bedienen kann.
Aber mit der Aus- und Fortbildung der Polizisten beschäftigt Solms-Laubach sich überhaupt nicht.
Außerdem ist die von Solms-Laubach gegebene Antwort „mehr Polizisten, mehr Sicherheit“ Unfug. Denn nur mit „mehr Polizei“ wird es – außer man will einen Polizeistaat mit Uniformträgern an jeder Ecke – niemals für eine sichere Gesellschaft, die auch eine lebenswerte Gesellschaft sein, reichen.
Wenn wir, auch wenn es schwer fällt, die ideologische Komponente von Solms-Laubachs Antwort ignorieren, fällt durch das gesamte Buch auf, wie selektiv Solms-Laubauch Daten benutzt und wie oft er Dinge weglässt. Dafür finden sich auf jeder Seite Beispiele. Ganz links liegen lässt er alle Erklärungen für Verbrechen und die verschiedenen Lösungsansätze, wie die alte, immer noch zutreffende Erkenntnis, dass eine gute Sozialpolitik die beste Verbrechensprävention ist. Dazu gehört auch ein gutes Schulsystem. Denn Bildung verhindert Verbrechen. Jedenfalls die von Solms-Laubach als so bedrohlich hingestellte Kriminalität. Über Wirtschaftskriminalität, die Weiße-Kragen-Kriminalität, die auch laut der Polizeilichen Kriminalstatistik (die hier einen sehr konservativen Ansatz bei der Schadensberechnung verfolgt) enorme Kosten verursacht, sagt er nichts. Denn bei ihm ist ein Wohnungseinbruch schlimmer als ein kompletter Vermögungsverlust durch eine betrügerische Geldanlage.
Werfen wir also, weil auf jeder Seite Mumpitz steht, ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit, einen Blick auf die von Solms-Laubach angeführten Beispiele und Behauptungen. Denn: „Nur wer die Fakten kennt, ist auch in der Lage, die vorhandenen Lösungsvorschläge einzuordnen.“ (Solms-Laubach, Seite 11)

 

Die Prämisse ist falsch

 

Solms-Laubach behauptet, dass das Verbrechen zunimmt und vertieft sich dafür in die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS). In ihr listet die Polizei auf, welche Fälle sie im vergangenen Kalenderjahr bearbeitete. Es ist also ein Arbeitsnachweis, der aus Anzeigen von Betroffenen und eigenen Ermittlungen (vor allem im Bereich Drogendelikte, die durch Razzien aufgeplustert werden) besteht. Es gibt auch die Verstöße gegen das Ausländerrecht, was oft ein Verstoß gegen die Residenzpflicht (also das Verlassen eines Landkreises) ist, und die ein reines Kontrolldelikt ist. Es gibt auch ein Dunkelfeld (über das wegen der in Deutschland fehlenden Dunkelfeldforschung wenig bekannt ist), veränderte Gesetze und Erfassungskriterien. So ist „Häusliche Gewalt“ ein eher neues Delikt. Bis vor einigen Jahren war zum Beispiel die Vergewaltigung in der Ehe nicht strafbar. Homosexualität dagegen schon. Es gibt auch ein verändertes Anzeigenverhalten. So wurde früher eine Vergewaltigung oder eine Dorfschlägerei nicht angezeigt. Und manchmal gibt es auch veränderte Anweisungen von den Arbeitgebern. Dann muss jede Schulhofklopperei angezeigt werden und – Überraschung! – bestimmte Fallzahlen gehen nach oben. Das muss man wissen, wenn man sich die PKS ansieht. Das wird auch in der PKS erklärt und dass die PKS bestimmte Einschränkungen hat, hätte Solms-Laubach erwähnen müssen. Dann ist sie immer noch, wie jede Statistik, ein sinnvolles Arbeitsmittel. Vor allem wenn man sich eine Zeitreihe, also die Entwicklung über viele Jahre, ansieht. Die PKS ist, wenn sie mit anderen Statistiken verknüpft wird, auch zur Kriminalitätsbekämpfung ein viel sinnvolleres Instrument als das von Solms-Laubach so oft beschworene „subjektive Sicherheitsgefühl“, nach dem sich nach seiner Meinung die Kriminalitätspolitik ausrichten sollte. Denn dieses Gefühl basiert vor allem auf sensationsheischenden Boulevard-Berichten.
„Bild“-Journalist Solms-Laubach veranstaltet im ersten Kapitel „Wo stehen wir gerade?“ (Seite 15 – 92) PKS-Zahlenvoodoo, indem er über Seiten einige Delikte ausbreitet, sich auf die letzten beiden Jahre konzentriert und versucht, aus den minimalen Veränderungen irgendetwas zu schließen. Wobei er immer schließt, dass das Verbrechen zunimmt. Denn er behauptett: „die Kriminalität wird zunehmen“.
Nach der PKS ist das Quatsch. Denn laut der PKS gab es
1993: 6.750.613 Fälle
1999: 6.302.316 Fälle.
2013: 5.961.662 Fälle beziehungsweise „Straftaten insgesamt“.
Und diese Entwicklung liegt insgesamt im Trend von einer abnehmenden Kriminalität. Es gab um 2004 eine erhöhte Zahl, aber seitdem sinkt die Zahl, mit geringen, statistisch nicht signifikanten Schwankungen, wobei die Gesamtzahl nichts über Verschiebungen zwischen verschiedenen Delikten und regionalen Besonderheiten aussagt.
Besonders intensiv kümmert sich Solms-Laubach um Einbrüche, Überfälle und die Jugendkriminalität. Halt die Kriminalität, die das subjektive Sicherheitsgefühl des Normalbürgers gefährdet. Das Sicherheitsgefühl und die realen Bedrohungen von Homosexuellen, Obdachlosen, Ausländern, Asylbewerbern und Frauen sind ihm dagegen egal. Denn Taten gegen diese Gruppen erwähnt Solms-Laubach nicht. Damit fällt auch das gesamte Feld des „Hate-Crime“ weg.
Doch kommen wir zurück zu den von Solms-Laubach erwähnten Delikten und Personengruppen. Auch hier ergibt sich im langfristigen Trend, wie den „Straftaten insgesamt“ ein ähnliches Bild. Die Zahl der jugendlichen Straftäter sinkt kontinuierlich.
Bei den Kindern (bis 14 Jahre) von 150.626 (1999) auf 69.275 Tatverdächtige (2013). Nichtdeutsche waren 1999 27.275 und 2013 12.786.
Bei den Jugendlichen von 296.781 (1999) auf 190.205 (2013).
Bei den Heranwachsenden (18 bis unter 21 Jahre) von 240.109 (1999) auf 188.670 (2013).
Für diese Entwicklung, genauso wie das Ansteigen der tatverdächtigen Erwachsenen ab 60 Jahe, gibt es eine ganz einfache Erklärung. Es gibt weniger Kinder und es gibt mehr Alte.
Wie Solms-Laubach aus diesen Zahlen schließen kann „Das Verbrechen wird immer jünger“ (Solms-Laubach, Seite 175) folgern kann, erschließt sich mir nicht.
Es wird auch immer schlimmer: „In der Bundeshauptstadt Berlin kommt es bei rund 3,5 Millionen Einwohnern im Schnitt jeden Tag zu 120 Körperverletzungsdelikten. Wenn nicht bald mehr Polizisten eingestellt werden, wird diese Zahl steigen.“ (Solms-Laubach, Seite 95)
120 Körperverletzung pro Tag; eine ganze Menge, die allerdings nichts darüber aussagt, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ich Opfer einer solchen Straftat werde. Immerhin kommen zu den Einwohnern auch noch die Pendler, Besucher und Touristen. Jedenfalls wären 120 tägliche Körperverletzungen im Jahr (bei 365 Tagen) 43.800 Delikte. In der aktuellen Berliner-PKS (bzw. im ebenfalls lesenswertem Kriminalitätsatlas) werden für 2013 insgesamt 41.795 Körperverletzungen genannt, was 2.000 Körperverletzungen weniger sind als Solms-Laubach behauptet. 2012 war die Zahl etwas höher und 2004 lag sie bei 45.052 Fällen. Da stellt sich doch die Frage, wie Solms-Laubach zu seiner Behauptung kommt, dass die Zahl steigen wird. Wenn eine Tendenz absehbar ist, dann ist sie entweder stagnierend oder leicht sinkend, während die Einwohner- und Besucherzahl steigt. Und dass mehr Polizisten in der sehr großflächigen Hauptstadt etwas dagegen tun können, darf in seiner Pauschalität bezweifelt werden. Aber glücklicherweise für die Polizei werden die meisten Körperverletzungen in den Innenstadtbezirken angezeigt. Den Ausgeh- und Touristenbezirken.
Ach ja: seit zehn Jahren ist die Fallzahl in Berlin ziemlich unverändert bei 500.000 Fällen. Die Fallzahlen bei „Raub insgesamt“ nahmen in den vergangenen Jahrzehnten ab.
Ebenso die Gewaltkriminalität von 21.501 (2004) auf 17.276 (2013); die niedrigste Fallzahl seit zehn Jahren (PKS Berlin 2013, Seite 97).
Aber es könnte ja sein, dass die Taten zwar abnehmen, die Täter aber immer brutaler werden. Ein entsprechend schockierender Einzelfall fällt sicher jedem ein. Solms-Laubach erwähnt öfter den Tod von Jonny K.. Und die Raubüberfälle auf der Straße könnten zunehmen. Solms-Laubach bezieht sich auf Seite 45 da auf „Sonstige Raubüberfälle auf Straßen, Wegen und Plätzen“ (Schlüssel 217000 – es gibt auch Überfälle auf Taxifahrer, Geldboten, bestimmte Gebäude, Handtaschenraub undsoweiter).
Die waren 1993 bundesweit 25.865. Der Höhepunkt war 1997 mit 32.822 Fällen. Seitdem sank die Fallzahl. Seit sechs Jahren bewegt sie sich um die 20.000 Fälle.
Interessant ist hier auch ein Blick auf „gefährliche und schwere Körperverletzung auf
Straßen, Wegen oder Plätzen“ (Schlüssel 222100). Die hatte von 1993 an bis 2008 einen starken Anstieg von 30.501 auf 72.904 Fälle. Seitdem sinkt sie kontinuierlich auf 57.875 Fälle 2013.
Die Verwendung von Schusswaffen sank, nach der aktuellen PKS, von 19.292 (1999) auf 10.093 Fälle (2013). Geschossen wurde auch seltener. Von 6.844 (1999) auf 5.153 Fälle (2013).
In der PKS wird das Tatmittel „Messer“ nicht erfasst. In der Berliner PKS wird es dennoch seit 2008 bei bestimmten Delikten erfasst. Bei Raub sind sie steigend von 799 (2008) auf 962 Fälle (2013), was ungefähr der Zahl der vorherigen drei Jahre entspricht. Bei „Gefährliche und schwere Körperverletzung“ sank sie von 822 Fälle (2008) auf 608 (2013) Fälle.
Der Schusswaffengebrauch der Polizei nahm allerdings zu.

 

Die Polizei bei der Arbeit – über jede Kritik erhaben

 

Das ist jetzt ein guter Zeitpunkt, um einen Blick auf das zweite Kapitel „Die Polizeiarbeit aus der Innensicht“ (Seite 93 – 161) zu werfen, in dem er die Arbeitsbelastung, die Sparmaßnahmen und die Überalterung der Polizei schildert und dabei konsequent die Sicht der Polizeigewerkschaften übernimmt.
Deshalb fragt er auch niemals, ob die Gefahrenanalysen der Polizei vor Großereignissen, wozu auch die vielen Fußballspiele, Demonstrationen (von denen fast alle friedlich verlaufen) und Veranstaltungen stimmig sind. So schildert Solms-Laubach genau, wie viele Polizisten während des Eurovision Song-Contest im Einsatz waren und wie viele Polizisten gleichzeitig bei anderen Veranstaltungen, vor allem Fußballspielen waren. Une er fordert – Überraschung! -: mehr Polizei.
In Punkto Auslassungen sind hier vor allem die Kapitel „Wie stark die Gewalt gegen Polizisten zunimmt“, „Die Polizei als Zielscheibe von rechtsextremer Gewalt“ und „Die Kritik an der Polizei wächst“ wiederum sehr interessant, wenn auch nicht überraschend. Denn Gewalt von Polizisten gegen Bürger, andere Opfer von rechtsextremer Gewalt und berechtigte Kritik an der Polizei gibt es bei Solms-Laubach nicht.
Es gibt aber zunehmend Widerstand gegen Staatsbeamte und zunehmend Gewalt gegen Polizisten. So nennt Solms-Laubach als Beleg für diese Behauptung Zahlen der Innenverwaltung des Landes Berlin von 2011. Natürlich ohne auf die Jahre davor oder danach einzugehen. Dass die Zahlen in der PKS niedriger sind und eine andere Tendenz (nämlich abnehmend!) festgestellt wird (Polizei Berlin, PKS 2013, Seite 82/83 und Seite 135/136) dürfte inzwischen wenig überraschen. Es gibt sogar eine ‚Erklärung‘: „Wozu die Übergriffe noch anzeigen, wenn die Täter kaum oder wenn, dann nur gering bestraft werden? Das fragen sich viele Polizisten nicht zu Unrecht.“ (Solms-Laubach, Seite 142).
Nach Solms-Laubach sollten mehr Menschen, die die Anweisungen von Polizisten nicht befolgen oder sie angreifen, bestraft werden. Möglichst lange. Länger als wenn sie einen Mitbürger angreifen würden. Diese populistische Forderung klingt gut, dürfte aber in der Realität kaum einen Angreifer abhalten. Denn laut der Berliner PKS war über die Hälfte der Menschen, die „Widerstand gegen die Staatsgewalt“ leisteten, alkoholisiert.
Dass kaum ein Polizist verurteilt wird, wenn er von einem Bürger angezeigt wird, verschweig Solms-Laubach, der solche Fälle, wenn ich seine Ausführungen im Kapitel „Die Kritik an der Polizei wächst“ richtig verstehe, wohl allesamt für unbegründet hält.
Zum Beispiel an dem Polizeikessel in Frankfurt am Main im Juni 2013. Dabei sollte inzwischen jeder Polizist wissen, dass ein Kessel illegal ist. Und wenn dann noch die normale Demonstrationsausrüstung, wie Regenschirme, Sonnenbrillen, Stöcke für Transparente und Werkzeug, zur Bewaffnung erklärt wird, ist klar, wie ungerechtfertigt der Grundrechtseingriff war. Aber dafür wurden 954 Menschen gut zehn Stunden festgehalten. Derzeit wird der Kessel noch vor Gericht verhandelt. Ebenso dreißig Klagen wegen Platzverweisen und dem Einsatz von Pfefferspray.
Dass es für Solms-Laubach Gewalt von Polizisten und Racial Profiling nicht gibt, verwundert da nicht mehr. Das eine sind Einzelfälle, das andere ist polizeiliches Erfahrungswissen, das über jede Kritik erhaben ist und nicht kontrolliert werden muss, auch wenn einem jetzt sofort Dutzende von Fällen einfallen. Deshalb lehnt Solms-Laubach auch eine Beschwerdestelle, die sich unter anderem um solche Fälle kümmern soll, ab.

Was tun? Zum Beispiel Vorratsdatenspeicherung

 

Bei den Vorschlägen wird es kurz interessant. Nicht, weil die Vorschläge neu sind. Sie stehen schon seit Jahren in CDU-Programmen und werden so monoton von den Sicherheitsbehörden vorgetragen, mit wechselnden Begründungen von Organisierter Kriminalität (denken Sie jetzt bitte nicht an die italienische Mafia oder riesige Gangstersyndikate, sondern besser an eine Bande Kleinkrimineller), Terrorismus (auch wenn einige Terrorgruppen wohl vor allem in den Köpfen der Nachrichtendienste herumspuken und die letzten Terroranschläge nicht von gut organisierten Gruppen à la RAF oder IRA, sondern von Einzeltätern und autonomen Kleinstgruppen gemacht wurden; uh, und vor allem nicht in Europa oder den USA.) und Kinderpornographie.
Natürlich fordert Solms-Laubach die Vorratsdatenspeicherung von einem halben Jahr. Mndestens.
Solms-Laubach nennt dann drei Beispiele, die belegen sollen, dass die Vorratsdatenspeicherung sehr wichtig für die Verbrechensbekämpfung ist. Diese Beispiele sind aus einem 158-seitigem Dokument des BKA (wobei die Länge nichts über die Qualität und Textmenge aussagt), in dem seit 2010 Fälle gesammelt werden, die wegen der fehlenden Vorratsdatenspeicherung nicht oder nur erschwert aufgeklärt werden konnten. Nun sind gewisse Erschwernisse bei Ermittlungen gewollt, um die freiheitlich-bürgerlich-demokratische Gesellschaft zu schützen. So darf ein Polizist nicht einfach so eine Wohnung durchsuchen oder jemand verhaften.
Ich denke mal, dass Solms-Laubauch die schlimmsten Beispiele herausgesucht hat. Jedenfalls sind es Beispiele, bei denen „zur Strafverfolgung eine Mindestspeicherfrist für die Vorratsdaten von sechs Monaten nötig gewesen“ (Solms-Laubach, Seite 225) wäre.
Im ersten Fall verschickte jemand über hundert Briefe, in denen er Schulen, Unis und Privatpersonen mit Sprengstoffanschlägen drohte, falls nicht eine bestimmte Geldsumme gezahlt würde. Der Erpresser kontaktierte dann über studiVZ die Person, die fälschlicherweise als Erpresser genannt wurde. Weil die dynamische IP-Adresse beim Internet-Provider nicht gespeichert war, konnte der Absender nicht festgestellt werden.
Ob der Täter über andere Wege ermittelt werden konnte und wie ernst die Briefe waren, wird nicht erwähnt.
Im zweiten Fall drohte jemand einem „Münchner Verein mit religiöser Ausrichtung“, dass in deren Räumen eine Bombe explodieren werde. Eine Bombe wurde nicht gefunden. Der Anrufer ebenfalls nicht; – davon ausgehend, dass er von seinem Privat-Handy und nicht aus einer Telefonzelle angerufen hat.
Im dritten Fall geht es um die Unterstützung einer terroristischen Vereinigung im Ausland, indem der Täter Videos auf einem YouTube-Kanal online stellte.
Wir haben also ein Propagandadelikt, eine Bombendrohung ohne Bombe (könnte auch ein Scherz gewesen sein) und eine Erpressung, bei der unklar ist, wie ernst sie gemeint ist. Das sollen die Fälle sein, für die wir die Vorratsdatenspeicherung brauchen?
Immerhin fordert Solms-Laubach sie nicht, wie Bundeskriminalamt-Chef Jörg Ziercke (ein SPDler, weshalb der BKA-Chef in dem Buch nicht erwähnt wird) unmittelbar nach der Verhaftung von Beate Zschäpe, reflexhaft, zur Aufklärung der NSU-Taten.
Zur Videoüberwachung, die der „Bild“-Journalist selbstverständlich fordert, sage ich jetzt nichts.
Denn es dürfte inzwischen offensichtlich sein, dass „Das Ende der Sicherheit“ ein von der ersten bis zur letzten Seite ein erschreckend dummes Pamphlet ist, das nur zeigt, dass „Bild“ zwischen zwei Buchdeckeln nicht besser wird, sondern immer noch selektiv ausgewählte Fakten mit Halbwahrheiten und Unwahrheiten zu einem unbekömmlichen Brei verrührt.

Franz Solms-Laubach: Das Ende der Sicherheit – Warum die Polizei uns nicht mehr schützen kann
Droemer, 2014
256 Seiten
18 Euro

Hinweise

BKA-Seite zur PKS (mit verschiedenen Tabellen)

Polizei Berlin: Eingangsseite zur PKS (lesenswert, weil die erstellende Abteilung der Polizei sich bemüht, die Zahlen einzuordnen und damit die Zahlen analysiert und in einen umfassenderen Zusammenhang stellt)

Wikipedia über die Polizeiliche Kriminalstatistik

BMJ: Erster periodischer Sicherheitsbericht (2001)

BMJ: Zweiter periodischer Sicherheitsbericht (2006 – beide Male wurde versucht, ein umfassendes Bild der Kriminalität und der Bedrohungen zu zeichnen)

Bildblog (prüft den Unwahrheitsgehalt der „Bild“ – und wird fast täglich fündig)

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2 Responses to „Das Ende der Sicherheit“ ist das Ende des rationalen Diskurses

  1. Harry sagt:

    Hallo,

    ich muss zugeben, bei manchen Punkten hätte er mich ohne weitere Information wohl auf seiner Seite gehabt.

    Es gibt aber auch Beispiele hier vor Ort, wo z. B. die „fiesen Asylanten“ bzw. deren neues Heim das erste Opfer waren (rechte Schmierereien während der Umbauphase) während von den jetzt ansässigen Bewohnern bis dato niemand negativ auffällig wurde – egal in welcher Form. Diverses Ortsgeschwätz über mögliche Straftaten lass ich jetzt mal außen vor.

    Was eine allumfassende Videoüberwachung angeht, empfehle ich mal einen Blick in das Buch „Die Verdammten“ von Peter Liney. Ist eigentlich nur ein Roman, eine Dystopie, greift das Thema aber gut auf. Ebenso die Überalterung der Bevölkerung, Sicherheit des Bürgers usw.

    Was Einbrüche angeht, gab es hier vor nicht allzu langer Zeit in einer Straße mehrere Einbrüche und Beschwerden, dass die Polizei nicht innerhalb von Minuten vor Ort war. Man fühlte sich von Fremden beobachtet, weil die Täter angeblich immer wussten, wenn niemand zu Hause war (Wer sein Leben im Netz ausbreitet, muss ich nicht wundern und wieso sollte man denn jedem Nachbarn vertrauen, der sehr viel besser den Tagesablauf kennt, als Fremde). Sie haben dann eine Art Bürgerwehr für ihre Straße gegründet und jeden kontrolliert, der sie betreten wollte und nicht dort wohnte. Das wurde aber schnell durch eine andere private Initiative unterbunden. Aber hier bei den Einbrüchen hätte er mich mit seinem Pamphlet wohl um den Finger gewickelt. Ich behaupte ja von mir selbst, dass ich auf dieses Blatt (und ähnliche sowie auch die meisten TV-Sender) und seine Lohnschreiberlinge nicht mehr reinfalle. Scheint nicht so ganz an der Wahrheit zu sein, wenn ich auch nur einen Part des Pamphlets für bare Münze genommen hätte. .

    Gruß
    Harry

  2. AxelB sagt:

    Hallo Harrry,
    Einzelfälle schlagen natürlich immer jede Statistik und man sollte Statistiken richtig lesen.
    Außerdem berichten Zeitungen immer nur über das Ungewöhnliche, das Sensationelle, das Aufregende, das Neue.
    Man sollte es halt immer richtig einordnen, was der Autor von diesem Werk nicht tut.
    Das war jetzt eigentlich nur eine Ergänzung zu deinen Worten.
    Herzliche Grüße
    Axel

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