Neu im Kino/Filmkritik: David Cronenberg präsentiert die „Maps to the Stars“ mit vielen Stars

Natürlich muss in einem Film nicht alles logisch sein. Manchmal muss man halt die Logik links liegen lassen und wenn der Rest stimmt, habe ich als alter Alfred-Hitchcock-Fan kein Problem damit. Auch eine Abfolge absurder Zufälle kann ich akzeptieren. Wenn der Rest stimmt.
In David Cronenbergs neuem Film „Maps to the Stars“ gibt es eine überschaubare Zahl absurder Zufälle, aber viel zu viele vollkommen unlogische Momente; sowohl in der Realität als auch in der Fantasie und wie beide Welten miteinander zusammenhängen. Denn „Maps to the Stars“ spielt in Hollywood. Die Traumfabrik ist natürlich Thema des Films und fast alle Charaktere haben Probleme mit der Realität. Sie haben immer wieder Visionen und Geister hängen überall herum in der Stadt der Engel. Insofern zeigt Cronenberg wieder einmal eine dystopische Welt, in der Schauspieler von ihren Alpträumen verfolgt werden und sie ein gestörtes Verhältnis zu sich und ihrem Körper haben.
So will Havanna Segrand (Julianne Moore), deren Karriere vor sich hin dümpelt, in einem Biopic unbedingt ihre Mutter, zu der sie keine gute Beziehung hatte, spielen. In ihren Tagträumen wird sie von ihrem Geist verfolgt.
Auch der dreizehnjährige Jungstar Benji Weiss (Evan Bird) sieht Geister. Denn der drogensüchtige, frisch aus der Therapie entlassene Kotzbrocken glaubt, dass alle jüngeren Schauspieler ihm die Show stehlen wollen.
Seine Eltern kümmern sich, abgesehen von seiner Karriere, nicht um ihn. Sie pflegen die Fassade des heilen Familienlebens. Benjis Mutter Cristina (Olivia Williams) managt seine Karriere und damit ihr Einkommen. Sein Vater Stafford (John Cusack) ist ein gut verdienender Selbsthilfeguru mit einer TV-Show, der seine Hollywood-Patienten mit einer Gaga-Therapie therapiert, die – immerhin sind wir in einem Cronenberg-Film – an eine Vergewaltigung, bei der das Opfer Geld dafür bezahlt, erinnert.
Ihre Tochter verleugnen sie so gut, dass anscheinend niemand etwas über sie weiß. Sie wurde einfach vor einigen Jahren aus der Familie ausradiert.
Agatha (Mia Wasikowska), die diese Tochter ist, was wir allerdings erst relativ spät im Film erfahren (bis dahin ist sie nur eine junge, schüchterne Frau mit Verbrennungen), kehrt am Filmanfang aus einer geschlossenen Anstalt (auch das erfahren wir erst sehr spät und noch später erfahren wir, warum sie dort war) vom anderen Ende des Landes in einem Greyhound-Bus nach Hollywood zurück, lässt sich von einem Chaffeur (Robert Pattinson), der natürlich in Hollywood Karriere machen möchte, in einer Nobellimousine wie ein Landei, das zum ersten Mal in Hollywood ist, durch die Stadt kutschieren, steigt dann in einem billigem Motel ab und erhält zufällig eine Arbeit bei Havanna Segrand.
Bei ihren Eltern meldet sie sich nicht. Die erfahren auch nur zufällig, dass ihre Tochter wieder zurück ist.
Gerade am Anfang sieht „Maps to the Stars“ wie eine weitere Satire auf Hollywood auf, die gelungen und mit offensichtlichen Anspielungen an Meisterwerke wie Billy Wilders „Sunset Boulevard – Boulevard der Dämmerung“, Robert Altmans „The Player“ oder David Lynchs „Mulholland Drive“ anknüpft. Schon früh bewegt Cronenberg sich allerdings von der Hollywood-Satire weg zu einem Geisterfilm. Plötzlich hängen überall Geister herum und sie erscheinen auch jedem; oft ohne dass ein direkter und konkreter Bezug zu den Taten, Wünschen und Ängsten der Person, die sie sieht, erkennbar ist. Eben diese Beliebigkeit, die eine gute Szene mehr schätzt als eine sinnvolle Gesamtkonstruktion der Geschichte, lässt das Interesse schnell erlahmen. Denn ein irgendwie nachvollziehbarer Ursache-Wirkungszusammenhang ist nicht mehr zu erkennen.
Aber das ist noch nicht die letzte Drehung in dieser Geschichte, die zunächst wie ein Ensemblefilm angelegt ist. Die verschiedenen Plots laufen, ziemlich gewollt, zu einem Porträt einer dysfunktionalen und vollkommen verkorksten Familie zusammen, das allerdings wenig interessiert, weil in dem Moment nur noch ein Anything-goes-Gefühl herrscht. Entsprechend wenig schockierend fallen dann die letzten Enthüllungen der Geheimnisse der Familie Weiss aus.
Sie bestätigen nur den Eindruck, dass Regisseur David Cronenberg und Autor Bruce Wagner („Wild Palms“) nicht wussten, was sie letztendlich erzählen wollten.
Wenn man den Film allerdings als einen surrealen Traum sieht, bei dem nichts wirklich zusammenpasst, bei dem jede Erklärung von dem nächsten Bild sabotiert wird, bei dem man sich nur auf den Augenblick konzentriert, dann entwickelt er sicher ungeahnte Qualitäten.

Maps to the Stars - Plakat - 4

Maps to the Stars (Maps to the Stars, Kanada/USA/Deutschland/Frankreich 2014)
Regie: David Cronenberg
Drehbuch: Bruce Wagner
mit Julianne Moore, Robert Pattinson, Mia Wasikowska, John Cusack, Evan Bird, Olivia Williams, Sarah Gadon, Carrie Fisher
Länge: 112 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Maps to the Stars“
Moviepilot über „Maps to the Stars“
Metacritic über „Maps to the Stars“
Rotten Tomatoes über „Maps to the Stars“
Wikipedia über „Maps to the Stars“ 

Meine Besprechung von Marcus Stigleggers “David Cronenberg” (2011)

Meine Besprechung von David Cronenbergs „Cosmopolis“ (Cosmopolis, Frankreich/Kanada 2012)

Die brandaktuelle Pressekonferenz vom Toronto International Film Festival (TIFF)

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