Neu im Kino/Filmkritik: Über Fatih Akins „The Cut“

Wer sich Fatih Akins neuen Film „The Cut“ ansieht, weil er etwas über den Völkermord an dem Armeniern erfahren will, wird enttäuscht werden. Auch wer eine Neuauflage von „Gegen die Wand“ mit seinen hochschwappenden Emotionen erwartet, wird mit „The Cut“ wenig anfangen können. Denn „The Cut“ ist in erster Linie ein ruhig und mit überschaubarer emotionaler Wucht erzähltes Epos über die jahrelange Suche eines Vaters nach seinen beiden Töchtern, das vor gut hundert Jahren spielt. Es ist ein Fest für das Auge, das ein breites Publikum ansprechen soll. Auf der ganzen Welt. Deshalb wurde der Film auf Englisch gedreht, was auch die Suche nach den richtigen Darstellern erleichterte. Obwohl der von Tahar Rahim (Ein Prophet, Black Gold, Le Passé – Das Vergangene) gespielte Protagonist Nazaret Mannoogian, nach einem Mordversuch, die meiste Zeit stumm ist.
Der Film beginnt 1915 in Mesopotamien in Mardin, als der junge, nette Schmied Nazaret von seiner Familie getrennt wird. Die türkische Gendarmerie treibt alle armenischen Männer zusammen. Fortan müssen sie in der Wüste Frondienste leisten. Die meisten sterben. Nazaret überlebt. Allerdings hört er, dass alle Bewohner seiner Heimatstadt tot sind. Erst später erfährt er, dass seine beiden Töchter die Massaker doch überlebten. Er beginnt, sie zu suchen. Seine Reise, die den Hauptteil des Filmes ausmacht, führt ihn immer weiter nach Westen, bis er, via Havanna, in den USA, in North Dakota, ankommt, wo er – das dürfte jetzt wirklich niemand überraschen – nach einer fast zehnjährigen Suche seine Töchter findet.
Akin erzählt, basierend auf einem von ihm und Mardik Martin („Hexenkessel“, „New York, New York“, „Wie ein wilder Stier“) geschriebenem Drehbuch, eine private Geschichte vor einem historischen Hintergrund, der immer nur die austauschbare Kulisse für die Filmgeschichte bleibt. Akins Film ist eine episodische Reiseerzählung mit vielen gelungenen Episoden, Die verzweifelte Suche von Nazaret nach seinen Kindern erinnert an die manische Suche von Ethan Edwards (John Wayne) nach seiner Nichte in John Fords „Der schwarze Falke“. Auch optisch ist „The Cut“ vom Western inspiriert. Immerhin spielen große Teile des Films in der Wüste, in menschenleeren Landschaften, an und auf Eisenbahngleisen (in den USA ist Nazareth auch Gleisbauarbeiter und er hilft einer Indianerin) und die Cinemascope-Aufnahmen erinnern natürlich an die klassischen Westernbilder.
Es ist auch ein Film, der Akins direkte emotionale Betroffenheit vermissen lässt. „The Cut“ ist kein kleiner, persönlicher Film. Er will es auch in keiner Sekunde sein. Er will ein breites Publikum ansprechen und dafür bedient er sich gelungen der Erzähltopoi und Erzählmechanismen des klassischen Hollywood-Kinos, wie es zuletzt Philipp Stölz mit „Der Medicus“ tat.
„The Cut“ ist gelungenes Unterhaltungskino. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

The Cut - Plakat

The Cut (Deutschland/Frankreich 2014)
Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Fatih Akin, Mardik Martin
mit Tahar Rahim, Simon Abkarian, Makram J. Khoury, Hindi Zahra, Kevork Malikyan, Bartu Kücükcaglayan, Trine Dyrholm, Moritz Bleibtreu, Akin Gazi, George Georgiou
Länge: 139 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „The Cut“
Moviepilot über „The Cut“
Rotten Tomatoes über „The Cut“
Wikipedia über „The Cut“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Fatih Akins „Müll im Garten Eden“ (Deutschland 2012)

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