Über James Lee Burkes „Regengötter“

James Lee Burke gehört zu den US-amerikanischen Krimiautoren, die alle wichtigen Preise gewonnen haben, in ihrer Heimat erfolgreich sind, im Jahrestakt hochgelobte Kriminalromane veröffentlichen und die seit Ewigkeiten nicht mehr ins Deutsche übersetzt werden. Von James Lee Burke, dem Erfinder von Dave Robicheaux, erschien die letzte neue Übersetzung 2002. Danach war für die Fans Englisch lernen angesagt.
Jetzt erschien bei Heyne Hardcore „Regengötter“, eine Übersetzung seines Romans „Rain Gods“ von 2009, bei dem der über siebzigjährige Sheriff Hackberry Holland im Mittelpunkt steht. Einige James-Lee-Burke-Fans kennen ihn aus „Lay down my Sword and Shield“ (1971, nicht übersetzt). Er ist auch verwandt mit Billy Bob Holland, dem Protagonisten in vier Burke-Romanen, die zwischen 1997 und 2004 erschienen und von denen die ersten drei übersetzt wurden.
Im Zentrum von Burkes Werk steht allerdings Dave Robicheaux, der erstmals 1987 in „Neonregen“ (The Neon Rain) auftrat. Damals noch als alkoholabhängiger Mordermittler bei der Polizei von New Orleans. In den folgenden, bis jetzt zwanzig Romanen, ist er, abgesehen von einem kurzen Intermezzo als Privatdetektiv, Sheriff von New Iberia, wo er seinen Job immer wieder unter Mißachtung aller Dienstvorschriften ausübt. Von seiner Attitüde ist Robicheaux nämlich der klassische Hardboiled-Privatdetektiv. „Mississippi Delta – Blut in den Bayous“ (Heaven’s Prisoners, 1988) und „Im Schatten der Mangroven“ (In the electric mist with Confederate Dead, 1993) wurden verfilmt; mit durchwachsenem Ergebnis. Die Vorlagen sind unbedingt lesenswert.
Diese Mißachtung der Dienstvorschriften würde Hackberry Holland nicht einfallen. Der Ex-Trinker, Ex-Bürgerrechtsanwalt und Witwer stößt, nach einem Anruf, bei einer alten Kirche auf neun Frauenleichen. Asiatinnen, die Heroin in ihrem Bäuchen hatten. Er will den Täter finden und dem Anrufer helfen, während er von anderen Behörden, wie dem FBI und der Einwanderungs- und Zollbehörde, vor allem behindert und nicht informiert wird.
Neben diesem Hauptplot erzählt Burke, ziemlich gleichberechtigt, mehrere Geschichten, die mit dem Massenmord zusammenhängen. Es ist die Flucht von Pete Flores, einem psychisch kranken Irakkriegsveteran, der den Anruf tätigte, und jetzt mit seiner Freundin Vikki Gaddis, einer Country-Sängerin und Kellnerin, auf der Flucht ist. Sie flüchten vor Jack Collins, einem durchgeknallten Killer mit sagenhaften Fähigkeiten, der sich für einen Prediger hält und deshalb „Preacher“ genannt wird. Manchmal schickt er auch seine beiden Handlanger mit blutig endenden Suchaufträgen los. Gleichzeitig hat Stripclub-Besitzer Nick Dolan, der für die Morde verantwortlich sein soll, Ärger mit Hugo Cistranos und Arthur Rooney, die gerne an seine Lokale kommen würden.
Und am Rand ist auch noch die Russenmafia involviert.
Oh, und irgendwann tauchen auch einige Biker auf, die den Preacher umbringen sollen und schnell von ihm mit seiner MP niedergemäht werden.
„Regengötter“ reiht sich – und sage ich als Fan – nahtlos in das enttäuschende Spätwerk von James Lee Burke ein, in dem die Geschichte arg chaotisch, ziemlich spannungsfrei und wenig interessant auf ihr Ende zutaumelt. Der Roman liest sich, als hätte Burke nur eine Ausgangsidee und das Ziel, eine bestimmte Menge Seiten zu füllen, gehabt. Dieses nachlässige Plotting ist vor allem bei dem Bösewicht des Buches offensichtlich. Als Bösewicht darf er erst am Ende sterben. Gleichzeitig dürfen einige der Guten, vor allem Hackberry, Pete und Vikki, nicht sterben. Also endet jede der zahlreichen Begegnungen zwischen ihnen, damit, dass Collins freiwillig auf die Chance verzichtet, sie umzubringen. Auch wenn er sich vorher in ihre Wohnung geschlichen hat. Er erfindet dann schnell einen weit hergeholten Grund, der mit seinem Preacher-Sein etwas zu tun hat. Und trotz der menschenleeren texanischen Landschaft laufen die Guten und die Bösen sich ständig, zufällig über den Weg.
Das größte Problem bei „Regengötter“ ist aber, dass er sich wie eine Nacherzählung von „No Country for Old Men“, dem Roman von Cormac McCarthy (2005) und dem Film der Coen-Brüder (2007), liest. Die Story von „Regengötter“ hat so viele offensichtliche Ähnlichkeiten mit „No Country for Old Men“, dass ich mich fragte, ob Cormac McCarthy sich schon beschwerte.
Während der gesamten Lektüre sah ich vor meinem geistigen Auge Tommy Lee Jones als Hackberry Holland, Javier Bardem als Preacher, Josh Brolin als Pete Flores, der nach einem missglückten Drogendeal mit seiner Freundin vor dem Killer flüchtet.
Mit gut 660 Seiten ist der Roman auch viel zu lang geraten. Er ist ungefähr doppelt so lang wie James Lee Burkes früheren Romane, die alle wesentlich eindrucksvoller und gelungener sind.

Burke - Regengötter - 2

James Lee Burke: Regengötter
(übersetzt von Daniel Müller)
Heyne Hardcorre, 2014
672 Seiten
16,99 Euro

Originalausgabe
Rain Gods
Simon & Schuster, 2009

Hinweise

Homepage von James Lee Burke

Wikipedia über James Lee Burke (deutsch, englisch)

Mein Porträt von James Lee Burke

James Lee Burke in der Kriminalakte

„In the Electric Mist“ in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers „In the Electric Mist – Mord in Louisiana“ (In the Electric Mist, USA 2009)

Und damit endet mein Tommy-Lee-Jones-Tag.


Denn heute Morgen konnte ich mir „The Homesman“ (Kinostart 18. Dezember) ansehen und der von Tommy Lee Jones inszenierte Western mit ihm und „Million Dollar Baby“ Hilary Swank in den Hauptrollen ist grandios. Denn, im Werbe- und Empfehlungssprech, wenn Ihnen „Erbarmungslos“ (Unforgiven), „Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada“, „No Country for Old Men“ und „True Grit“ gefallen haben, werden Sie „The Homesman“ lieben.

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