Neu im Kino/Filmkritik: Woody Allen sucht „Magic in the Moonlight“

Allein schon das Licht an der Côte d’Azur rechtfertigt den Dreh in Südfrankreich und seit den seeligen Stummfilmtagen verzichtete wohl kein Hollywood-Regisseur auf die Gelegenheit, vor Ort zu drehen. Auch Woody Allen drehte seinen neuesten Film „Magic in the Moonlight“ wieder vor Ort und in der Geschichte knüpft er an seine früheren, in den zwanziger und dreißiger Jahren spielenden Filmen, wie „Im Bann des Jade-Skorpions“ (2000) und „Bullets over Broadway“ (1994) an. Auch „Scoop“ (2006), obwohl in der Gegenwart spielend, passt in diese Reihe von Retro-Kriminalkomödien mit einer Tendenz zum Übersinnlichen.
„Magic in the Moonlight“ beginnt in einem wundervollen Studio-Berlin (halt so, wie Hollywood sich damals die verruchte deutsche Hauptstadt vorstellte) während einer Zaubershow von Wei Ling So. Noch während das Publikum applaudiert, mosert der Zauberer hinter der Bühne an den Leistungen seiner Angestellten herum und er schminkt sich ab. Denn in Wirklichkeit ist er ein Engländer, Stanley Crawford (Colin Firth), der nie um eine spitze, zynische und sarkastische Bemerkung verlegen ist. Sein Freund Howard Burkan (Simon McBurney) bittet den von sich und seiner rationalen Weltsicht hundertzehnprozentig überzeugten Zauberer in einem verrauchten Kabarett, während im Hintergrund eine Sängerin wimmert, um Hilfe. Denn an der Riviera ist ein Medium aufgetaucht, das anscheinend wirklich über besondere Fähigkeiten verfügt. Crawford hält sie für eine Schwindlerin und er macht sich, als Stanley Taplinger, auf den Weg nach Südfrankreich. Dort trifft er diese Schwindlerin, die Wahrsagerin Sophie Baker (Emma Stone), die ihn auch gleich mit ihrem charmanten Wesen verzückt und Dinge über ihn weiß, die sie nicht wissen kann.
In „Magic in the Moonlight“ gibt es alles das, was wir an einem Woody-Allen-Film mögen: eine Parade bekannter Schauspieler in glänzender Spiellaune, Pointen im Dutzend, einen kleinen, angenehm altmodischen Krimiplot, etwas Romantik, Jazz und eine Liebeserklärung an Hollywoods große Zeit. Aber dieses Mal übertreibt Allen es mit seiner Liebeserklärung an das Hollywood-Kino der dreißiger Jahre etwas. Denn er übernahm auch die damaligen Plotkonstruktionen, die oft einfach eine Abfolge von Szenen waren, die man beliebig austauschen kann. Entsprechend oft und unmotiviert sind in „Magic in the Moonlight“ die Wendungen und manchmal hat man sogar den Eindruck, dass eine Filmspule vergessen oder vertauscht wurde.
Vor allem die Wandlungen von Stanley Crawford, die die Geschichte bestimmen, kommen viel zu plötzlich und zu oft, um glaubwürdig zu sein. So ist der Skeptiker, ungefähr in der Filmmitte, plötzlich von Sophies Visionen überzeugt, kurz darauf, aus einem ähnlich nichtigen Grund, plötzlich wieder vom Gegenteil und bis zum Filmende darf er seine Überzeugung öfter wechseln, als andere Menschen ihre Unterhosen wechseln. Dabei geht er hier nicht um einen kleinen Meinungswechsel, sondern um eine vollkommene Veränderungen seiner gesamten Weltsicht.
Einiges, wie das für die Filmgeschichte vielversprechende Gespräch einer wohlhabenden Hausherrin mit der Mutter des Mediums über die Vermögensanlage entsprechend den Wünschen des verstorbenen Gatten, wird später nicht mehr erwähnt.
In diesen Momenten wünschte ich mir, dass Woody Allen sich, wie bei „Match Point“ oder „Midnight in Paris“, mehr Mühe mit seinem Drehbuch gegeben hätte. In „Magic in the Moonlight“ belässt er es einfach beim durchaus charmanten, aber auch etwas lieblosen Präsentieren der bekannten Versatzstücke. So ist sein neuester Film ein Zwischenhappen, bei dem man, aufgrund der vielen unmotivierten Wendungen, zunehmend das Interesse an der Lösung, also ob das Paar ein Paar wird und ob Sophie eine Betrügerin ist, verliert.

Magic in the Moonlight - Plakat

Magic in the Moonlight (Magic in the Moonlight, USA 2014)
Regie: Woody Allen
Drehbuch: Woody Allen
mit Colin Firth, Emma Stone, Simon McBurney, Eileen Atkins, Jacki Weaver, Hamisch Linklater, Marcia Gay Harden, Ute Lemper, Erica Leerhsen, Jeremy Shamos
Länge: 98 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Magic in the Moonlight“
Moviepilot über „Magic in the Moonlight“
Metacritic über „Magic in the Moonlight“
Rotten Tomatoes über „Magic in the Moonlight“
Wikipedia über „Magic in the Moonlight“

Homepage von Woody Allen

Deutsche Woody-Allen-Seite

Meine Besprechung von Robert B. Weides „Woody Allen: A Documentary“ (Woody Allen: A Documentary, USA 2012)

Meine Besprechung von Woody Allens “To Rome with Love” (To Rome with Love, USA/Italien 2012)

Meine Besprechung von Woody Allens “Blue Jasmine” (Blue Jasmine, USA 2013)

Meine Besprechung von John Turturros „Plötzlich Gigolo“ (Fading Gigolo, USA 2013 – mit Woody Allen)

Kriminalakte über Woody Allen

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