Neu im Kino/Filmkritik: „Wild Tales – Jeder dreht mal durch!“ und dann gibt’s halt Tote

Nach den ersten furiosen Minuten ist klar, dass Damián Szifrón mit „Wild Tales – Jeder dreht mal durch!“ keine Gefangenen machen will und man fragt sich ängstlich, ob er das Niveau des ersten Kurzfilms halten kann. „Pasternak“ ist von der Länge her ein Sketch über zwei, drei, vier, viele Passagiere in einem Flugzeug, die zufällig einen gemeinsamen Bekannten haben. Die Geschichte entwickelte sich so absurd schnell zur grandiosen Pointe, dass ich mich fragte, wie Szifrón das übertreffen will und wie er das Niveau halten will.
Denn „Wild Tales“ besteht aus sechs Kurzfilmen, in denen jemand Unrecht geschieht und er sich rächen kann. Manchmal, weil sich gerade eine günstige Gelegenheit ergibt. Manchmal, weil es einfach zu viel ist. Aber wollen sie das auch? Über hehre moralische Grundsätze wird dagegen weniger gesprochen. So trifft in einem Schnellimbiss eine Bedienung auf den Kredithai, der ihren Vater in den Selbstmord trieb – und die Köchin bietet ihr an, das Essen mit etwas Rattengift abzuschmecken. In der nächsten Geschichte überholt auf einer einsamen Landstraße ein junger Geschäftsmann einen langsameren Autofahrer und zeigt ihm dabei den Mittelfinger. Kurz darauf hat er eine Reifenpanne – und was folgt erinnert natürlich an „Duell“, weil jeder Film mit zwei Fahrzeugen auf einer einsamen Straße an „Duell“ erinnert, aber in „Straße zur Hölle“ ist der Verlauf noch tödlicher bis zur liebevollen Schlußbemerkung. In „Bombita“ will ein Sprengstoffexperte und Familienvater nicht mehr akzeptieren, dass eine Abschleppfirma willkürlich auch sein Auto abschleppt. In „Die Rechnung“ überfährt ein Magnatensohn im Drogenrausch eine Schwangere. Sein Vater und der Familienanwalt wollen das Problem aus der Welt schaffen, indem sie den Hausgärtner überzeugen, für etwas Geld die Schuld und die Haft auf sich zu nehmen. In der sechsten und letzten Geschichte erfährt die Braut während der Hochzeit, dass ihr Mann sie betrügt. Für eine heißblütige Südamerikanerin gibt es nur eine Antwort auf diese Schmach.
Szifrón schrieb die Geschichten, während er verschiedene Filmprojekte nicht realisieren konnte, zur Entspannung. Schnell bemerkte er, dass sie sich immer mit Vergeltung, Katharsis und auch den verständlichen, aber nicht immer unbedingt gerechtfertigten Reaktionen auf Ungerechtigkeiten beschäftigen. Manchmal liegt die Ungerechtigkeit im Verhältnis zwischen den Beteiligten, manchmal an den Strukturen der kapitalistischen und argentinischen Gesellschaft. Manchmal ist es nur eine Kleinigkeit, wie eine Geste, manchmal mehr. Aber immer beschließt ein Handelnder, das Gesetz in die eigenen Hände zu nehmen und weil niemand nachgeben will, entwickelt sich eine teils slapstickhafte Dynamik zwischen den Kontrahenten, die hier allerdings mit so viel schwarzem Humor, Sarkasmus und Satire abgeschmeckt wird, dass das Lachen immer einen bitteren Beigeschmack hat. Auch weil es die Selbsterkenntnis gibt, dass man selbst auch gerne einmal so durchdrehen würde.
Natürlich knüpft „Wild Tales“ an thematische Anthologien an, die es in Buchform immer noch gibt (in Deutschland allerdings selten, weil die Kurzgeschichte hier nicht wirklich gepflegt wird), im Fernsehen früher gab (ich sage nur „The Twilight Zone“ und „Alfred Hitchcock präsentiert“/“Alfred Hitchcock zeigt“) und im Kino immer eine Nischenexistenz hatte und es in diesen Kinofilmen oft Füller-Geschichten gibt.
In „Wild Tales“ gibt es keine einzige schwache Geschichte und auch wenn man nach einigen Geschichten das unbarmherzige Prinzip der Geschichten verstanden hat, wird es nie langweilig oder wirklich vorhersehbar.
Außerdem helfen die „Wild Tales“, den Frust über einen desaströsen Tag abzubauen. Zur Nachahmung sind sie allerdings nicht empfohlen.
In Argentinien war der Episodenfilm an der Kinokasse der erfolgreichste argentinische Film bis jetzt (was ja nichts über die Qualität aussagt) und er erhielt, was einiges über die Qualität aussagt, zehn argentinische Filmpreise, unter anderem als bester Film, für das beste Drehbuch und die beste Regie. In elf weiteren Kategorien war er, teilweise mehrfach, nominiert. Kein Wunder, dass Argentinien den Film für die diesjährigen Oscars einreichte.

Wild Tales - Plakat

Wild Tales – Jeder dreht mal durch! (Relatos Salvajes, Argentinien/Spanien 2014)
Regie: Damián Szifrón
Drehbuch: Damián Szifrón
mit Ricardo Darin, Dario Grandinetti, Oscar Martinez, Leonardo Sbaraglia, Érica Rivas, Rita Cortese, Julieta Zylberberg, Maria Marull, Mónica Villa, César Bordón, Walter Donado, Ricardo Darín, Nancy Dupláa, María Onetto, Alan Daicz, Osmar Núnez, German de Silva, Diego Gentile
Länge: 122 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Wild Tales“
Moviepilot über „Wild Tales“
Metacritic über „Wild Tales“
Rotten Tomatoes über „Wild Tales“
Wikipedia über „Wild Tales“ (deutsch, englisch)

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