Neu im Kino/Filmkritik: „Annie“ – altes Broadway-Musical, neue Bearbeitung

Bei uns ist „Annie“ vor allem als der John-Huston-Film bekannt, den John-Huston-Fans nicht sehen wollen und galant ignorieren. Immerhin hat er davor, beginnend mit „Die Spur des Falken“ (The Maltese Falcon), einige Klassiker gedreht und auch sein Werk nach der Auftragsarbeit „Annie“ ist nicht schlecht. Denn „Annie“ ist ein Musical über ein Waisenkind, das von einem stinkreichen Frühkapitalisten aufgenommen wird. Das passt nicht in Hustons sonstiges Werk.
In das Werk von Will Gluck („Einfach zu haben“, „Freunde mit gewissen Vorzügen“), der jetzt ein zeitgemäßes Update von „Annie“ vorlegte, schon eher. Er hat allerdings in den USA, wo das Musical „Annie“ wohl so etwas wie ein heiliges Kulturgut und für Viele eine wunderschöne Kindheitserinnerung ist, mit anderen Problemen zu kämpfen. So spielt sein „Annie“-Film in der Gegenwart. Das Musical und Hustons Film spielen in den Dreißigern. Die ersten „Little Orphan Annie“-Comics, auf denen das Musical basiert, schrieb Harold Gray bereits 1924 für die „New York Daily News“.
Glucks Annie ist eine Afroamerikanerin. Die Musical- und Comic-Annie ist ein Rotschopf. Die Songs, Gassenhauer wie „It’s the hard-knock life“, „Maybe“ und „Tomorrow“, wurden modernisiert vom Broadway-Bigband-Schmalz zu eher banalen, aber immer eingängigen Pop-Songs. Alle diese Veränderungen wurden in den USA heftig kritisiert. Immerhin trampelt Gluck auf ihren Kindheitserinnerungen herum.
Dieses Problem hat „Annie“ für uns nicht. Denn wer kennt hier schon „Annie“? Die Comics, das Broadway-Musical, die Verfilmungen? Herrje, sogar die John-Huston-Verfilmung läuft bei uns nie im TV.
Für eine vorurteilsfreie Betrachtung ist das natürlich gut. Die Story selbst ist, typisch für ein Musical, absolut vorhersehbar und vernachlässigbar. Annie (Quvenzhané Wallis, „Beasts of the Southern Wild“) ist ein quietschfideles, immer gut gelauntes zehnjähriges Pflegekind, das einmal pro Woche zu dem Restaurant geht, in dem ihre Eltern sie aussetzten. Vielleicht kommen sie ja wieder zurück. Ihre Pflegemutter Miss Hannigan (Cameron Diaz im grotesken Overacting-Modus) ist eine ihrer halben Minute hinterhertrauernde Schnapsdrossel und ein wahrer Hausdrache, der sich bemüht, die Kinder, die sie in ihrer Obhut hat, möglichst schlecht zu behandeln. Zufällig läuft Annie in New York Will Stacks (Jamie Foxx) über den Weg und diese Begegnung, als er sie vor einem fahrenden Laster rettet, wird ein YouTube-Hit.
Der allein lebende Mogul ist so von seiner Arbeit besessen, dass er keine Augen für seine linke Hand Grace (Rose Byrne) hat. Außerdem kandidiert er für das Bürgermeisteramt. Aber der Snob, der keinen Kontakt zum Leben und den Sorgen seiner Wähler hat, ist nicht besonders populär. Sein Wahlkampfmanager Guy (Bobby Cannavale) empfiehlt ihm, ein Treffen mit Annie vor laufender Kamera – und schon steigen seine Popularitätswerte. Sie würden noch weiter steigen, wenn er sich öfter mit Annie sehen lassen würde.
Also nimmt der Mann, der nichts mit Kindern anfangen kann, Annie bis zum Wahlsonntag bei sich auf und was dann passiert, kann man sich denken.
Das hat so viel Zuckerguss und Ignoranz gegenüber der Realität in jeder Form, dass man schon nicht mehr von einer rosaroten Version der Wirklichkeit reden kann. „Annie“ spielt in einem Paralleluniversum, das zufällig aussieht wie New York. Ohne den Schmutz und den Lärm. Ohne die Probleme des Kapitalismus.
Und, wie es sich für ein Musical gehört, wird in den unpassendsten Momenten, also ungefähr immer, gesungen und getanzt. Im Original singen die Schauspieler selbst. In der deutschen Fassung, die erstaunlich schlecht synchronisiert ist, werden die Lieder von Sängern gesungen, während Synchronsprecher die restlichen Dialoge übernahmen.
Das liest sich jetzt, als ob „Annie“ eine filmische Vollkatastrophe ist.
Aber dennoch hat mir „Annie“ – sogar in der deutschen Fassung (das war einer der wenigen Filme, bei dem ich während der Vorführung die Dialoge immer wieder ins Original zurückübersetzte) – gefallen. Es ist ein quietschbuntes Musical, bei dem alle hyperaktiv und übertrieben fröhlich agieren. Annie ist immer liebenswert. Die Schauspieler hatten ihren Spaß, der sich auch in den Saal überträgt und ich verließ den Kinosaal mit einem Lächeln, weil – well – „You’re never fully dressed without a smile“.

Annie - Plakat

Annie (Annie, USA 2014)
Regie: Will Gluck
Drehbuch: Will Gluck, Aline Brosh McKenna
LV: Thomas Meehan: Annie, 1977 (Musical), Harold Gray: Little Orphan Annie (Comic Strip)
mit Quvenzhané Wallis, Jamie Foxx, Rose Bynre, Cameron Diaz, Bobby Cannavale, David Zayas, Stephanie Kurtzuba, Adewale Akinnuoye-Agbaje, Tracie Thoms, Dorian Missick, Michael J. Fox, Sia, Mila Kunis, Ashton Kutcher, Rihanna
Länge: 119 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Der Soundtrack

Im Film werden auch die Songs auf Deutsch gesungen; was aber ziemlich gruselig ist, weil die deutschen Texte nicht gut und noch nicht einmal annäherungsweise lippensynchron sind. Aber, und das ist die gute Nachricht, auch bei uns wurde der Originalsoundtrack veröffentlicht. Zusätzlich gibt es bei der deutschen Veröffentlichung des Soundtracks den von Chelsea Fontenel gesungenen Bonussong „Schon morgen“ und allein dieses eine Lied zeigt, dass es eine kluge Entscheidung war, die deutschen Versionen der Songs von Komponist Charles Strouse und Texter Martin Charnin nicht zu veröffentlichen.
So können wir hören, wie Quvenzhané Wallis, Jamie Foxx, Rose Bynre, Cameron Diaz, Bobby Cannavale und einige weitere Schauspieler die bekannten und drei brandneue Lieder („Who am I?“, „Opportunity“ und „The City’s yours“) singen.
Außerdem gibt es „Moonquake Lake“, ein fröhlicher Singalong-Song von Sia und Beck, der gut zwischen die modernisierten Songs von Strouse/Charnin passt.

V. A.: Annie – Original Motion Picture Soundtrack
Rocnation/Overbrook/Madison Gate/RCA/Sony Music/Columbia Pictures

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Annie“
Moviepilot über „Annie“
Metacritic über „Annie“
Rotten Tomatoes über „Annie“
Wikipedia über „Annie“ 

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