Verhindert James Bond die „Kernschmelze“?

Gardner - James Bond - Kernschmelze

1981, sechzehn Jahre nachdem Ian Flemings letzter James-Bond-Roman „Der Mann mit dem goldenen Colt“ posthum erschienen war und Kingsley Amis als Robert Markham bereits 1968 mit „Colonel Sun“ ein einmaliges Gastspiel als Bond-Autor gab, übernahm John Gardner für sechzehn Romane (inclusive zwei Filmromane), die bis 1996 erschienen und die nicht alle ins Deutsche übersetzt wurden, das Zepter.
In seinem ersten Bond-Roman „Kernschmelze“, der jetzt in neuer Übersetzung vorliegt, knüpft Gardner dann auch an die klassischen Bond-Romane an und, nach der Lektüre der Bond-Wiederbelebungsversuche der letzten Jahre, die alle, aus verschiedenen Gründen, enttäuschten, ist es eine Wohltat einen richtig altmodischen James-Bond-Roman zu lesen, der genau das liefert, was man von einem Bond-Roman erwartet: technische Spielereien, schöne und willige Frauen, einen Superschurken, skrupellose Handlanger, einen diabolischen Plan und Orte, an denen man seine Ferien verbringen möchte. Wie ein im malerischen Nirgendwo in Schottland liegendes Schloß mit allen möglichen Extras, wie einem Kommandostand (weil der Bösewicht ja stilgerecht seine Befehle geben muss) und einem Folterkeller (weil James Bond ja gefoltert werden muss).
Der Schloßherr ist Dr. Anton Murik, Laird of Murcaldy, ein brillianter Kernphysiker, der ein hundertprozentig sicheres Kernreaktorsystem erfunden hat. Um die restliche Welt von seinem Murik-Ultrasicher-Reaktor zu überzeugen, plant er mit dem internationalen Terroristen Franco (da stand wohl ‚Carlos, der Schakal‘ Pate) eine gleichzeitige Besetzung von sechs, über den gesamten Globus verteilten Kernkraftwerken. Er will eine horrende Summe von den Regierungen erpressen. Aber James Bond und der grundgute britische Geheimdienst ist ihm schon auf der Fährte. Mit einem Trick schleicht Bond sich bei Murik ein und wird auf den altehrwürdigen Familiensitz in den Highlands eingeladen.
„Kernschmelze“ überzeugt vor allem als James-Bond-Roman, der die vertrauten Elemente aus Ian Flemings Bond-Romanen und den klassischen James-Bond-Filmen gut anrichtet und, bei einer überschaubaren Geschichte, die vor allem durch ihre Detailtreue besticht, flott unterhält, weil sie sich ständig weiter auf die finale Konfrontation zwischen den beiden Kontrahenten hin bewegt. Damit liefert die einfache Story genau das, was der Bond-Fan will: einen ordentlichen Kampf zwischen dem tapferen Agenten mit der Lizenz zum Töten und einem durchgeknallten Bösewicht, der vor allem die Welt vernichten will, grundiert mit etwas Zeitkolorit. Denn Murik sieht sich mit seinem Plan auch als Kämpfer für eine saubere Umwelt und gegen die globale Erwärmung.
John Gardners Einstieg in die James-Bond-Welt ist ziemlich pulpig, ziemlich fantastisch, ziemlich unterhaltsam – und fernab der John-le-Carré-Spionagewelt.
Da akzeptiert man auch den Saab 900 Turbo als James Bonds neues Auto. Immerhin hat er einige Extras einbauen gelassen.

John Gardner: James Bond – Kernschmelze
(übersetzt von Anika Klüver und Stephanie Pannen)
Cross Cult, 2014
384 Seiten
12,80 Euro

Originalausgabe
James Bond – Licence Renewed
Jonathan Cape, 1981

Deutsche Erstausgabe
Countdown für die Ewigkeit
Scherz, 1982

Hinweise

Homepage von John Gardner

Wikipedia über John Gardner (deutsch, englisch)

Wired for Books unterhält sich mit John Gardner (1984 und 1985 – zwei Audiofiles)

Universal Exports: Interview mit John Gardner (ungefähr von 2004 – und nach dem Ende seiner Bond-Serie)

Dr. Shatterhand’s The Question Room – befragt John Gardner (ebenfalls nach dem Ende seiner Bond-Serie, aber natürlich über seine Bond-Romane)

Homepage von Ian Fleming

Meine Besprechung von Sebastian Faulks’ James-Bond-Roman „Der Tod ist nur der Anfang“ (Devil may care, 2008)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers James-Bond-Roman “Carte Blanche” (Carte Blanche, 2011)

Meine Besprechung von William Boyds James-Bond-Roman “Solo” (Solo, 2013)

Meine Besprechung von Ian Flemings ersten drei James-Bond-Romanen “Casino Royale”, “Leben und sterben lassen” und “Moonraker”

Meine Besprechung des James-Bond-Films „Skyfall“ (Skyfall, GB/USA 2012)

James Bond in der Kriminalakte

Ian Fleming in der Kriminalakte

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: