Vincent Veih spielt den „Schattenboxer“

Eckert - Schattenboxer - 2

Ich bin ja ein großer Horst-Eckert-Fan, aber mit seinem neuen Roman „Schattenboxer“ habe ich einige Probleme und wenn ihr wirklich nichts über die Handlung erfahren wollt (ich werde versuchen, möglichst wenig zu spoilern), solltet ihr ungefähr jetzt aufhören mit dem Lesen.
Ach ja: bei aller Kritik: natürlich ist „Schattenboxer“ ein absolut lesenswerter Polizei- und Polit-Thriller mit den aus seinen vorherigen Romanen bekannten Charakteren.
In „Schattenboxer“ ist, wie schon in seinem vorherigen Roman „Schwarzlicht“, Vincent Veih der Protagonist. Das ist, so muss nach der Lektüre gesagt werden, eher nachteilig für die Geschichte.
In Eckerts bisherigen Romanen stand immer ein anderer Protagonist, der im KK11 der Düsseldorfer Kripo arbeitet, im Mittelpunkt der Geschichte. Entsprechend unsanft konnte Eckert mit ihm umgehen. Er konnte den Protagonisten in jeder Beziehung sehr fordern und am Ende, wenn der Mordfall aufgeklärt war, war auch der Protagonist ein anderer Mensch.
Letztendlich schrieb Eckert bislang immer Polizeiromane die als Einzelromane funktionieren, immer im gleichen Kosmos spielen und in denen immer wieder vertraute Charaktere auftauchen. Er konnte aus einem großen Figurenensemble den für seine Geschichte richtigen Protagonisten auswählen oder einfach einen neuen Protagonisten erfinden, der sich dann in das bekannte Ensemble einfügte. Das war eine ideale Kombination aus vertrauten und neuen Elementen.
Jetzt hat Eckert mit Vincent Veih einen Seriencharakter erfunden, der dann auch gleich eine besonders farbige Biographie bekommen hat. Veih ist der Sohn einer RAF-Terroristin, die ihre Taten immer noch nicht bereut, jetzt als Künstlerin bekannt ist und ihn als Kind, nachdem sie ihn mit viel freier Liebe durch einige Kommunen schleppte, bei seinen Großeltern in Obhut gab. Der Großvater war Nazi und Polizist. Ihr merkt: die gesamte deutsche Geschichte ist in Veihs Biographie vorhanden. Aber es kommt noch besser: als junger Polizist war Veih, als der Treuhand-Präsident Rolf-Werner Winneken in seinem Haus erschossen wurde, als Erster am Tatort. Das reale, überhaupt nicht verschleierte Vorbild für Winneken ist natürlich Detlev Rohwedder.
Diese farbige Biographie von Vincent Veih wird in „Schattensucher“ allerdings zum erzählerischen Ballast. Denn Eckert verknüpft unablässig die deutsche Geschichte mit der Biographie von Veih. Das beginnt schon damit, dass natürlich wieder die verkorkste Beziehung von Veih zu seiner Mutter thematisiert wird. Es geht weiter mit Veihs Freundin, die ein Sachbuch über den Winneken-Mord schreiben will und natürlich auch seine Beziehungen benutzen will. Und irgendwo bei seinen aktuellen Fällen gibt es Verbindungen zu dem Protestsänger René Hagenberg, einem Freund von seiner Mutter, bei dem er als Kind auch lebte. So schnurrt irgendwann die gesamte deutsche Geschichte zwischen Nazi-Diktatur und RAF-Terror zu einem Abendessen am Küchentisch zusammen.
Das zweite Problem von „Schattenboxer“ ist der Aufbau des Romans.
Ich könnte jetzt sagen, dass der große Bogen die Aufklärung des Attentats auf Treuhand-Chef Winneken ist. Aber das stimmt eigentlich nicht. Es gibt mehrere, eher locker miteinander verknüpfte Fälle. Nämlich einen Mord in der Gegenwart, die Wiederaufnahme eines alten Falles und die Recherchen seiner Freundin.
Diese Fälle werden so abgehandelt, dass der zwei Jahre alte Mordfall unter Jugendlichen, der in der ersten Hälfte im Mittelpunkt steht, nach zweihundert Seiten gelöst ist. In dem Moment kann Veih den Mörder von Julian Pollesch verhaften. Einige Polizisten sind als Täter überführt und die Unschuld des angeklagten Thabo Götz ist bewiesen. Nach weiteren hundert Seiten ist dann der aktuelle Mordfall, in dem ein Mörder auf das Grab von Pia Ziegler (der damaligen Hauptbelastungszeugin) eine Frauenleiche legte, gelöst. Ungefähr in dem Moment erfährt Veih, dass seine Freundin Saskia Baltes, die ein Buch über den Winneken-Mord schreibt, spurlos verschwunden ist. Sie kann sich kurz darauf befreien. Es gibt, als Höhepunkt, einen SEK-Einsatz, der schiefgeht, weil die Personen, die verhaftet werden sollen, aus dem Hinterhalt erschossen werden. Wir kennen die Täter, aber nicht die Polizei.
Veih hat dann auch eine sehr genaue Ahnung, wer Winneken erschoss. Aber er kann die Täter nicht verhaften.
Und – oh Wunder – all das hängt mit der deutschen Vergangenenheit, den Umtrieben der Geheimdienste, seiner Jugend und einem Freund seiner Mutter, der als Protestsänger berühmt ist und das Solidaritätskomitee für Thabo Götz initiierte, zusammen.
Die von Eckert gewählte Struktur, in der die Fälle nacheinander abgehandelt werden, führt dann dazu, dass sich „Schattenboxer“ weniger wie ein in sich geschlossener Roman, sondern wie eine Sammlung von drei Kurzgeschichten liest. Elmore Leonard wählte für „Raylan“ eine ähnlich episodische Struktur, die den Roman ebenfalls eher vor sich hin plätschern ließ.
Adrian McKinty, um ein aktuelles Gegenbeispiel zu nennen, strukturierte in seinem neuesten Sean-Duffy-Roman „Die verlorenen Schwestern“ seine Plots geschickter, indem er Duffys Ermittlungen in dem alten Mordfall in seine aktuelle Jagd nach einem entflohenem IRA-Mitglied einfügt. Duffy muss den alten Mordfall aufklären, um so eine wichtige Information zu erhalten, die ihn näher an sein ursprüngliches Ziel bringt.
Am Ende von „Schattenboxer“, der gewohnt nah an der Wirklichkeit geschrieben ist, stellt sich auch die Frage, wie es mit Vincent Veih weitergehen soll. Denn eigentlich kann er nach den Ereignissen von „Schwarzlicht“ und „Schattenboxer“ kann nicht mehr der Gleiche sein.

Horst Eckert: Schattenboxer
Wunderlich, 2015
400 Seiten
19,95 Euro

Hinweise

Homepage von Horst Eckert

Meine Besprechung von Horst Eckerts „617 Grad Celsius“ (2005)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Königsallee“ (2007)

Meine Besprechung von Horst Eckerts “Sprengkraft” (2009)

Kriminalakte: Interview mit Horst Eckert über „Sprengkraft“

Meine Besprechung von „Niederrhein-Blues und andere Geschichten“ (2010)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Schwarzer Schwan“ (2011)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Schwarzlicht“ (2013)

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