Neu im Kino/Filmkritik: Martin Armstrong ist „The Forecaster“

Ob Martin Armstrong ein Genie, ein Blender oder ein Betrüger ist, weiß man am Ende von Marcus Vetters Dokumentation „The Forecaster“ immer noch nicht. Aber in jedem Fall ist sie ein interessantes, aber auch distanzloses Porträt eines Autodidakten, der schon immer von Zahlen fasziniert war, keinen Collegeabschluss hat, freiberuflicher Anlagenberater und Chef mehrere Firmen (wie Princeton Economics International) wurde, ein ökonomisches Modell entwickelte, nach dem er, nach eigenen Angaben, mehrere Böresencrashs vorhersah (der nächste kommt, so sagt er, in wenigen Monaten) und der 1999 mit einer eher abstrusen Anklage wegen eines von ihm betriebenen Schneeballsystems inhaftiert wurde. Er soll, zusammen mit der Bank Republic New York, japanische Anleger betrogen haben. In Wirklichkeit, so Armstrong, wollte die US-Regierung den Quellcode von seinem Modell haben. Er weigerte sich, ihn herauszugeben. Nach sieben Jahren Ordnungshaft (eigentlich sind 18 Monate das Maximum) bekannte er sich, damit es zu einem Gerichtsverfahren kommen konnte, schuldig im Sinne der Anklage, die eigentlich nach einem bereits 2002 erfolgtem zivilrechtlichem Vergleich zwischen der Bank und den Anlegern hinfällig war. 2007 wurde er zu fünf Jahren Gefängnis, der Höchststrafe, verurteilt.
Außerdem behauptet er, er habe 1999 einen Plan entdeckt, mit dem eine von dem Bankier Edmond Safra, dem Republic New York gehörte, angeleitete Gruppe Russland übernehmen wollte. Im Dezember 1999 starb Safra bei einem Wohnungsbrand in Monaco. Verurteilt wurde 2002 Safras Krankenpfleger, der den Brand legte, um dann Safra zu retten. Armstrong glaubt allerdings an eine groß angelegte Verschwörung und dass er als Mitwisser still gestellt werden sollte.
Das ist natürlich faszinierender Stoff für einen Verschwörungsthriller und Marcus Vetter bedient auch diese Erwartungen, ohne die Verschwörung und das verbrecherische Tun von mächtigen Banken (die Armstrong den „Club“ nennt) und der US-Regierung überzeugend untermauern zu können. Zu vieles bleibt im Unklaren und oft fehlt auch einfach das Wissen, um Armstrongs Behauptungen beim Ansehen des Films überprüfen zu können.
Ohne diese groß angelegte Verschwörung ist Armstrong nur ein weiterer Unternehmensberater und Hedgefondsmanager, der seine Kunden in punkto Geldanlage berät und diese Beratung auf ein von ihm gefundenes, alles erklärendes Modell stützt, das auch, so Armstrong und seine Freunde, etliche treffende Vorhersagen machte.
Allerdings, und das wird im Film nicht erwähnt und deshalb blieb mir auch der wirklich neue Punkt in Armstrongs Modell verborgen (und als gelernter Sozialwissenschaftler kenne ich die Grenzen von prognostischen Modellen), sieht Armstrongs auf der Zahl Pi basierendes Economic Confidence Model (oder Pi-Zyklus-Modell) wie eine Variante der schon im Ökonomie-Erstsemester behandelten Kondtrajew-Zyklen aus.
Der sowjetische Ökonom Nikolai Kondratjew veröffentlichte 1926 in der Zeitschrift „Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“ den Aufsatz „Die Langen Wellen der Konjunktur“, in dem er sein Modell der langen Konjunkturwellen vorstellte, nach dem kurze Konjunkturzyklen von längeren Zyklen, die durchschnittlich 52 Jahre dauern, überlagert werden.
Das ist dann gar nicht so weit von Armstrongs 51,6 Jahren entfernt.
Dieses Beispiel verdeutlicht das Problem von „The Forecaster“. Nur Armstrong, seine Familie, seine Freunde und Geschäftspartner, die ihm damals und heute vertrauten, und sein Anwalt werden befragt. Andere Meinungen, zum Beispiel aus der Wissenschaft, der Wirtschaft, der Strafverfolgung oder auch von Journalisten, die sich Martin Armstrong, seinem Economic Confidence Model und der von ihm postulierten Verschwörungstheorie beschäftigten, werden nicht befragt.
So kann man am Ende entweder den Filmemachern und Armstrong glauben. Oder auch nicht.
Deshalb ist „The Forecaster“ nicht mehr als ein kurzweiliges Porträt eines von sich und seiner Weltsicht überzeugten Finanzmanager, der mit seinen griffigen Thesen (Wer hat nicht gerne die Weltformel?) Banker und Investoren begeistert. Wenn Armstrong ein Modell und seine Weltsicht dann dem Publikum vorstellt, erscheint er als bodenständige Variante von Jordan Belfort.

The Forecaster - Plakat

The Forecaster (Deutschland 2014)
Regie: Marcus Vetter, Karin Steinberger (Ko-Regie)
Drehbuch: Marcus Vetter
mit Martin Armstrong, Thomas Sjoblom, Larry Edelson, Oliver Brown, Barclay Leib, Michael Campbell, Tony Godin, Nigel Kirwan, Neill Mac Pherson
Länge: 97 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „The Forecaster“
Film-Zeit über „The Forecaster“
Moviepilot über „The Forecaster“
Wikipedia über Marcus Vetter und Martin Armstrong
The New Yorker: Nick Paumgarten: The Secret Cycle – Is the financier Martin Armstrong a con man, a crank, or a genius? (12. Oktober 2009)
Die Zeit: Heike Buchter über Martin Armstrong (7. Mai 2015)
Homepage von Martin Armstrong

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