Neu im Kino/Filmkritik: „Mein Herz tanzt“ zwischen den Kulturen

1982: Eyad wächst in einem arabischen Dorf in Israel auf. Seine Familie ist lebhaft. Niemand hat viel, aber insgesamt Ist das Klima in der Gemeinde gut. Wenn nicht die Israelis wären, die einen ständig unterdrückten.
Sechs Jahre später erhält der intelligente Junge als bislang erster Palästinenser ein Stipendium an einem jüdischen Elite-Internat in Jerusalem. Er nimmt, begleitet von den besten Wünschen und der Unterstützung seiner Eltern, das Stipendium an und taucht, ganz auf sich allein gestellt, in das ihm fremde universitäre und jüdische Leben in der Großstadt ein. Er verliebt sich in seine Klassenkameradin Naomi. Ihre jüdischen Eltern dürfen nichts von ihrer Beziehung erfahren. Und er kümmert sich, im Rahmen des Sozialprojekts der Schule, um den gleichaltrigen jüdischen Yonatan, der an einer unheilbaren Muskellähmung erkrankt ist. Nach anfänglichen Problemen befreunden sie sich. Eyad wird praktisch zu einem Teil der Familie.
Drei Jahre später steht er vor einer schwierigen Entscheidung zwischen seinen muslimischen Wurzeln und einer Zukunft in Israel.
Eran Riklis‘ neuer Film „Mein Herz tanzt“ beginnt wie eine schrullige Komödie aus dem israelisch-palästinensischem Grenzland mit all ihren Absurditäten und wird zunehmend ernster. Das könnte funktionieren, wenn Riklis darauf vorbereiten würde, die Geschichte nicht zunehmend zwischen ihren Plots zerflettern würde (was man wohlwollend als ein tanzen zwischen Kulturen und Ansprüchen interpretieren könnte) und das Ende nicht so absurd wäre. Es ist „überraschend“ (was ja jeder Schreibratgeber fordert) im negativen Sinn. Nichts bereitet einen während des Films darauf vor. Es ist aus der Luft gegriffen, eigentlich gegen den Charakter von Eyad und man fragt sich, ob Riklis das wirklich als eine Antwort auf die Identitätskonflikte junger Menschen geben möchte.
Diese Uneinheitlichkeit im Erzählton und auch der Erzählhaltung führt dazu, dass man glaubt, drei verschiedene Filme zu sehen und die Dramaturgie zunehmend episodisch wird. Die Geschichte zerfasert, was durch die Zeitsprünge (Juni 1988, November 1990 und April 1991) noch verstärkt wird und es wird immer unklarer, an welchem Punkt Riklis die Filmgeschichte beenden will. Wenn es in der Liebesgeschichte eine entscheidende Wendung gibt? Wenn sein Freund stirbt? Wenn er sein Studium abschließt und ein neues Kapitel seines Lebens aufschlägt? Oder wenn er sein Studium abbricht, um, wie sein Vater, Terrorist zu werden? Nun, ein Terrorist wird Eyad nicht.
Diese während des Films verstärkende Unklarheit über das angepeilte Ende (also das Ziel der Reise) führt auch dazu, dass man das Interesse an der Filmgeschichte verliert.
Ein sprachgewaltiger Autor – „Mein Herz tanz“ basiert auf einem halb-autobiographischem Roman – kann mit seiner Sprache über diese episodenhafte Struktur hinwegtäuschen. In einem Film, der einer anderen Dramaturgie gehorcht, ist das allerdings zu wenig.
Das ist schade, weil „Mein Herz tanzt“, nach dem fast schon burlesken ersten Teil, feinfühlig von den Ängsten, Nöten und Hoffnungen eines Studenten in einer fremden Stadt und einer ihm feindlich gesonnenen Gesellschaft, in der er versucht seinen Weg zwischen den Kulturen zu finden, erzählt.

Mein Herz tanzt - Plakat

Mein Herz tanzt (Dancing Arabs, Israel/Frankreich/Deutschland 2014)
Regie: Eran Riklis
Drehbuch: Sayed Kashua
LV: Sayed Kashua: Dancing Arabs, 2002 (Tanzende Araber)
mit Tawfeek Barhom, Razi Gabareen, Yael Abecassis, Michael Moshonov, Ali Suliman, Danielle Kitzis, Marlene Bajali, Laetitia Eido, Norman Issa
Länge: 104 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Mein Herz tanzt“
Moviepilot über „Mein Herz tanzt“
Rotten Tomatoes über „Mein Herz tanzt“
Meine Besprechung von Eran Riklis‘ „Die Reise des Personalmanagers“ (שליחותו של הממונה על משאבי אנוש‎/Shliḥuto shel Ha’Memuneh al Mash’abey Enosh, Israel/Deutschland/Frankreich/Rumänien 2010)

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