Verfilmte Bücher: „Kind 44“ ist „Kind 44“

Als 2008 Tom Rob Smiths Debütroman „Kind 44“ (Child 44) erschien, war es ein Bestseller, der gleich auf einigen Nominierungslisten landete und Preise, wie den International Thriller Writer Award für Best First Novel, den CWA Ian Fleming Steel Dagger Award und den Barry Award für Best First Novel, erhielt. Es war ein Überraschungserfolg – immerhin war, aus dem Hinterkopf, seit Martin Cruz Smiths „Gorki Park“ (Gorky Park, 1981), kein in der Sowjetunion spielender Thriller mehr international erfolgreich gewesen. Rückblickend verwundert der Erfolg nicht. Immerhin verbindet Tom Rob Smith einen historischen Rückblick (die Geschichte spielt 1953 in den letzten Tagen der Stalin-Ära) mit einer Serienkillergeschichte. Denn das titelgebende „Kind 44“ ist das vierundvierzigste Opfer eines Serienmörders, der in verschiedenen Orten in der Sowjetunion Kinder tötete. Die Verbrechen wurden von der Staatsmacht ignoriert, weil es in der UdSSR keine Morde gibt. Und erst recht keine Serienmörder. Das gibt es nur im Kapitalismus.
Als in Moskau der Sohn seines Kollegen Fjodor Andrejew tot aufgefunden wird, soll Leo Stepanowitsch Demidow, ein Kriegsheld und MGB-Geheimdienstoffizier, die Sache in Ordnung bringen. Denn Andrejew behauptet, dass sein Kind ermordet wurde. Aber im Bericht steht eindeutig, dass es ein Zugunfall, ein bedauerliches Unglück, war.
Kurz darauf soll Demidow herausfinden, ob seine Frau Raisa eine feindliche Agentin ist. Ein von ihm kürzlich verhafteter Tierarzt hat das behauptet. Demidow glaubt hingegen, dass der Tierarzt kein Spion war und dass der Name von seinem Kollegen Wassili auf die Liste geschrieben wurde, weil dieser sich an ihm rächen will. Denn unmittelbar nach der Verhaftung des Tierarztes hinderte er ihn daran, auch die Kinder einer Familie umzubringen, bei der der Arzt kurzzeitig untergetaucht war. Weil Demidow den feigen Mord seines Kollegen an deren Eltern nicht verhindern konnte, fühlt er sich schuldig. Demidow ist halt doch ein Guter. Und selbstverständlich ein guter Polizist. Das bewies er bei der Verfolgung des flüchtigen Arztes und das soll er jetzt bei der Enttarnung seiner Frau als feindliche Agentin beweisen.
Gegenüber seinen Vorgesetzten sagt Demidow am Ende seiner Ermittlungen, dass er keine Beweise für eine Spionagetätigkeit seiner Frau gefunden habe.
Zur Strafe werden beide nach Wualsk versetzt und in ihren Positionen nach unten degradiert. In dieser Industriestadt am Ende der Bahngleise entdeckt Demidow einen weiteren Mord an einem Kind. Jetzt glaubt er, dass Andrejew recht hatte.
Und ihr werdet euch jetzt fragen, warum ich euch so viel von diesem sicher ganz interessantem, aber für die Serienmordgeschichte unwichtigen Plot mit vermeintlichen Agenten und echten Intrigen in der Polizei erzähle.
Nun, weil Tom Rob Smith es genauso macht. Bis zur Buchmitte ist der Serienmörderplot vollkommen unwichtig und auch danach, wenn Demidow und sein neuer Vorgesetzter in Wualsk (der später zu seinem willigen Gehilfen wird) im Geheimen Informationen über die möglichen Kindstötungen zusammen tragen (die natürlich alle fein säuberlich aufgeklärt wurden, indem irgendein Strohmann verurteilt wurde), beschäftigt sich der Roman eher mit den Eheproblemen von Leo Demidow und seiner Frau Raisa, die ihn heiratete, weil sie befürchtete, sonst mit irgendeiner Phantasiebeschuldigung in ein Straflager gesteckt zu werden. Jetzt ist sie in Wualsk, was nicht viel besser ist.
Insgesamt dürfte der Serienmörderplot höchstens ein Fünftel des fünfhundertseitigen Romans ausmachen und es ist, trotz des Motivs des Mörders, das erst im Finale enthüllt wird, der schwache Teil von „Kind 44“.
Die zeitlose, oft ins absurde überhöhte Beschreibung einer totalitären Gesellschaft, in der jeder jedem misstraut und reine Willkür herrscht, ist allerdings gelungen. Denn irgendeine Kontrolle scheint es damals nicht gegeben zu haben. Jeder log und es gab nur eine allumfassende Gewissheit: dass nichts sicher war in diesem auf Lug und Trug aufgebautem Terrorregime.
Seit dem Erscheinen von „Kind 44“ hat Tom Rob Smith mit „Kolyma“ (The Secret Speech, 2009) und „Agent 6“ (Agent 6, 2011) seine Leo-Demidov-Trilogie vollendet und den Einzelroman „Ohne jeden Zweifel“ (The Farm, 2014) veröffentlicht. Alle Romane sind bei Goldmann erhältlich.
Für die am Donnerstag startende Verfilmung boten sich zwei Möglichkeiten an, den Roman gewinnbringend in einen Film zu übertragen: entweder man stärkt den Krimiplot oder man rückt den Konflikt zwischen Leo Demidow und Wassili, der ihn aus reiner Rachsucht vernichten will, in den Mittelpunkt. In jedem Fall müsste dafür die Romangeschichte stark verändert werden. Womit ich kein großes Problem habe. Es wurde sich dann für einen dritten Weg entschieden, der dazu führt, dass im Film andere Fehler gemacht werden, die ich zum Filmstart ausführlicher besprechen werde.

Smith - Kind 44 - Movie-Tie-In - 2Smith - Kind 44 - TB 2

Tom Rob Smith: Kind 44
(übersetzt von Armin Gontermann)
Goldmann, 2015 (Movie Tie-In)
512 Seiten
9,99 Euro

Taschenbuchausgabe
Goldmann, 2010

Deutsche Erstausgabe
Dumont, 2008

Originalausgabe
Child 44
Simon & Schster UK Ltd., 2008

Verfilmung

Kind 44 (Child 44, CZ/GB/RO/USA 2015)
Regie: Daniel Espinosa
Drehbuch: Richard Price
LV: Tom Rob Smith: Child 44, 2008 (Kind 44)
mit Tom Hardy, Gary Oldman, Noomi Rapace, Joel Kinnaman, Paddy Considine, Jason Clarke, Vincent Cassel, Fares Fares, Charles Dance, Josef Altin
Länge: 138 Mnuten
FSK: ab 16 Jahre
Kinostart: 4. Juni 2015

Hinweise

Homepage von Tom Rob Smith

Deutsche Homepage von Tom Rob Smith

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Film-Zeit über „Kind 44“

Moviepilot über „Kind 44“

Metacritic über „Kind 44“

Rotten Tomatoes über „Kind 44“

Wikipedia über „Kind 44“ (deutsch, englisch) und Tom Rob Smith (deutsch, englisch)

Und zwei Interviews mit Tom Rob Smith zu seinem neuesten Roman „Ohne jeden Zweifel“ (The Farm, 2014)

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