Peter Schaar über „Das digitale Wir“

Noch ein Buch über das Internet. Wieder einmal geschrieben von einer Person, die sich in den vergangenen Jahren zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit dazu äußerte. Lohnt sich also die Lektüre von Peter Schaars „Das digitale Wir – Unser Weg in die transparente Gesellschaft“?
Ja! Ein uneingeschränktes Ja.
Peter Schaar, für alle, die die letzten Jahre auf einem anderen Planeten lebten, war von 2003 bis Ende 2013 der über alle Parteigrenzen hinweg respektierte und für sein Thema kämpfende Bundesbeauftrage für Datenschutz und Informationsfreiheit. Seine Nachfolgerin Andrea Voßhoff trat nicht nur in große Fußstapfen, sondern erwies sich bis jetzt als Totalausfall, der jeden Kontakt zur Öffentlichkeit vermeidet. Daran ändern auch ihre letzten Wortmeldungen nichts.
Schaar wurde schon im September 2013 Vorsitzender der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz (EAID) und er ist immer noch ein gefragter, kämpferischer und kompetenter Streiter für den Schutz der Privatsphäre (vulgo Datenschutz) und den Ausbau der Informationsfreiheit (vulgo Transparentes Handeln des Staates und der Verwaltung).
In „Das digitale Wir“ zeichnet er ein breites Panorama der Digitalgesellschaft in all ihren Schattierungen. Dabei setzt er sich zwischen die Stühle „Alarmismus“ (die Welt geht unter, die Kinder werden immer dümmer und sowieso wird alles schlechter) und „grenzenlosem Utopismus“ (wir sind kurz vor dem Paradies und alle wichtigen Probleme der Menschheit werden mit dem Internet gelöst). Der 1954 geborene Peter Schaar gehört zu den „digital immigrants“, die noch eine Welt ohne Computer auf jedem Schreibtisch kennen und die die rasanten Veränderungen der letzten Jahrzehnte hautnah miterlebten. Beruflich beschäftigte er sich dabei immer mit dem Datenschutz und auch damit, wie ein Ausgleich zwischen verschiedenen Interessen geschaffen werden kann.
Diese ausgleichende Position ist auch der große Verdienst von „Das digitale Wir“. Er bietet einen gerafften Rückblick auf die vergangenen Jahrzehnte, wie sich bestimmte Probleme (von Großcomputern zu Bürocomputern zum Internet mit all seinen Vernetzungen) und Positionen veränderten und verziert ihn mit einigen wenigen persönlichen Erlebnissen, wenn er von dem Meinungsumschwung der Grünen (er ist Parteimitglied) oder von Aktionen des Chaos Computer Clubs erzählt.
Dieser Rückblick wird schnell zu einem Panorama des Ist-Zustandes, den er – mit einem besonderen Fokus auf Deutschland – unaufgeregt und ohne Dramatisierungen schildert. Er sieht Chancen und Risiken und er weiß, dass es kein Zurück in die analoge Gesellschaft gibt. Es geht also darum, die transparente Gesellschaft zu verstehen und zu gestalten. Wobei er dieser Gestaltung nur wenige Seiten widmet.
Dabei weist er auch darauf hin, dass die derzeitige digitale Geschafft keines der altbekannten Menschheitsprobleme gelöst hat. Ökonomische Ungleichgewichte haben zugenommen und teilweise werden sie durch die Struktur des Internets noch vergrößert. Kriege, Hunger und Umweltkatastrophen gibt es weiterhin. Die Kontrollbegehrlichkeiten der Regierungen, siehe Vorratsdatenspeicherung und die verschiedenen Überwachungsgesetze, wachsen.
Dennoch glaubt er, dass wir noch eine demokratische, an zivilisatorischen Werten orientierte Informationsgesellschaft erreichen können. Dafür muss vor allem der Wille der Politik, also aller Bürger, an einer Gestaltung dieser Welt vorhanden sein.

Schaar - Das digitale Wir

Peter Schaar: Das digitale Wir – Unser Weg in die transparente Gesellschaft
Edition Körber-Stiftung, 2015
224 Seiten
17 Euro

Hinweise
Homepage der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz
Wikipedia über Peter Schaar

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