Krimineller Rundumschlag mit Toten, Polizisten und einem Privatdetektivinnen-Duo

Machen wir wieder einen kleinen Rundumschlag mit vier Kriminalromanen, die mir alle, auch wenn ich sie gleich mehr oder weniger stark kritisiere, gefallen haben. Außerdem begegnen wir einigen alten Bekannten, deren neue Fälle ohne Kenntnis der vorherigen Romane gelesen werden können und das Privatleben der Ermittler wird angenehm kurz gehalten. .

McIlvanney - Die Suche nach Tony Veitch - 2

Beginnen wir in good old England, der Heimat des Häkelkrimis, die uns schon seit einigen Jahren mit ziemlich düsteren Werken beglückt. Ziemlich am Anfang von diesem Strang, der irgendwann das Label „Tartan Noir“ erhielt, stand William McIlvanney mit seinen drei Laidlaw-Romanen, die schnell für ihre literarischen Qualitäten gerühmt wurden. Aber weil er ungefähr so produktiv wie Filmregisseur Terrence Malick in seinen besten Jahren war, blieb McIlvanney ein Insidertip.
In seinem zweiten Laidlaw-Roman sucht Detective Inspector Jack Laidlaw den Mörder von Eck Adamson, einem obdachlosem Säufer, der auch ein Polizeispitzel war. Laidlaw glaubt, dass jedes Leben zählt und daher auch kein Mörder frei herumlaufen darf. Auch wenn er lange Zeit erfolglos im Nebel herumstochert und er sich fragt, welche Verbindung es zwischen Adamson und Tony Veitch gab. Veitch ist ein aus vermögendem Haus stammender Student, der auch von einigen Gangster gesucht wird, weil sie ihn mit einem Heiratsschwindel (keine Panik, das erfahrt ihr schon auf den ersten Seiten) erpressen wollen.
Während der erste Laidlaw-Roman „Laidlaw“ eine Menschenjagd und ein Wettlauf gegen die Zeit war, ist „Die Suche nach Tony Veitch“ die doch ziemlich zäh erzählte Suche nach einem Mörder und auch nach einem Fall. Denn Laidlaw und sein Kollege Harkness beschäftigen sich mit einem Fall, der nur durch Laidlaws Sturheit, der einfach weiterermittelt, bis er irgendetwas findet, zu einem Fall wird. Deshalb plätschert die Geschichte nach einem flotten Beginn fast bis zum Ende ohne große Überraschungen vor sich hin. Das begeistert dann nicht wirklich, auch wenn der damals als bester Roman für den Edgar nominierte Krimi etliche gelungene und philosophische Betrachtungen über die in Glasgow verschiedenen Schichten und Subkulturen zugehörigen Menschen bietet.
So überzeugt „Die Suche nach Tony Veitch“ vor allem als atmosphärisches Porträt einer Stadt, ihrer Bewohner und einer Zeit, als Menschen nicht ständig erreichbar waren.
Der dritte Laidlaw-Roman „Falsche Treue“ erscheint im Herbst.

William McIlvanney: Die Suche nach Tony Veitch
(übersetzt von Conny Lösch)
Kunstmann, 2015
320 Seiten
19,95 Euro

Originalausgabe
The Papers of Tony Veitch
Hodder & Stoughton, 1983

Die Übersetzung folgt der 2013 bei Canongate Books erschienenen Ausgabe des Romans.

Hinweise

Homepage von William McIlvanney

Wikipedia über William McIlvanney (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von William McIlvanneys „Laidlaw“ (Laidlaw, 1977)

Manotti - Abpfiff - 2
Wo Geld ist, gibt es auch Verbrechen. Diese Binsenweisheit scheint, jedenfalls wenn man sich die Krimis ansieht, in denen Fußball eine Rolle spielt, für den Fußball nicht zu gelten. Denn es gibt erstaunlich wenige Krimis, die sich mit schmutzigen Geschäften im und um das Fußballspiel beschäftigen. Spontan fällt mir nur Friedhelm Werremeiers „Platzverweis für Trimmel“ (1972, überarbeitete Neuausgabe 1985) ein. Zur Fußball-WM in Deutschland gab es auch einige Krimis, in denen Fußball wichtig war und die ich nicht gelesen oder schon vollkommen vergessen habe.
Dabei gibt es im und um ein Fußballstadion alles, was das Herz für eine zünftige Kriminalgeschichte begehrt. Und genau deshalb ist Dominique Manottis neuer Roman „Abpfiff“ (der 1990 spielt und in Frankreich bereits 1998 erschien) eine so gelungene Ausnahme. Bei ihr ist der kurz vor dem Aufstieg stehende Fußballverein ein Teil des Kapitalismus und der Kleinstadtpolitik, in der Vereinsvorstand, Politik und Wirtschaft untrennbar miteinander verflochten sind.
Dabei glaubt Commissaire Daquin (zuletzt „Zügellos“), dass die Spur zum FC Lisle-sur-Seine eine im Nichts verlaufende Spur ist. Denn es ist auf den ersten Blick zu unglaublich, dass der Mord auf offener Straße nicht seinem Kollegen Romero vom Pariser Drogendezernat, sondern Nadine, einer jungen Frau, die mit ihrem Bruder im Stadion des Vereins lebt, galt.

Dominique Manotti: Abpfiff
(übersetzt von Andrea Stephani)
Ariadne Kriminalroman, 2015
240 Seiten
17 Euro

Originalausgabe
Kop
Éditions Payot & Rivages, 1998

Hinweise

Krimi-Couch über Dominique Manotti

Wikipedia über Dominique Manotti (deutsch, französisch) und Bernie Madoff 

Meine Besprechung von Dominique Manottis „Zügellos“ (À nos Chevaux!, 1997)

Meine Besprechung von Dominique Manottis „Ausbruch“ (L’évasion, 2013)

Meine Besprechung von Dominique Manottis „Madoffs Traum“ (La rêve de Madoff, 2013)

Wittkamp - Frettchenland - 2
Da hat Lotte Weiland aber Pech gehabt. Zuerst wird sie im Bundestag fast beim Datendiebstahl erwischt und dann wird sie in einer Damentoilette von einem Mann ermordet. Der nimmt sich dann auch gleich den USB-Stick mit den Daten und sagt seinem Auftraggeber, dem Bundestagsabgeordneten Nils Janssen, dass die Sache erledigt sei. Janssen leitet einen Ausschuss, der die Kosten für den Atomausstieg klären soll und der deshalb von vielen Lobbyisten beehrt wird.
Weil das auf den ersten Seiten von Rainer Wittkamps drittem Roman „Frettchenland“ passiert, ist natürlich mit dem Mord an der polizeilichen Personenschützerin überhaupt nichts erledigt. Kommissar Martin Nettelbeck vom Landeskriminalamt soll den Mörder suchen. Rico Hoyer, der beim LKA in der Abteilung Wirtschaftskriminalität arbeitet und Lottes Freund ist, beginnt ebenfalls, aus ziemlich eigennützigen Motiven, mit der Mörderjagd. Und Lottes Großmutter Luise Weiland kann nicht akzeptieren, dass Lotte tot ist. Zusammen mit Yasser Al-Shaker, ihrem Mädchen für alles, beginnt sie mit der Mörderjagd. Dass sie Geld und gute Beziehungen hat und früher Schützenkönigin war, hilft ihr. Und dann gibt es noch einige Politiker und Mitarbeiter, die die Tote für ihre Karriere benutzen wollen.
Nachdem Wittkamps erster Nettelbeck-Krimi „Schneckenkönig“ ein vielversprechender, wenn auch etwas brav in Richtung TV-Krimi geplotteter Krimi war, geht es dieses Mal in Richtung Ross Thomas und, auch wenn Wittkamp nicht die Qualität von Thomas erreicht, ist „Frettchenland“ ein herrlich illusionsloser und empörungsfreier Polit-Thriller, in dem Kommissar Nettelbeck als Nebenfigur vor allem mit dem Aufsammeln von Unrat beschäftigt ist. Privat geht es ihm dafür gut: er ist mit Philomena zusammengezogen und ihre Kinder verkleinern seine Jazz-LP-Sammlung.
Ach ja: es ist wirklich angenehm, dass ein Jazz-Liebhaber nicht nur die üblichen Verdächtigen (Charlie Parker, Miles Davis, John Coltrane), sondern auch zeitgenössische Jazzer, wie Ray Anderson, Conny Bauer, Trombone Shorty (aktueller geht es kaum) und Joseph Bowie (den er während eines Konzertes mit seiner Band „Defunkt“ entdeckte) hört. Er überlegt sogar, ob ein singender Nils Landgren für ihn hörbar ist.

Rainer Wittkamp: Frettchenland
grafit, 2015
224 Seiten
9,99 Euro

Hinweis

Homepage von Rainer Wittkamp

Meine Besprechung von Rainer Wittkamps „Schneckenkönig“ (2013)

Brack - Die drei Leben des Feng Yun-Fat - 2

Lenina Rabe ist zurück. Ihr letzter Fall „Schneewittchens Sarg“ erschien 2007. Danach schrieb Robert Brack einige historische Kriminalromane, die mir alle gefallen haben und so wirklich habe ich nicht mehr mit einem neuen Rabe-Krimi gerechnet. Dennoch hat Brack es zwischen all seinen anderen Arbeiten geschafft, die ziemlich linke Dame mit „Die drei Leben des Feng Yun-Fat“ in ein neues Abenteuer zu schicken.
Inzwischen hat Lenina Rabe mit Nadine Adler eine Detektei mit Blick auf den Hafen eröffnet. Sie schlagen sich mehr schlecht als recht durch, aber sie sind nicht auf den Mund gefallen, weshalb ein großer Teil des Romans aus Dialogen besteht.
Für Feng Yun-Fat, den Besitzer des China-Restaurants „Hongkong-Drache“ in Hamburg Altona, der gerne ein Nobelrestaurant eröffnen möchte, sollen sie seinen verschwundenen Koch Wang Shuo (der sich manchmal auch Mang Liu nennt) suchen. Was leichter gesagt, als getan ist. Nicht nur wegen der Sprachbarriere.
Robert Brack, der auch einige Romane von Robert B. Parker übersetzte, wildert hier, obwohl „Die drei Leben des Feng Yun-Fat“ in der dritten Person geschrieben ist, stark im Spenser-Territorium. Dialoge treiben die Geschichte voran. Es wird geblödelt und gewitzelt. Gerne gegen das Kapital und den Kapitalismus. Die Geschichte wird eher zur Nebensache, Hamburg als Hamburg ebenso (obwohl viel Hafenflair vorhanden ist) und eigentlich ist der verschwundene Wang Shuo und die von ihm gegründete Vereinigung von chinesischen Köchen, die in Deutschland quasi als Leibeigene leben, der Hauptcharakter. Sie legen sich mit ihren Chefs, der Mafia und dem Staat an.
„Die drei Leben des Feng Yun-Fat“ ist kurzweilige Privatdetektiv-Krimi-Unterhaltung, die auch vegan und vegetarisch Spaß macht. Da kann ruhig vor dem nächsten Jahrzehnt der nächste Lenina-Rabe-Fall erscheinen.

Robert Brack: Die drei Leben des Feng Yun-Fat
Edition Nautilus, 2015
192 Seiten
14,90 Euro

Hinweise

Homepage von Robert Brack

Meine Besprechung von Robert Bracks „Schneewittchens Sarg“ (2007)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Und das Meer gab seine Toten wieder” (2008)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Psychofieber” (1993, Neuausgabe 2008)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Blutsonntag“ (2010)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Unter dem Schatten des Todes“ (2012)

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