Im Verhörzimmer: Rebecca Cantrell, wegen dreier gemeinsamer Delikte mit James Rollins

Rebecca Cantrell

In jedem Schreibratgeber gibt es ein Kapitel, das ausführlich beschreibt, warum Autoren ihre Bücher nicht mit einem anderen Autor zusammen schreiben sollen. Und dann gibt es einige Beispiele, in denen Autoren das tun. Teilweise über viele Jahre und Jahrzehnte. Ich sage nur Ellery Queen (eigentlich Frederick Dannay und Manfred Bennington Lee), Maj Sjöwall/Per Wahlöö, Douglas Preston/Lincoln Child, Nicci French (eigentlich Nicci Gerrard und Sean French) und James Patterson hat die Ko-Autorenschaft zu einem Geschäftsmodell erhoben. Ken Bruen und Jason Starr schrieben zusammen drei Romane und in einem Interview sagte Bruen mir, dass ihm eine Co-Autorenschaft gefalle, weil er dann nur einen halben Roman schreiben müsse.
Die International Thriller Writers veröffentlichten letztes Jahr einen Sammelband mit Kurzgeschichten, die immer von zwei Thriller-Autoren geschrieben waren. Einer von ihnen war James Rollins, der dafür zusammen mit Steve Berry eine Kurzgeschichte schrieb. Aber eine Kurzgeschichte umfasst nur wenige Seiten. Ein Roman schon mehr. Eine Trilogie noch mehr und eine Abenteuerthriller-Trilogie schafft es leicht auf gut zweitausend Seiten. Ungefähr so viele Seiten schrieb James Rollins mit Rebecca Cantrell, die derzeit in Berlin lebt und unter ihrem Namen schon einige Bücher veröffentlichte. Aber dazu später mehr.
Wenden wir uns erst ihren zusammen mit James Rollins geschriebenen Romanen „Das Evangelium des Blutes“ (The Blood Gospel, 2012), „Das Blut des Verräters“. (Innocent Blood – The Blood Gospel 02, 2014; deutsche Ausgabe erscheint Ende Juli) und „Blood Infernal“ (2015) zu.
In ihnen kämpfen die Archäologin Erin Granger, der US-Soldat Jordan Stone und Pater Rhun Korza, ein Sanguinarier (ein Vampir, der wegen seines Glaubens auf die übliche Vampirnahrung verzichtet), gegen dunkle Mächte, die in „Das Evangelium des Blutes“ das von Jesus Christus mit seinem Blut geschriebene und deshalb besonders mächtige Evangelium wollen. In den falschen Händen kann seine Macht für schlimme Dinge benutzt werden. In „Das Blut des Verräters“ geht es um die Seele eines Kindes und die drohende Apokalypse.
Vor der Apokalypse wurde Frau Cantrell ins Verhörzimmer gebeten.

Was war die Grundidee für „Das Evangelium des Blutes“ und die beiden Folgeromane?

James Rollins sah im Los Angeles County Museum of Art Rembrandts Gemälde „Auferweckung des Lazarus“. Das atmosphärische Bild hat einen beunruhigenden Subtext – mit Ausdrücken von Furcht in den Gesichtern der Zuschauer und von Lazarus‘ Lippen tropfender Wein oder Blut. Da hatte er die Idee, das katholischen Ritual, bei dem während der Messe das Blut von Jesus Christus getrunken wird, mit einem anderen Ritual zu verbinden, in dem dieses heilige Blut verwenden wird, um Vampire vor der Verdammnis zu retten. Ausgehend von dieser Prämisse arbeiteten wir zusammen beim Erschaffen der Charaktere und der Welt in der sie Leben. Für „Innocent Blood“ und „Blood Infernal“ hatten wir einige Ideen, die auf dem basierten, was wir in „The Blood Gospel“ erschaffen hatten. Aber die Bücher entstanden ziemlich natürlich nacheinander.

In der „Blood Gospel“-Trilogie haben Sie eine reichhaltige Mythologie entworfen, die aus der Geschichte und dem Horrorgenre schöpft. Wie entwickelten Sie diese Welt?

Nachdem wir mit unseren Recherchen über die wahren Hintergründe der Geschichten aus der Bibel und Vampirlegenden begannen hatten, war es erstaunlich, wie viele historische Fakten perfekt in unsere Geschichten passten. Von der Auferstehung von Lazarus über die katholische Tradition, das Fleisch von Jesus zu essen und sein Blut zu trinken bis zur Verwendung von Silber in geweihten Gegenständen.
Am Ende schrieben wir ein Handbuch, das die Regeln unserer Welt festlegte. Von einer Biographie für die Charaktere und einer Chronik wichtiger Ereignisse, bis zum Umgang der verschiedenen Kreaturen miteinander. Darin steht, zum Beispiel, wie ein Blasphemare erschaffen wird (ein Tier, das zum Gefährten eines Strigoi [eines nicht-katholischen Vampirs] wird, indem es über eine lange Zeit mit dem Blut des Strigoi gefüttert wird) und die verschiedenen Regeln unserer Welt (Wie wirkt Silber? Wie wirkt sich geweihte Erde auf Sanguinarier und Strigoi aus?) festlegt.
In jedem Buch versuchten wir, unsere Welt widerspruchsfrei zu zeichnen und sie gleichzeitig zu erweitern, indem wir unseren Lesern neue Dimensionen zeigen und sie mit neuen Elementen überraschen. Es war ein großer Spaß!

Die Romane entstanden zusammen mit dem auch in Deutschalnd bekannten Thriller-Autor James Rollins. Wie verläuft die Zusammenarbeit mit ihm?

James hatte die ursprüngliche Idee, eine erste Zusammenfassung und Informationen über die Charaktere. Ab da arbeiteten wir sehr eng zusammen beim Ausformulieren der Charaktere, dem Erschaffen einer reichhaltigeren Welt und beim Vertiefen oder Verändern der Geschichte.
Montags unterhielten wir uns über Skype über die Seiten, die wir vorherige Woche geschrieben hatten, und wir besprachen alle neuen Ideen, die wir für unsere Outline hatten. Es ist rückblickend schwer zu sagen, wer welche Idee hatte, weil wir sie so miteinander oft besprachen.
Am Anfang entschieden wir uns, nachdem wir eine Szene in verschiedenen Stilen geschrieben hatten, für einen gemeinsamen Schreibstil. Danach versuchten wir, in diesem Stil zu Schreiben und die von dem anderen geschriebenen Seiten hin zu diesem Stil zu überarbeiten.
Die Bücher entstanden über eine längere Zeit und durch tausend Gespräche (einmal pro Woche über drei Jahre – das WAREN wirklich tausend Gespräche – Wow!) über die Charaktere und Plot Points und Orte, die sich bis zur letzten Sekunde änderten.

Was sind für Sie die größten Unterschiede zwischen einer Zusammenarbeit mit einem anderen Autor (in einem Interview sagte Sie, dass sie sich weitere Bücher mit James Rollins vorstellen können) und der Solo-Arbeit?

Es macht viel Spaß, mit einem anderen Autor zusammemen zu arbeiten. James und ich tendieren dazu, an verschiedenen Punkten hängen zu bleiben. Wenn ich also fest steckte, konnte ich die Seiten ihm geben. Er konnte dann meine Probleme lösen und auch die Geschichte weiterschreiben. Es war, als würde ich mit einer magischen Elf schreiben – er löste Probleme oder beendete Szenen über Nacht (wegen dem Zeitunterschied) und ich hatte überarbeitete und fehlerfreie Seiten, wenn ich am Morgen aufwachte. Manchmal war auch ich die Elfe. Und zwei Köpfe anstatt einem Kopf ließen uns Dinge schneller erfinden und wir konnten die Geschichten in Richtungen verändern, die wir nicht ausprobiert hätten, wenn wir alleine gearbeitet hätten.
Wenn unsere Termine es zulassen, was keine einfache Aufgabe ist, werden wir sicher wieder an weiteren Sanguinarier-Büchern oder etwas anderem zusammen arbeiten.

Können Sie uns noch etwas über ihre anderen beiden Serien verraten? Und ob Übersetzungen geplant sind?

Die ersten Bücher, die ich veröffentlichte, erzählen die Abenteuer einer Kriminalreporterin, die Spionin wurde. Sie heißt Hannah Vogel und lebt im Berlin der 1930er lebt. Viele ihrer Abenteuer erlebt sie Orten, die in der Nähe von meinem Apartment in Berlin Mitte sind. Bis jetzt besteht die Serie aus vier Romanen: „A Trace of Smoke“ (spielt 1931), „A Night of Long Knives“ (spielt 1934), „A Game of Lies“ (spielt 1936) und „A City of Broken Glass“ (spelt 1938). Mein Verleger veröffentlichte gerade einen Sammelband, der alle vier Romane enthält und „A Time of Night and Fog“ heißt. Diese Bücher haben verschiedene Preise gewonnen (Macavity, Bruce Alexander) und waren für andere nominiert (Mary Higgins Clark, RT Best Historical, Barry). Sie wurden auch in verschiedene andere Sprachen übersetzt, aber bis jetzt gibt es keine Übersetzung ins Deutsche. Aber man weiß ja nie!
Meine zweite Serie erzählt die Abenteuer eines Software-Multimillionärs, der wegen seiner Platzangst in den Tunneln von New York City lebt. Bis jetzt gibt es drei Romane mit Joe Tesla: „The World Beneath“, „The Tesla Legacy“ und „The Chemistry of Death“. Auch diese Romane haben Preise gewonnen, wie den International Thriller Writers Best Thriller Award. Auch sie wurden übersetzt, aber, wieder, bis jetzt nicht ins Deutsche.

Welche fünf Bücher empfehlen Sie für den Sommerurlaub?

Der Marsianer (The Martian) von Andy Weir. Ein kurzweiliges und komisches Buch über einen Astronauten, der alleine auf dem Mars gestrandet ist. (Anmerkung: Die Verfilmung von Ridley Scott mit Matt Damon in der Hauptrolle startet bei uns am 8. Oktober.)

Das Licht der letzten Tage (Station Eleven, deutsche Ausgabe erscheint am 15. September 2015) von Emily St. John Mandel. Ein lyrischer und aufrüttelnder Blick auf das Leben in den Vereinigten Staaten, nachdem neunzig Prozent der Bevölkerung durch eine Krankheit vernichtet wurden.

Post von Sean Black. Ein kaum futuristischer Roman über einen Mann, der durch verschiedene Implantate vom Militär zum Supersoldaten wurde und der versucht, seine Menschlichkeit zu behalten.

Die Gehilfin des Bienenzüchters (The Beekeeper’s Apprentice) von Laurie King. Eine junge Frau trifft in England im Moor einen alten Imker, der sie seine Arbeit lehrt. Aber er ist nicht nur ein Bienenzüchter. Er ist auch Sherlock Holmes.

Global Hack (Future Crimes, deutsche Ausgabe erscheint am 28. September 2015) von Marc Goodman. Das ist ein Sachbuch über Cybercrime auf der ganzen Welt, was gerade geschieht und was geschehen wird. Es ist in dieser Liste das mit Abstand erschreckenste Buch!

Rollins - Cantrell - Das Evangelium des Blutes - 2Rollins - Cantrell - Das Blut des Verräters - 2
James Rollins/Rebecca Cantrell: Das Evangelium des Blutes
(übersetzt von Norbert Stöbe)
Blanvalet, 2014
672 Seiten
9,99 Euro

Originalausgabe
The Blood Gospel
William Morrow, 2012

James Rollins/Rebecca Cantrell: Das Blut des Verräters
(übersetzt von Norbert Stöbe)
Blanvalet, 2015
608 Seiten
9,99 Euro
(erscheint am 20. Juli)

Originalausgabe
Innocent Blood (The Blood Gospel 02)
William Morrow, New York 2014

Hinweise

Homepage von James Rollins

Homepage von Rebecca Cantrell

Meine Besprechung von James Rollins’ „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ (Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull, 2008)

Meine Besprechung von James Rollins/Rebecca Cantrells „Das Evangelium des Blutes“ ( The Blood Gospel, 2013)

Excuse Me, I’m Writing: Interview mit James Rollins und Rebecca Cantrell über „Das Evangelium des Blutes“ (Januar 2013)

The Big Thrill: Interview mit James Rollins und Rebecca Cantrell zu „Blood Infernal“ (Januar 2015)

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