DVD-Kritik: Wunderschön, „Die Wolken von Sils Maria“

August 31, 2015

Zum Kinostart kurz vor Weihnachten schrieb ich schamlos begeistert über Olivier Assayas‘ neuen Film „Die Wolken von Sils Maria“:

Der Film erzählt von einer Schauspielerin, die eine Theaterrolle annimmt, die Rolle einstudiert und schließlich die Premiere feiert.
Das klingt jetzt nicht furchtbar spannend, aber „Die Wolken von Sils Maria“ ist von Olivier Assayas inszeniert, der zuletzt mit „Carlos – Der Schakal“ und „Die wilde Zeit“ überzeugte, und mit Juliette Binoche und Kristen Stewart in den Hauptrollen und Chloë Grace Moretz in einer wichtigen Nebenrolle ist der Film auch namhaft besetzt. Und Assayas nutzt den Plot zu einer vielschichtigen Betrachtung über das Wesen des Künstlers, die verschwimmenden Grenzen zwischen Wirklichkeit und Rolle und die Unterschiede zwischen Hoch- und Trivialkultur, garniert mit Ausschnitten aus Arnold Fancks Stummfilmfragment „Das Wolkenphänomen von Maloja“ und dieser Malojaschlange, einem Wolkenphänomen, bei dem Wolken sich tagsüber in das Tal bewegen. Dabei ist sein Film zwar anspruchsvoll, intellektuell herausfordernd und kompromisslos. Er verfolgt seine Vision und nimmt dabei keine Rücksicht auf seine Zuschauer. Aber gleichzeitig ist er ungeheuer verspielt, kurzweilig, voller schöner Betrachtungen, eklektisch und niemals zerfassernd, sondern auch lustvoll Umwege nehmend, wie man bei einem Spaziergang auch mal einen kleinen Abstecher macht, ehe man wieder auf den Weg zurückkehrt und immer etwas interessantes entdeckte. Und wenn es nur die Aussicht in ein Bergtal ist.
Im Mittelpunkt stehen die Textproben der von Juliette Binoche gespielten Maria Enders. Sie hatte vor zwanzig Jahren, im Theater, ihren Durchbruch als verführerische junge Sigrid, die ihre Vorgesetzte Helena in Gefühlswirren stürzt und in den Selbstmord treibt.
Wilhelm Melchior, der Autor des Stückes, wurde während der Proben und danach in jeder Hinsicht ihr Mentor.
Kurz vor einer Ehrung für sein Lebenswerk, bei der sie eine Rede halten sollte, erfährt sie, dass er gestorben ist. Gleichzeitig wird ihr die Hauptrolle in einer Neuinszenierung des Stückes angeboten. Der junge, von der Kritik abgefeierte Regisseur will sie unbedingt haben. Aber jetzt soll sie nicht Sigrid, mit der sie sich identifizierte, sondern Helena, ihre Antagonistin, die Böse, spielen.
Zögernd nimmt sie die Rolle an, quartiert sich in der Berghütte von Melchior in Sils Maria ein und beginnt mit ihrer persönlichen Assistentin Valentine (Kristen Stewart) die Rolle zu proben. Dabei übernimmt Valentine die Rolle der Jüngeren – und bei den Proben ist oft nicht erkennbar, wann der Text des Stückes übergeht in persönliche Bekenntnisse und wann persönliche Bekenntnisse von dem Stück überlagert werden.
Später lernt Enders auch Jo-Ann Ellis (Chloë Grace Moretz) kennen, die Sigrid spielen soll. Sie ist ein junger Hollywoodstar, die mit einer Rolle in einem Superheldenfilm berühmt wurde, jetzt souverän mit ihren Skandalen auf der Klaviatur der Facebook- und Twitter-Öffentlichkeit spielt und mit einer prestigeträchtigen Theaterrolle den nächsten Schritt in ihrer Karriere machen würde.
Dieses Spiel zwischen Rolle und Schauspielerpersönlichkeit gewinnt durch die Besetzung natürlich zusätzliche Facetten und wird dadurch ein schönes Spiel zwischen den verschiedenen Ebenen, zwischen Selbsterkenntnissen, Einblicken in die Welt der Schauspielerinnen und schönen Lügen, die wahrer als das wahre Leben sind. Immerhin trifft hier ein europäischer Altstar auf zwei Hollywood-Jungstars, die auch in Superheldenfilmen mitspielen – und wenn es keine Theaterrolle gibt, ist natürlich eine Rolle in einem europäischen Kunstfilm auch nicht zu verachten.
Ein Punkt störte mich allerdings bei „Die Wolken von Sils Maria“. Olivier Assayas verjüngte Juliette Binoche um mindestens zehn Jahre. Denn als sie, im Film, vor zwanzig Jahren ihren Durchbruch hatte, war sie eine Achtzehnjährige; was sie im Film zu einer knapp Vierzigjährigen machen würde, während ich mich immer wieder fragte, warum sie keine Fünfzigjährige spielen darf. Das hätte ihren inneren Konflikt noch glaubwürdiger gemacht.
Das ändert aber nichts daran, dass „Die Wolken von Sils Maria“ die europäische Version des ebenfalls grandiosen „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“, der am 29. Januar bei uns anläuft, ist. Man sollte sich unbedingt beide Filme ansehen. Vielleicht sogar hintereinander und dann vergleichen.

Seitdem hat „Birdman“ den Oscar als bester Film bekommen und Kristin Stewart trat neben Julianne Moore (die für ihre Rolle den Oscar erhielt) in dem Alzheimer-Drama „Still Alice“ auf.
Stewart und Juliette Binoche erhielten für ihr Spiel in „Die Wolken von Sils Maria“ jeweils einen César. Ein dritter César ging an Oliver Assayas‘ Drehbuch.
Stewart soll auch in Assayas‘ nächstem Film „Personal Chopper“ auftreten, der nächstes Jahr in die Kinos kommen soll.
Das Bonusmaterial besteht nur aus einem zwölfminütigem Interview mit Olivier Assayas, das aber gewohnt informativ ausgefallen ist.

Die Wolken von Sils Maria - DVD-Cover

Die Wolken von Sils Maria (Clouds over Sils Maria, Deutschland/Frankreich/Schweiz 2014)
Regie: Olivier Assayas
Drehbuch: Olivier Assayas
mit Juliette Binoche, Kristen Stewart, Chloë Grace Moretz, Lars Eidinger, Hanns Zischler, Angela Winkler, Nora von Waldstätten, Aljoscha Stadelmann

DVD
NFP marketing & distribution/EuroVideo
Bild: 2,35:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Originalfassung (Englisch mit Passagen in Deutsch und Französisch)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Interview mit Olivier Assayas, Trailer, Hörfilmfassung
Länge: 118 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Die Wolken von Sils Maria“
Moviepilot über „Die Wolken von Sils Maria“
Metacritic über „Die Wolken von Sils Maria“
Rotten Tomatoes über „Die Wolken von Sils Maria“
Allociné über „Die Wolken von Sils Maria“
Wikipedia über „Die Wolken von Sils Maria“ (englisch, französisch)

Meine Besprechung von Olivier Assayas’ „Carlos – Der Schakal“ (Kinofassung)

Meine Besprechung von Olivier Assayas’ „Carlos – Der Schakal“ (Director’s Cut – bzw. die dreiteilige TV-Fassung)

Meine Besprechung von Olvier Assayas’ “Die wilde Zeit” (Après Mai, Frankreich 2012) (und der DVD)

Meine Besprechung von Olivier Assayas‘ „Die Wolken von Sils Maria“ (Clouds over Sils Maria, Deutschland/Frankreich/Schweiz 2014) (mit Pressekonferenzen)

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TV-Tipp für den 31. August: Schwaches Alibi

August 31, 2015

Arte, 20.15
Schwaches Alibi (USA 1954, Regie: Jerry Hopper)
Drehbuch: Lawrence Roman
LV: J. Robert Bren/Gladys Atwater: Cry Copper
Polizeichef Joe Conroy glaubt, dass ein braver Familienvater und Bäcker, nachdem die Polizei ihn unsanft behandelte, zum Polizistenmörder wurde. Conroy hat zwar keine Beweise, aber dennoch verfolgt er ihn. Auch nachdem er entlassen wurde.
Selten gezeigter Noir
mit Sterling Hayden, Gloria Grahame, Gene Barry, Marcia Henderson, Casey Adams, Billy Chapin, Chuck Connors
Wiederholung: Freitag, 4. September, 14.00 Uhr
Hinweise
TCM über „Schwaches Alibi“
Wikipedia über „Schwaches Alibi“
Noir of the Week über „Schwaches Alibi“
FilmNoir.net über „Schwaches Alibi“
The Film Noir File über „Schwaches Alibi“


Neu im Kino/Filmkritik: „Frank“, das Genie unter der Maske

August 30, 2015

Dass „Frank“ es doch noch in unseren Kinos gezeigt wird (wobei der DVD-Start schon für den 30. Oktober angekündigt ist), ist schon eine kleine, freudige Überraschung. Immerhin hatte der Musikfilm bereits im Januar 2014 seine Premiere auf dem Sundance-Festival. In England startete er am 9. Mai 2014. Die schrullige Komödie wurde allgemein abgefeiert und erhielt einige Preise. Aber von einer deutschen Veröffentlichung war nichts zu hören. Bis jetzt. Dabei sollte doch allein schon der Hinweis, dass Everbody’s Darling Michael Fassbender die Hauptrolle spielt, für Interesse sorgen.
Fassbender spielt Frank, einen genialen, aber auch seltsamen Musiker. Sein Gesicht verbirgt er hinter einem riesigen Pappmaché-Kopf, auf dem ein immer leicht erstaunt wirkendes, kindlich naives Gesicht gemalt ist und die von ihm geleitete Band „Soronprfbs“ ist zwar unter Alternative-Fans beliebt, aber kommerziell vollkommen erfolglos. Außerdem hat die Band genialer Dilletanten ein ständiges Keyboarder-Problem. Der letzte wurde nach einem erfolglosen Suizid-Versuch ins Krankenhaus eingeliefert.
Jon (Domhnall Gleeson), ein introvertierter Möchtegern-Musiker, der seine banalen Alltagsbeobachtungen mit Keyboardklängen abschmeckt, wird als Ersatz-Keyboarder angeheuert. Frank ist von ihm begeistert. Er lädt ihn zu einer Aufnahmesession ein, die nicht, wie Jon erwartet, im Studio um die Ecke an einem Nachmittag, sondern in einer einsam an einem irischen See gelegenen Hütte ist und die achtzehn Monate dauert, in der die Band, die aus merkwürdigen Gestalten und fragilen Beziehungen besteht, dank der ungefragten Social-Media-Arbeit von Jon zu einem Auftritt bei dem Indie-Festival „South by Southwest“ in Austin, Texas führt, was den Durchburch bedeuten könnte.
„Frank“ spielt zwar in der Gegenwart, aber die Musik und die Anspielungen kommen dann doch aus der Vergangenheit. Der Film basiert nämlich sehr lose auf einer Reportage von Jon Ronson, die er und Peter Straughan stark bearbeiteten. Wie schon bei ihrer Bearbeitung von Ronsons Sachbuch „Männer, die auf Ziegen starren“. Denn Ronsons Reportage „Oh Blimey“ ist über Frank Sidebottom, ein von dem verstorbenen Komiker Chris Sievey 1984 erfundener Kunstcharakter, dessen wahre Identität zunächst unbekannt war. Frank Sidebottom tourte Ende der Achtziger und in den Neunzigern durch England, hatte zahlreiche Fernsehauftritte und es gab einen Comicstrip mit ihm. Eine Zeit lang spielte Ronson in Sidebottoms Band Keyboard.
Dieser Charakter, bzw. die Idee eines genialen Musiker, der immer mit einem Pappmaché-Kopf auftritt und einer ihn bewundernden Band, wurde dann in die Gegenwart transferiert und eine neue Geschichte erfunden, bei der das Wissen um die Ursprünge eher stört. Denn „Frank“ ist kein Biopic und von ‚wahren Ereignissen‘ ist er auch nicht inspiriert. Dafür sind die Änderungen dann zu groß.
Trotzdem wirkt Lenny Abrahamsons Film immer wie ein aus der Zeit gefallener Bastard, bei dem die modernen Elemente eher stören. Denn Franks Musik, die absurde Heldenvereherung seiner Mitmusiker für ihn und seine Suche nach dem perfekten Ton als Teil der nur in seinem Kopf vorhandenen depressiven Symphonie und die monatelange Aufnahmesession in einer einsam gelegenen Hütte atmen in jeder Sekunde den depressiven Geist der achtziger Jahre, inclusive dem vom Punk kommenden Hang zum Dilletantismus und einen unbedingten Experimentierwillen.
So nennen die Macher den manisch-depressiven Singer/Songwriter Daniel Johnston, der seit den frühen Achtzigern Platten veröffentlicht, und Captain Beefheart, ein Frank-Zappa-Mitmusiker, der in den frühen Siebzigern seine großen Erfolge hatte (wobei er über Kultstatus nie hinauskam), als Inspiration für ihre Musik.
Sie hätten auch die Residents nennen können. Die bereits 1969 gegründete Band wurde mit seltsamen Cover-Versionen und Aktionen zwischen Musik und Kunst bekannt (naja, ebenfalls primär Kultstatus). Die Musiker halten ihre Identität immer noch geheim und sie treten immer maskiert auf.
Jons deprimierend eintönige, mit spartanischen Keyboarklängen zu Songs verarbeitete Alltagsbeobachtungen erinnern dann an Depeche Mode, eine 1980 gegründete Synthie-Pop-Band, die lange Zeit auf Gitarren verzichtete.
Trotzdem ist „Frank“ ein herrlich schrulliger Film mit einem liebevollen Blick auf gesellschaftliche Außenseiter, die sich in einer Band einen eigenen, gut funktionierenden Schutzraum geschaffen haben.

Frank - Plakat

Frank (Frank, Irland/Großbritannien 2014)
Regie: Lenny Abrahamson
Drehbuch: Jon Ronson, Peter Straughan
LV: Jon Ronson: Oh Blimey! (Reportage, The Guardian, 2006)
mit Michael Fassbender, Domhnall Gleeson, Maggie Gyllenhaal, Scott McNairy, Francois Civil, Carla Azar
Länge: 95 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Deutsche Facebook-Seite zum Film
Film-Zeit über „Frank“
Moviepilot über „Frank“
Metacritic über „Frank“
Rotten Tomatoes über „Frank“
Wikipedia über „Frank“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jon Ronsons “Männer, die auf Ziegen starren” (The men who stare at Goats, 2004)

Meine Besprechung von Jon Ronsons “Die Psychopathen sind unter uns – Eine Reise zu den Schaltstellen der Macht” (The Psychopath Test – A Journey through the Madness Industry, 2011)


Neu im Kino/Filmkritik: „Straight Outta Compton“ in die Charts

August 30, 2015

In „Straight Outta Compton“ erzählt F. Gary Gray („Friday“ [mit Ice Cube], „Set It Off“, „Verhandlungssache“, „The Italian Job“) die Geschichte der Rap-Band „N. W. A.“ von ihren Anfängen Mitte der Achtziger bis zum Tod von Eazy-E am 26. März 1995 durch AIDS, kurz vor einer geplanten Reunion der 1991 aufgelösten Band, in einer mitreisenden Mischung aus Einblicken in das Leben in Compton, der Dynamik innerhalb der Band, ihren Konflikten mit dem Gesetz und dem großen Erfolg mit Songs wie „Fuck tha Police“, die auch live dargeboten werden. Jedenfalls solange, bis dank der Polizei das Konzert im Chaos mündet.
Das ist gut gemacht, kurzweilig und ein Teil der afroamerikanischen Geschichtsschreibung, der in den USA an der Kinokasse überraschend erfolgreich ist. Es ist allerdings auch ein Film, der von den Bandmitgliedern mitproduziert wurde und sie und ihre Angehörigen halfen in jeder Beziehung tatkräftig mit. Daher sollte man auch keinen übermäßig kritischen Blick auf „N. W. A.“, ihre Bedeutung und ihr Erbe erwarten. Es ist auch keine Auseinandersetzung darüber, wie sehr der Gangsta Rap, der letztendlich von „N. W. A.“ erfunden wurde und zu einem der populärsten HipHop-Stile wurde, wirklich authentische Botschaften aus dem Ghetto vermittelte. Es wird auch nicht auf die Ironie eingegangen, dass die Mitglieder von „N. W. A.“, – „Eazy-E“ Eric Wright, „Dr. Dre“ Andre Romell Young, „Ice Cube“ O’Shea Jackson, „DJ Yella“ Antoine Carraby und „MC Ren“ Lorenzo Patterson -, zwar mit Songs über den Alltag in Compton bekannt werden, aber sie schnell vor einem weißen Publikum sangen und dass ihre Texte zwar vom Leben in Compton erzählten, sie aber nie – wie „Public Enemy“ – einen sozialkritischen und politischen Blick auf die Realität in den USA hatten und sie daher auch nie verändern wollten. Sie wollten Geld verdienen – und das taten die Niggaz wit Attidudes als Musterknaben des Kapitalismus. Das wird schon in den ersten Minuten deutlich. Die Jungs, die oft gerade alt genug sind, um Auto zu fahren, wollen nur Musik machen und sind von dem gesamten Gangwesen in ihrem Viertel gänzlich unbeeindruckt, moralisch integer und gewaltfrei. Erst als sie Erfolg haben und durch die USA durch die Stadien touren, gibt es Drogenmissbrauch, Schlägereien und Streitereien. Vor allem mit ihrem Manager Jerry Heller (Paul Giamatti, gewohnt grandios) und um das liebe Geld.
Diesen kritischen Diskurs über ihre Musik und ihr Wirken muss man in anderen Medien, in Dokumentarfilmen, in Büchern, in Artikeln, suchen. Dort kann man sich auch in die Geschichte des HipHop vertiefen.
In dem Film gibt es ein fulminantes zweieinhalbstündiges HipHop-Feuerwerk, das einen auch daran erinnert, wie wichtig diese Musik damals war.

Straight Outta Compton - Plakat

Straight Outta Compton (Straight Outta Compton, USA 2015)
Regie: F. Gary Gray
Drehbuch: Jonathan Herman, Andrea Berloff
mit Corey Hawkins, Jason Mitchell, Paul Giamatti, O’Shea Jackson Jr., Neil Brown Jr., Aldis Hodge, R. Marcos Taylor, Tate Ellington, Carra Patterson, Marlon Yates Jr., Keit Powers
Länge: 147 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Facebook-Seite zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Straight Outta Compton“
Moviepilot über „Straight Outta Compton“
Metacritic über „Straight Outta Compton“
Rotten Tomatoes über „Straight Outta Compton“
Wikipedia über „Straight Outta Compton“ (deutsch, englisch) und N. W. A. (deutsch, englisch)
AllMusic über N. W. A.

Zwei Fragerunden mit Cast und Crew

DP/30 unterhält sich mit F. Gary Gray über den Film und sein Leben


TV-Tipp für den 30. August: Casablanca

August 30, 2015

Arte, 20.15

Casablanca (USA 1942, Regie: Michael Curtiz)

Drehbuch: Julius J. Epstein, Philip G. Epstein, Howard Koch

LV: Murray Burnett, Joan Alison: Everybody comes to Rick’s (Theaterstück)

Gerade hat sich Rick in Casablanca eingerichtet, als seine alte Liebe auf der Flucht vor den Nazis bei ihm auftaucht.

Casablanca ist das Kernstück des Bogart-Kults und ein Pflichttermin für Cineasten.

Mit Humphrey Bogart, Ingrid Bergman, Paul Henreid, Claude Rains, Conradt Veidt, Sydney Greenstreet, Peter Lorre, Curt Bois

Wiederholung: Montag, 31. August, 13.55 Uhr (VPS 14.00 Uhr)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Casablanca“

Turner Classic Movies über „Casablanca“

Wikipedia über „Casablanca“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 29. August: Die innere Sicherheit

August 29, 2015

Nach „Jerichow“ (um 23.05 Uhr)

RBB, 00.30

Die innere Sicherheit (Deutschland 2000, Regie: Christian Petzold)

Drehbuch: Christian Petzold, Harun Farocki

Die 15-jährige Jeanne ist mit ihren Eltern ständig auf der Flucht. Denn diese sind gesuchte, ehemalige RAF-Terroristen. Jetzt müssen sie wegen Geldproblemen zurück nach Deutschland. Die alten Freunde sollen ihnen aus der finanziellen Misere helfen. Und Jeanne ist erstmals wirklich verliebt.

Mit dem genau beobachteten, die deutsche Wirklichkeit sezierenden Drama über vergangene Schuld, das Erwachsenwerden und Verpflichtungen hatte Christian Petzold seinen Durchbruch bei den Kritikern und dem Publikum (über 100.000 Zuschauer). Stellvertretend für die zahlreichen euphorischen Besprechungen: „bester deutscher Film des Jahres“ (Michael Althen, SZ, 31. Januar 2001)

Mit Julia Hummer, Barbara Auer, Richy Müller, Günther Maria Halmer

Hinweis

M Means Movie: Interview mit Christian Petzold (2001)

Wikipedia über „Die innere Sicherheit“

Meine Besprechung von Christian Petzolds “Phoenix” (Deutschland 2014)

Christian Petzold in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Das Märchen der Märchen“ ist nichts für Kinder

August 28, 2015

Heute sind Märchen Kindergeschichten. Gute-Nacht-Geschichten, die nachmittags im Fernsehen gezeigt werden und deren Ursprung, nämlich eine Erzählung für Erwachsene zu sein, heute kaum noch feststellbar ist.
Matteo Garrone, der das realistische Gangsterepos „Gomorrah“ inszenierte, drehte jetzt mit „Das Märchen der Märchen“ einen Film, der garantiert nicht für Kinder geeignet ist. Auch wenn die FSK ihn ab 12 Jahre freigegeben hat, richtet sich dieser Märchenfilm an ein erwachsenes Publikum, das die Anspielungen und Märchenmotive, die hier vom Kopf wieder auf die Füße gestellt werden, gerne wieder erkennt. Inspiriert ist der Film von Giambattista Basiles Geschichtensammlung „Il Racconto dei Racconti“ („Das Märchen der Märchen“ bzw. „Das Pentameron“). Basile sammelte – wie wir es von Giovanni Boccaccios „Das Dekameron“ (Decamerone, das zwischen 1349 und 1353 geschrieben wurde), einer Sammlung von hundert Novellen, kennen – fünfzig Märchen, die er in eine Rahmenhandlung, in der sich eine Gruppe von Menschen in fünf Tagen 49 Geschichten erzählte, einbettete. „Il Racconto dei Racconti“ erschien 1634/1636 und ist eines der großen Märchenbücher, das, weil es im neapolitanischen Dialekt geschrieben ist, lange unbekannt blieb und später von den Brüdern Grimm als Grundlage für ihre Märchensammlung genommen wurde.
Garrone wählte für seinen Film „Das Märchen der Märchen“ drei Geschichten aus, über deren Anfang und Ende gestritten werden kann. Er erzählt von einer Königin (Salma Hayek), die alles tun würde, um einen Sohn zu gebären. Dafür schickt sie ihren Mann in den Tod. Und nach der Geburt – gleichzeitig gebar eine Dienstmagd einen identischen Zwilling – ist die Geschichte noch nicht vorbei. In der zweiten Geschichte verliebt der König von Strongcliff (Vincent Cassel) sich in eine liebreizende Frau, die bis jetzt seinem Sextrieb entgehen konnten. Was er nicht ahnt, ist, dass sie, die sich seinen Avancen entzieht und ihr Gesicht verbirgt, nicht jung und schön, sondern alt und hässlich ist. Und dabei kriegt der König, wenn er bei einer Frau auch nur eine Falte sieht, Panickattacken. In der dritten Geschichte sucht der König von Highhills (Toby Jones) mit einem Ratespiel einen Gemahl für seine Tochter Violet (Bebe Cave). Der künftige Bräutigam ist ein riesiger, ungeschlachteter Unhold, der sie auch gleich über seine Schulter wirft und in seine Höhle verschleppt.
Diese in verschiedenen, aber benachbarten Königreichen spielenden Hauptgeschichten ergänzt Garrone um viele kürzere Episoden und er erzählt sie nicht hintereinander (obwohl ich seine solche Schnitffassung gerne sehen würde), sondern parallel und auch eher distanziert, was dem Film ein schleppendes Tempo verleiht und mit zunehmender Laufzeit bemerkt man, dass der Film primär eine Sammlung von nur lose miteinander verbundenen Episoden ist. Weshalb einige Charaktere plötzlich aus dem Film verschwinden und andere Charaktere, die für den gesamten Film letztendlich eine große Bedeutung haben, wie die Königstochter Violet, erst sehr spät auftauchen. Es gibt nicht, wie bei anderen Ensemblefilmen, einen den gesamten Film tragenden Charakter. Eher schon betrachtet man alle Personen gleich distanziert. Es gibt ein eigentümliches Missverhältnis zwischen Nebencharakteren, deren Gefühle man versteht und die manchmal nur ein, zwei Szenen oder eine große, äußerst berührende Szene haben, und den Hauptcharakteren, die dagegen schon zu einer eindimensionalen Parodie mutieren. Das gilt vor allem für den sexsüchtigen König von Strongcliff (Vincent Cassel), der nur mit schönen, jungen Frauen Sex haben will, dem wir zum ersten Mal nach einem solchen Gelage begegnen und der dem Begriff „Oberflächlichkeit“ eine neue Dimension verleiht. Er ist wahrlich nicht der Märchenprinz, sondern eher ein notgeiler, alternder Vampir.
Auffallend bei allen Geschichten ist, wie sehr die bekannten Märchenkonventionen gegen den Strich gebürstet werden. Als habe Garrone sich gefragt „Was würde Disney tun?“ und dann das Gegenteil getan. Daher ist auch in jeder Szene eine ungebremste sexuelle Lust spürbar und alle sind von niederen Trieben und Obsessionen beherrscht. Das gilt für den König von Highhill (Toby Jones), der sich nur für einen einen schweinemäßig riesigen Floh, den er in seinem Gemach füttert, interessiert. Seine Tochter ist ihm dagegen herzlich egal.
Oder für die Königin von Longtrellis (Salma Hayek), die sich unbedingt einen Erben wünscht, dafür ihren Mann in den Kampf mit einem Seeungeheuer schickt und anschließend das blutig pulsierende Herz des Ungeheuers genußvoll verspeist; – wobei wir uns fragen, wer hier das wirkliche Ungeheuer ist. Denn den durch das Ungeheuer verursachten Tod ihres Mannes betrauert sie nur pflichtschuldig.
Ebenso auffallend ist, dass bei Garrone die Frauen das starke Geschlecht sind und sie auch sympathischer sind, während die Männer ausgemachte Trottel sind, mit denen man keinen Funken Mitleid hat. In diesem Anti-Disney-Kosmos gibt es dann auch keinen Traumprinz und die Prinzessin muss die Dinge selbst in die Hand nehmen.
Seine düsteren Märchen bettet Garrone in eine vom Barock inspirierte Fantasywelt, die in ihrer Opulenz verzaubert. Auch dank der prächtigen Ausstattung und den handgemachten Tricks. Das erinnert dann an die vor Jahrzehnten in Cinecittà entstandenen Filme, irgendwo zwischen Fellinis Pracht und dem Trash der Sandalenfilme.

Das Märchen der Märchen - Plakat

Das Märchen der Märchen (Tale of Tales/Il racconto dei racconti, Italien/Frankreich/Großbritannien 2015)
Regie: Matteo Garrone
Drehbuch: Matteo Garrone, Edoardo Albinati, Ugo Chiti, Massimo Gaudioso
LV: Giambattista Basile: Il Racconto dei Racconti, 1634/1636 (Das Märchen der Märchen; Das Pentameron)
mit Salma Hayek, Vincent Cassel, John C. Reilly, Toby Jones, Shirley Henderson, Hayley Carmichachel, Stacy Martin, Bebe Cave, Christian Lees, Jonah Lees, Alba Rohrwacher, Massimo Ceccherini, Guillaume Delaunay
Länge: 134 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Das Märchen der Märchen“
Moviepilot über „Das Märchen der Märchen“
Metacritic über „Das Märchen der Märchen“
Rotten Tomatoes über „Das Märchen der Märchen“
Wikipedia über „Das Märchen der Märchen“ (englisch, italienisch) und „Das Pentagramm“
„Das Pentagramm“ im Projekt Gutenberg (bei Amazon gibt es ebenfalls eine kostenlose Kindle-Version)


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