Vorbereitende Lektüre: Don Winslow: Tage der Toten

Als Don Winslow in den USA schon seit einigen Jahren abgefeiert wurde, war er vom deutschen Buchmarkt komplett verschwunden. Erst Suhrkamp änderte das vor sechs Jahren mit „Pacific Private“, „Pacific Paradise“ und „Frankie Machine“ und dann erschien im September 2010 Don Winslows Opus Magnum; was man halt so sagt, wenn das Buch deutlich dicker als die anderen Werke des Abgefeierten ist und die deutsche Kritik war entsprechend euphorisch. Aus dem Hinterkopf war der Tenor der Besprechungen:
Meisterwerk
Meisterwerk
Meisterwerk
Meisterwerk
Meisterwerk
Meisterwerk
und manchmal auch
Bester Roman des Jahres
Bester Roman des Jahrzehnts
Nur „der Roman, der das Genre neu erfindet“ wurde, glaube ich (wenn ich mich irre: sagt es in den Kommentaren), nie geschrieben. Das wird dafür seit einigen Jahren bei jeder zweiten neuen TV-Serie gesagt.
Eine negative Kritik gab es nur im „Spiegel“ (wenn es irgendwo einen richtigen Verriß gab, verratet es ebenfalls in den Kommentaren).
„Tage der Toten“ stand auf dem ersten Platz der „Buchkultur“-Liste der Krimis, die man in diesem Sommer (also damals diesem) lesen sollte. Naja, mit siebenhundert Seiten empfiehlt er sich schon wegen des Umfangs als Strandlektüre.
Er stand auf dem ersten Platz der Jahresbestenliste der KrimiWelt-Juroren (inzwischen KrimiZeit).
Die Ausbeute an Preisen war dagegen überschaubar: es gab den deutschen Krimipreis und, in Japan, den Maltese Falcon Award
und wie liest sich „Tage der Toten“ zehn Jahre nach seiner US-Publikation und fünf Jahre nach seiner deutschen Veröffentlichung?
Gut.
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Ausführlicher?
Gut, aber nicht so überragend, wie man nach dem Presseecho meinen könnte. Die wenigen Preise und Nominierungen (so war „Tage der Toten“ nicht für den Edgar nominiert) verraten schon etwas und natürlich hat ein megadickes Buch auch immer etwas von einer Fleißarbeit. So als möchte der Autor, wenn er seine normale Seitenlänge massiv überschreitet, sagen: Seht her, ich kann den großen amerikanischen Roman, das Buch, das alles über unsere Gesellschaft verrät, schreiben. Und diese Anstrengung ist dann auch auf jeder Seite spürbar.
Nach den fünf Neal-Carey-Romanen, „Manhattan“ (Isle of Joy) und den beiden California-Noirs „Bobby Z“ (The Death and Life of Bobby Z) und dem mit dem Shamus ausgezeichnete „Die Sprache des Feuers“ (California Fire and Life) legte Don Winslow eine sechsjährige Veröffentlichungspause ein, in der er „Tage der Toten“ (The Power of the Dog) schrieb. Er erzählt von dem Kampf zwischen DEA-Agent Art Keller und dem mexikanischem Drogenbaron Adán Barrera zwischen 1975 und, ohne den 2004 spielenden Epilog, 1999.
Dazu kommen noch einige wichtige Nebencharaktere: die Prostituierte Nora Hayden, die zu Barreras Geliebten wird, der irische, im Hell’s Kitchen in New York aufgewachsene Gangster Callan, der auch in Südamerika mordet, und, weil in Südamerika ohne die Religion überhaupt nichts geht, der katholische Geistliche Vater Parada, der zum Erzbischof von Guadalajara wird.
Außerdem zeichnet Don Winslow die Verflechtungen zwischen nord- und südamerikanischer Politik nach. Denn, – das geriet in den letzten Jahren im Rahmen des Antiterrorkampfes etwas aus dem öffentlichem Fokus -, die USA betrachteten Südamerika seit Ewigkeiten als ihren Hinterhof. Sie mischten sich ungefragt in die dortige Politik ein. Sie stürzten Staatsoberhäupter und unternahmen, im Rahmen der Dominotheorie alles, damit es im Süden keine linken Regierungen (die natürlich alles kommunistisch waren) gibt. Und sie führten eine (erfolglosen) Antidrogenkrieg, der das Wort Krieg wirklich verdient hatte.
Es ist also ein großes Epos, das Don Winslow hier schreiben will. Es ist auch ein nur leicht fiktionalisiertes Geschichtsbuch, das einen heute noch mehr als 2005 verdrängten und auch vergessenen Krieg in Erinnerung ruft. Die Menge an Fakten, die Winslow, der bekennende Geschichts-Geek, ausbreitet, ist schon beeindruckend, hat aber auch etwas von einem Geschichtsbuch, in dem ohne große Unterschiede das Wichtige und das Unwichtige aufgenommen wurde. Unter den Details und breit geschilderten Szenen, wie geplanten, aus verschiedenen Perspektiven geschilderten Verhaftungen oder einer tödlichen Rache, gehen dann schon einmal die großen Linien verloren.
Vom Tonfall liest sich „Tage der Toten“ wie eine lange Reportage, die damit auch das von Don Winslow oft benutzte Präsens rechtfertigt. Es ist für Zeitungsberichte die normale Erzählzeit. Der gewitzte und pointierte Tonfall seiner vorherigen und späteren Romane findet sich hier nicht. „Tage der Toten“ ist, verglichen mit den gerade gelesenen Neal-Carey-Romanen, erschreckend dröge.
Storytechnisch erinnert „Tage der Toten“ dann an eine dieser langen TV-Serie, in der bestimmte Ereignisse breit gezeigt werden, während in einer gerafften Zusammenfassung andere Ereignisse schnell zusammengefasst werden und bestimmte Charaktere über viele Seiten vollkommen aus der Handlung verschwinden. Das gilt auch erstaunlich oft für den Protagonisten Art Keller, der damit erstaunlich blass bleibt. Sowieso bleiben alle Charaktere eher blass.
Dieses Jahr erschien, fast zeitgleich, „Das Kartell“ (The Cartel), die Fortsetzung von „Tage der Toten“ und ich bespreche es die Tage.
Von der Verfilmungsfront gibt es auch Neuigkeiten: „Frankie Machine“ (The Winter of Frankie Machine, 2006) soll jetzt von William Friedkin verfilmt werden. Er möchte es, mit einem kleinen Budget, als harten Thriller verfilmen. Don Winslow soll am Drehbuch mitarbeiten.

Winslow - Tage der Toten - 2

Don Winslow: Tage der Toten
(übersetzt von Chris Hirte)
Suhrkamp, 2010
704 Seiten
9,99 Euro (Taschenbuchausgabe)

Originalausgabe
The Power of the Dog
Alfred A. Knopf, 2005

Hinweise

Hollywood & Fine: Interview mit Don Winslow (11. Juli 2012)

Homepage von Don Winslow (etwas veraltet, weil eigentlich eine Verlagsseite)

Deutsche Homepage von Don Winslow (von Suhrkamp)

Don Winslow twittert ziemlich oft

Meine Besprechung von Don Winslows „London Undercover“ (A cool Breeze on the Underground, 1991)

Meine Besprechung von Don Winslows „China Girl“ (The Trail to Buddha’s Mirror, 1992)

Meine Besprechung von Don Winslows „Bobby Z“ (The Death and Life of Bobby Z, 1997)

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Private“ (The Dawn Patrol, 2008)

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Paradises“ (The Gentlemen’s Hour, 2009) und „Tage der Toten“ (The Power of the Dog, 2005)

Meine Besprechung von Don Winslows „Satori“ (Satori, 2011)

Mein Interview mit Don Winslow zu “Satori” (Satori, 2011)

Meine Besprechung von Don Winslows “Savages – Zeit des Zorns” (Savages, 2010)

Meine Besprechung von Don Winslows “Kings of Cool” (The Kings of Cool, 2012)

Meine Besprechung von Don Winslows „Vergeltung“ (Vengeance, noch nicht erschienen)

Meine Besprechung von Don Winslows “Missing. New York” (Missing. New York, noch nicht erschienen)

Mein Hinweis auf Don Winslows „London Undercover – Neal Careys erster Fall“ (A Cool Breeze on the Underground, 1991)

Meine Besprechung von Oliver Stones Don-Winslow-Verfilmung „Savages“ (Savages, USA 2012)

Don Winslow in der Kriminalakte

Eine Antwort zu Vorbereitende Lektüre: Don Winslow: Tage der Toten

  1. […] Weitere Meinungen gibt es bei Der Schneemann und Kriminalakte. […]

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