Am Ziel: „Das Kartell“ von Don Winslow

Nach der vorbereitenden Lektüre mit zwei kurzweiligen Neal-Carey-Romanen („London Undercover“ und „China Girl“) und seiner siebenhundertseitigen, 2005 erschienenen Chronik des US-Drogenkrieges „Tage der Toten“ bin ich mit „Das Kartell“, dem neuesten Roman von Don Winslow, der fast zeitgleich in den USA und Deutschland erschien, am Ziel von meinem kleinen Don-Winslow-Lesemarathon.
Zehn Jahre nach „Tage der Toten“ erzählt Winslow in „Das Kartell“ die Geschichte von DEA-Fahnder Art Keller und seiner Nemesis, dem mexikanischen Drogenboss Adán Barrera, weiter und widmet sich den Jahren zwischen 2004 und 2012 (mit einem 2014 spielendem Epilog), in denen der Drogenkrieg zunehmend brutaler geführt wurde und die von den Drogenkartellen verursachte Gewalt in Mexiko ungeahnte Ausmaße erreichte.
Am Anfang von „Das Kartell“ gelingt es Barrera, der am Ende von „Tage der Toten“ verhaftet wurde und vor einem US-Gericht angeklagt werden soll, von dem US-Gefängnis in ein mexikanisches Gefängnis überstellt zu werden, aus dem er schnell flüchtet. Art Keller, der sich in ein Kloster zurückgezogen hat, nimmt wieder seine Arbeit als Drogenfahnder auf. Er kennt Barrera am besten und er will ihn zur Strecke bringen.
Die ersten Seiten des über achthundertseitigem Roman lesen sich aufgrund der Ausgangslage eher wie ein klassischer Thriller mit einem klar definiertem Helden und einem ebenso klar definiertem Bösewicht. Das ändert sich im Verlauf des Romans, der in erster Linie eine chronologische Chronik des Anti-Drogenkampfes der USA in Mexiko in den vergangenen zehn Jahren ist und die sich liest, als sei sie direkt von den Schlagzeilen abgeschrieben worden. Diese Struktur, die eine Mischung aus den Titelseiten der Zeitungen und des episodischen Serienfernsehens (das im Rahmen eines daily struggle nicht mehr auf ein festes Ende angelegt ist und daher auch immer wieder mäandert und die Lösung des Konflikts endlos vor sich hin schiebt) ist, führt auch dazu, dass Keller und Barrera immer wieder für Dutzende von Seiten aus der Geschichte verschwinden und dass es breit gezeichnete Subplots gibt, die den Hauptplot (nämlich den Kampf zwischen Keller und Barrea) keinen Millimeter voranbringen.
So gibt es von Seite 383 bis Seite 430 das Kapitel „Journalisten“, das die Arbeit und das Privatleben von einigen Journalisten in Ciudad Juárez, einem Ort mit inzwischen trauriger Berühmtheit, schildert und der Beginn eines eigenständigen Plots ist, der mit Art Keller und Adán Barrera eigentlich nichts zu tun hat. Natürlich geht es in diesem Kapitel auch um die Banden- und Drogenkriminalität, aber jetzt wird der Drogenkrieg plötzlich aus einer Außenperspektive (nämlich der von ehrlichen Menschen, die weder Drogenhändler noch Polizisten sind) geschildert. Das ist nicht uninteressant, aber man hätte das Kapitel auch einfach streichen können, ohne am restlichen Text irgendetwas ändern zu müssen. Solche Episoden, die manchmal zu größeren Subplots werden, gibt es in „Das Kartell“ mehrere und sie tragen auch dazu bei, dass sich mit zunehmender Lektüre ein Gefühl der Erschöpfung einstellt.
Das spiegelt natürlich auch die Vergeblichkeit des Antidrogenkrieges und die zunehmende Erschöpfung von Keller und Barrera wieder. Aber literarisch erinnert dieses Programm dann an die unsäglich „totquatschen, bis alle zustimmen“-Politik, die nicht durch Qualität (die durchaus vorhanden sein kann), sondern nur durch Quantität beeindrucken will.
Wie schon „Tage der Toten“, gehört „Das Kartell“ nicht zu Don Winslows besten Büchern. Vor allem der Humor und die pointierte Verknappung fehlen. Stattdessen werden die Ereignisse oft in einer nüchternen Nachrichtenprosa beschrieben, die über die Strecke von achthundertdreißig Seiten ermüdet. Denn die Gewalt der Drogenkartelle gegeneinander und gegen die Bevölkerung geriet in den vergangenen zehn Jahren in Mexiko vollkommen außer Kontrolle. Aber nach dem dritten Massaker tendiert der Erkenntnisgewinn der Beschreibung des vierten Massakers an einer anderen Verbrecherbande, an Polizisten oder Zivilisten gegen Null. Es ist einfach nur mehr vom Gleichen.
Und wegen der vielen Charaktere und Handlungsstränge (die auch manchmal schnöde fallen gelassen werden; so begibt sich auf Seite 668 ein Drogengangster mit Kellers Hilfe in US-Schutzhaft. Erst viele Seiten später, auf Seite 715, erfahren wir in wenigen Sätzen, was mit ihm geschah, nachdem er sich bei Keller meldete und in US-amerikanische Schutzhaft begeben hat) und der langen Zeit, die die Geschichte umfasst, bleibt „Das Kartell“ dann als ein an allen Ecken und Enden ausfaserndes Werk, das wirklich alles über den Drogenkrieg sagen will (und dabei doch einiges weglässt), doch an der Oberfläche. Dass Don Winslow es besser kann, zeigt er in seinen kürzeren Romanen, die auch nicht durch den Duktus der Faktentreue gebremst werden. In ihnen steigt er wesentlich tiefer in den von den USA in Südamerika geführten, in jeder Beziehung absurden und zunehmend irrationalen Drogenkrieg ein. Also besser „Bobby Z“, „Savages – Zeit des Zorns“ oder „Kings of Cool“, die auch stilistisch überzeugender sind, lesen.

Winslow - Das Kartell - 2
Don Winslow: Das Kartell
(übersetzt von Chris Hirte)
Knaur, 2015
832 Seiten
16,99 Euro

Originalausgabe
The Cartel
Alfred A. Knopf, 2015

Hinweise

Hollywood & Fine: Interview mit Don Winslow (11. Juli 2012)

Homepage von Don Winslow (etwas veraltet, weil eigentlich eine Verlagsseite)

Deutsche Homepage von Don Winslow (von Suhrkamp)

Don Winslow twittert ziemlich oft

Meine Besprechung von Don Winslows “London Undercover” (A cool Breeze on the Underground, 1991)

Meine Besprechung von Don Winslows “China Girl” (The Trail to Buddha’s Mirror, 1992)

Meine Besprechung von Don Winslows „Bobby Z“ (The Death and Life of Bobby Z, 1997)

Meine Besprechung von Don Winslows „Tage der Toten“ (The Power of the Dog, 2005)

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Private“ (The Dawn Patrol, 2008)

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Paradises“ (The Gentlemen’s Hour, 2009) und „Tage der Toten“ (The Power of the Dog, 2005)

Meine Besprechung von Don Winslows „Satori“ (Satori, 2011)

Mein Interview mit Don Winslow zu “Satori” (Satori, 2011)

Meine Besprechung von Don Winslows “Savages – Zeit des Zorns” (Savages, 2010)

Meine Besprechung von Don Winslows “Kings of Cool” (The Kings of Cool, 2012)

Meine Besprechung von Don Winslows „Vergeltung“ (Vengeance, noch nicht erschienen)

Meine Besprechung von Don Winslows “Missing. New York” (Missing. New York, noch nicht erschienen)

Mein Hinweis auf Don Winslows „London Undercover – Neal Careys erster Fall“ (A Cool Breeze on the Underground, 1991)

Meine Besprechung von Oliver Stones Don-Winslow-Verfilmung „Savages“ (Savages, USA 2012)

Don Winslow in der Kriminalakte

 

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: